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Im Gespräch: Jens Wilhelm, Union Invest "Wir müssen uns an heftige Kursausschläge gewöhnen"

10.12.2011 ·  Jens Wilhelm, Vorstand der Union Asset Management, verheißt die Renaissance der Aktie. Von Bundesanleihen hält er dagegen wenig.

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Herr Wilhelm, wird die Euro-Krise die Geldanlage dauerhaft verändern?

Ja, auf jeden Fall. Die Schuldenkrise ist ein Einschnitt. Wichtige Parameter für die Geldanlage werden sich für viele Jahre ändern. Wir werden mit weniger Wirtschaftswachstum und geringeren Aktiengewinnen auskommen müssen. Es wird heftigere Kursschwankungen und kürzere Aufschwungphasen geben. Geld anlegen wird eine noch größere Herausforderung.

Das sind ja traurige Aussichten. Wie schlimm wird es werden?

Das Wirtschaftswachstum wird weltweit um rund ein Viertel niedriger ausfallen als in der Vergangenheit. Die Eurozone wird dabei in den nächsten Jahren zum Schlusslicht unter den entwickelten Ländern. Das liegt an der Überschuldung der Staaten, aber auch an der zunehmenden Überalterung der Bevölkerung.

Warum wachsen denn alle schwächer?

Wir sind am Ende einer Ära der Verschuldung angelangt. Sie hat uns 30 Jahre lang überdurchschnittliches Wachstum gebracht. Doch jetzt ist die Last zu hoch, es muss gespart werden. Dadurch fallen nach den Unternehmen und den Konsumenten nun auch die Staaten als Treiber für mehr schuldenfinanziertes Wachstum aus. Die Notenbanken können nicht mehr so gut wie früher mit ihrer Geldpolitik stimulieren, denn die Zinsen sind ja schon historisch niedrig.

Aber wenn das Wachstum kleiner ausfällt, müssen wir immerhin keine höhere Inflation befürchten.

In den nächsten Jahren nicht, da müssen Anleger eher Angst vor Deflation, also sinkenden Preisen, haben. Aber wenn die Konjunktur sich erholt, droht in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts eine höhere Inflation. Vier bis fünf Prozent statt bisher 2,5 Prozent werden dann zur Regel. Ursache werden die Rohstoffe sein, die strukturell stärker nachgefragt werden, aber immer teurer zu fördern sind.

Und warum werden die Kursschwankungen heftiger?

Die Notenbanken haben nicht mehr so viele Möglichkeiten, Einbrüche abzufedern. Zudem investieren Banken und Versicherungen weniger an den Börsen als früher und entziehen den Märkten damit Liquidität. Und der Rest handelt gleichgerichteter als bisher. Außerdem nimmt die Unsicherheit zu, denn die Dauer der Wirtschaftszyklen wird sich in etwa halbieren auf nur noch vier Jahre. Das heißt, kaum ist der Aufschwung da, fürchten die Ersten schon wieder den Einbruch. Auch das sorgt für nervösere Märkte.

Wie müssen Privatanleger auf all das reagieren?

Da die Kursschwankungen zu- und die Dauer der Aufschwungphasen abnehmen, müssen Anleger ihr Depot häufiger umschichten. Da man aber nicht immer den richtigen Kaufzeitpunkt treffen kann, wird regelmäßiges Sparen noch wichtiger. Wenn man jeden Monat Geld anlegt, erwischt man mal gute und mal schlechte Kaufzeitpunkte, was das Risiko, völlig falsch zu liegen, reduziert.

Sollten Anleger bei all den Ungewissheiten nicht besser gleich verstärkt auf sichere Anlagen setzen?

Sicherheit hat einen sehr hohen Preis. Die Zinsen sind so niedrig, dass Anleger nach Steuern und Inflation derzeit sogar Verlust machen. Für Bundesanleihen kann ich mir selbst nach einem Abflauen der Schuldenkrise in den nächsten Jahren Renditen von mehr als drei Prozent schwer vorstellen. Das heißt, wir werden eine Renaissance der Aktie erleben müssen, weil das einer der wenigen Wege ist, um eine ordentliche Rendite zu erreichen. Zwar werden die Kursgewinne genauso wie das Wirtschaftswachstum um rund ein Viertel sinken. Aber das heißt für die Aktien der entwickelten Länder noch Renditen von durchschnittlich fünf bis sieben Prozent, für die Schwellenländer sogar im zweistelligen Bereich. Dabei werden dividendenstarke Aktien an Bedeutung gewinnen, weil die Ausschüttung für Stabilität im Depot sorgt.

