12.12.2008 · Die Fondsgesellschaften stecken in der Klemme. Die Erträge sinken und die verunsicherte Kundschaft zieht ihr Geld in Massen ab. James Broderick von J.P. Morgan Asset Management spricht über das Geschäft in schwierigen Zeiten.
Die Fondsgesellschaften stecken in der Klemme. Die Kursverluste an den Aktienmärkten lassen die Erträge sinken. Gleichzeitig zieht die verunsicherte Kundschaft ihr Geld in Massen aus Investmentfonds ab.
Mit einem verwalteten Vermögen von rund 150 Milliarden Euro gehört J.P. Morgan Asset Management zu den größten Fondsgesellschaften in Europa. Der Europa-Chef, James Broderick, spricht über das Geschäft in schwierigen Zeiten und die Lehren aus der Krise.
Ist die massenhafte Rückgabe von Fondsanteilen, die europaweit zu beobachten ist, nicht ein Misstrauensvotum gegenüber den Anbietern?
Misstrauen ist nicht die vorherrschende Emotion, die wir in der Anlegerschaft beobachten. Dort herrschen vielmehr Angst und Panik, vor allem mit Blick auf die Aktienmärkte. Misstrauen stellt sich ein, wenn beispielsweise eine Erwartungshaltung geweckt und dann nicht eingehalten wird. Bei Fonds kann man das nicht verallgemeinern. Ein Anleger in einem Schwellenmarkt-Aktienfonds sollte eigentlich wissen, dass es in diesem riskanten Umfeld auch einmal Rückschläge geben kann. Insofern sollte sich das Enttäuschungspotential gegenüber dem Anbietern in Grenzen halten. Bei Geldmarktfonds sieht das wiederum ganz anders aus. Wenn dort das Versprechen eines Werterhalts gebrochen wird, ist das ein Vertrauensbruch gegenüber dem Anleger.
Immerhin hat es solche Aussetzer während der Krise durchaus gegeben.
Ein Beispiel sind die angelsächsischen AAA-Geldmarktfonds. Sie sind vom Ansatz her ein klassischer Liquiditätsparkplatz - die Fondsgesellschaft hat deshalb zu gewährleisten, dass das Kundengeld immer zur Verfügung steht. Wir selbst haben diese Herausforderung gemeistert. Manche Anbieter bekamen aber Probleme, als an den Kreditmärkten nichts mehr ging. Sie hatten schlicht die Grundregeln vergessen. Sie kauften Wertpapiere ein, die viel zu illiquide für die Ausrichtung der Fonds waren oder zu lange Restlaufzeiten aufwiesen. Ein ziemlich großer amerikanischer AAA-Geldmarktfonds, der Reserve Primary Fund, erlitt deshalb Schiffbruch. Ich weiß zwar nicht genau, was da passiert ist. Aber es ist offensichtlich, dass in Sachen investiert wurde, die in einen solchen Fonds nicht hineingehören. In 19 von 20 Jahren mag das gutgehen. Aber wir arbeiten nicht in einem Geschäft, das nur auf 19 Jahre ausgerichtet ist.
Wie haben Sie die Tage im Oktober, als die Verunsicherung der Investoren einen vorläufigen Höhepunkt erreichte, eigentlich erlebt?
Das war schon eine anstrengende Zeit. Als es aber ganz schlimm wurde, hat mich die Reaktion meiner Leute beeindruckt. Sie haben härter gearbeitet als jemals zuvor und den Kontakt zu unseren Geschäftspartnern gesucht. Es ging dabei nicht darum, den Kunden irgendwelche Fonds zu verkaufen. Es ging darum, in schwierigen Zeiten Präsenz zu zeigen und nicht einfach unterzutauchen.
Sie überschauen das Geschäft für Ihre Fondsgesellschaft in ganz Europa. Gab es denn regionale Unterschiede in den Reaktionen der Anleger?
Die gibt es schon. Die Spanier sind beispielsweise extrem risikoscheu geworden. Da ist viel aus Fonds in Spareinlagen und Bargeld gewandert. In Italien und Deutschland war es ähnlich, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt.
Im Fondsvertrieb über Bankfilialen war europaweit der größte Absatzeinbruch zu verzeichnen. Wie erklären Sie sich das?
Banken haben derzeit ein größeres Interesse daran, ihre Einlagen zu erhöhen, als ihren Kunden Fondsanteile zu verkaufen. Das ist ein Problem für uns. Gleichzeitig hat die Finanzkrise aber auch aufgedeckt, dass es erhebliche qualitative Unterschiede in der Kundenberatung und der Produktauswahl gibt. Es dürfte eine Kombination aus diesen beiden Dingen sein.
Hat Sie das Ausmaß des Rückzugs überrascht?