Aber der Dax wird doch wohl wie bisher besser laufen?

Nein, diese Hoffnung sollte man erst mal nicht mehr haben. Zum einen exportiert Deutschland immer noch einen großen Teil nach Europa und leidet daher unter den schwachen Aussichten des Kontinents. Zum anderen kommen die starken deutschen Exportbranchen zunehmend unter verschärften Wettbewerbsdruck. Denn auch die Chinesen werden irgendwann hochwertige Autos und Maschinen bauen können und nicht mehr nur unsere kaufen.

Sollte man denn künftig Anleihen komplett meiden, wenn nicht einmal Staatsanleihen noch sicher sind?

Keineswegs. Unternehmensanleihen sind attraktiv und bringen bei solider Schuldnerqualität oftmals mehr Zinsen als vergleichbare Staatsanleihen. Bei den klassischen Fluchtländern wie Skandinavien würde ich auf Pfandbriefe setzen, sie bieten etwas mehr Rendite bei ähnlicher Sicherheit wie Staatsanleihen. Attraktive Renditen gibt es auch bei Anleihen der Schwellenländer, die teilweise weniger verschuldet sind, ein hohes Wirtschaftswachstum aufweisen und eine junge Bevölkerung haben.

Aber die stecken voller politischer Risiken?

Gibt es etwa im Euroraum bei all den EU-Rettungsgipfeln kein politisches Risiko? Sie dürfen entscheiden, welches größer ist. Ich würde da derzeit auf Europa tippen.

Sind Immobilien noch attraktiv?

Ja, denn es wird wenig gebaut, während die Nachfrage von Großanlegern wie etwa Versicherungen zunimmt, die nach Alternativen zu Staatsanleihen suchen. Die gestiegenen Mieten machen Immobilien zudem interessant.

Aber sind die Preise in Deutschland nicht schon viel zu stark gestiegen?

Ich kann noch keine Blase erkennen. Was wir sehen, ist ein Nachholeffekt nach den vielen Jahren stagnierender oder sogar fallender Preise. Privatanleger sollten aber bedenken, dass der Kauf einer Wohnung oder eines Hauses riskant sein kann, weil er oft große Teile des Vermögens bindet. Auch bei Immobilien ist es also von Vorteil, sein Geld auf mehrere Objekte zu verteilen. Das geht für die meisten nur mit Immobilienfonds.

Was erwarten Sie für die Börsen im nächsten Jahr?

In der Euro-Schuldenkrise sind wir an einem entscheidenden Punkt angelangt. Weiter auf Zeit spielen geht nicht mehr. Allein im Januar muss Italien 15 Milliarden Euro neues Kapital aufnehmen, im Februar 53 Milliarden. Wenn bis dahin die Märkte nicht mehr Vertrauen in eine Lösung der Schuldenkrise haben, werden die Renditen auf nicht akzeptable Niveaus steigen. Daher müssen die Probleme jetzt unbedingt gelöst werden. Die Beschlüsse des EU-Gipfels in der vergangenen Woche werden wohl noch nicht ausreichen. Aber der Kurs stimmt, und wenn jetzt weitere klare Signale von der Politik und der EZB kommen, dann werden die Märkte wieder auf die Wirtschaftsaussichten schauen, und die sind gar nicht so schlecht.

Aber wir schlittern doch in eine Rezession?

Das haben die Märkte im Herbst angenommen. Und Italien und Spanien werden wohl tatsächlich in die Rezession rutschen. Aber Deutschland wird 2012 mit etwa einem Prozent wachsen. Für Amerika erwarten wir eine Beschleunigung auf 2,1 Prozent, weshalb auch amerikanische Aktien interessant sind. Moderates Wachstum bei niedrigen Zinsen ist ein gutes Umfeld für Anlagen wie Aktien, Rohstoffe und Unternehmensanleihen. 2012 kann also sogar ein besseres Börsenjahr werden, als es viele Anleger befürchten.

Der Fondsgenosse

Jens Wilhelm trägt Verantwortung für 177 Milliarden Euro. So viel verwaltet die Union Investment, die Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken. Der 45-Jährige entscheidet mit seinen Mitarbeitern, wie die Milliarden angelegt werden. Denn er ist seit 2008 in der Muttergesellschaft Union Asset Management Vorstand für das Kapitalmarktgeschäft und damit oberster Anlageexperte. Seit 2002 arbeitet er im Konzern. Davor war er im Fondsmanagement der Dresdner Bank tätig. Wilhelm studierte Betriebswirtschaftslehre an der Universität zu Köln.

Das Gespräch führte Dyrk Scherff.

Quelle: F.A.S.
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