Was auffällig ist, ist die starke Schwankungsanfälligkeit des europäischen Fondsgeschäfts im Vergleich zu den Vereinigten Staaten. Wie amerikanische und wie europäische Anleger investieren - da besteht ein großer kultureller Unterschied. Hilfreich für die Amerikaner ist wahrscheinlich das etablierte Altersvorsorgesparen mit staatlicher Unterstützung über Fonds, die sogenannten 401(k)-Pläne. Eine ganze Generation hat dadurch das Prinzip der langfristigen Geldanlage verinnerlicht.
Sie können derzeit eigentlich so viel Präsenz zeigen, wie sie wollen: Die Anleger ziehen trotzdem Geld aus Fonds ab.
Vor allem die Fluchtbewegung aus dem Aktienmarkt ist wirklich sehr schmerzhaft. Wir sind solide, langfristig orientierte Anleger mit der Einstellung, dass jeder Korrektur ein neuer Aufschwung folgt. Es ist traurig, nun mit ansehen zu müssen, wie viele Jahre soliden Investierens verlorengehen, weil die langfristige Anlageorientierung vielfach über Bord geworfen wird. Wir sind aber nicht in Panik. Unser Geschäftsmodell haben wir über die Jahre breit aufgestellt, so dass die Erträge aus vielen Quellen fließen
Ist es derzeit schwierig für Fondsanbieter, profitabel zu arbeiten? Für manche wird es schwierig.
Was muss denn passieren, damit aus Mittelabflüssen wieder Mittelzuflüsse in Fonds werden? Es wird einige Jahre dauern, bis die Leute das Geschehen verarbeitet haben. Das steht fest. Das Traurige daran ist, dass die kommende Erholung der Märkte an vielen potentiellen Rückkehrern vorbeigehen wird. Was einen Fondsanbieter aber glücklich stimmen kann, sind die Riesensummen an Geld, die derzeit auf den Sparkonten herumliegen und auf eine attraktive Anlagemöglichkeit warten. Das ist ein bedeutender Umstand für uns. Überall in Europa gehen die Zinsen nach unten. Damit wird die Verzinsung der sicheren Häfen immer unattraktiver - und die Leute werden sich demnächst wieder nach langfristigen, höher rentierlichen Anlagen umsehen. Gleichzeitig wird das Bewertungsniveau von Aktien attraktiver. Da ist der nächste Marktaufschwung in Sicht - nicht im nächsten Jahr, aber danach.
Beobachten Sie schon eine Veränderung im Geschäftsgebaren der europäischen Fondsanbieter?
Ich bezeichne das als eine Rückkehr zu den Wurzeln unseres Geschäfts. Eine Menge Dinge, die sehr wichtig wurden während dieser Krise, sollten für uns unabhängig von der Krise wichtig sein. Ich meine damit grundsätzliche Kontrollmechanismen und grundsätzliche Anlagephilosophien, die Vermögensverwalter immer beherzigen müssen - was zuletzt aber leider nicht immer der Fall war. Ein gutes Beispiel ist das Kontrahentenrisiko. Man muss als Fondsanbieter immer vor Augen haben: Wer hält das Geld der Kunden, und was passiert mit dem Geld, wenn das Gegenüber pleitegeht und verschwindet? Das sind Fragen, die man sich in allen Marktszenarien immer wieder stellen muss, auch wenn sie vielleicht nur einmal im Leben relevant werden. Man muss im Risikomanagement und im Liquiditätsmanagement immer auf diesen Moment vorbereitet sein.
Wird sich die Angebotspalette von Fondsgesellschaften im Zuge der Finanzkrise verändern?
Manche Gesellschaften werden stärker in das Geschäft mit passiv verwalteten Fondsprodukten einsteigen. Ich selber halte das aber für keine gute Idee. Derzeit laufen zwar die meisten aktiven Fondsmanager ihren Vergleichsindizes hinterher. Das liegt aber daran, dass fundamentale Unternehmensdaten als Kurstreiber nur eine untergeordnete Rolle spielen. Mich würde derzeit sogar ein überdurchschnittliches Abschneiden beunruhigen, weil dieses auf Intuition beruhen würde. Wenn Bewertungen an den Märkten jedoch wieder eine Rolle spielen, werden gute aktive Fondsmanager auch wieder einen Mehrwert erwirtschaften.
Einige Ihrer Wettbewerber erwarten einen Wandel: Weg vom Fonds als Zugangsform zu den unterschiedlichsten Kapitalmärkten; hin zu lösungsorientierten Ansätzen, mit denen beispielsweise eine bestimmte Rendite angestrebt wird.
Diese Fonds gehören aber auch zu den komplexeren Produkten. Sie bauen normalerweise auf anspruchsvollen Derivatekonstruktionen auf und können die zuvor geweckten Erwartungen rasch enttäuschen. Das Konzept solcher Fonds beißt sich mit dem Wunsch in der Anlegerschaft nach verständlicheren Anlageprodukten. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass Investmentfonds in Zukunft wieder einfacher und leicht verständlich werden. Das ist eine Lehre aus der Krise.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |