Herr Mallaby, sind Hedge-Fonds-Manager verschwiegenere Menschen als andere Teilnehmer an den Finanzmärkten?
Ja. Nur die wenigsten Hedge-Fonds sind so öffentlich wie etwa börsennotierte Aktiengesellschaften. Sie müssen daher weniger über sich selbst publizieren. Sie haben auch nur wenige Kunden. Eine große Bank wie Goldman Sachs oder die Deutsche Bank veröffentlicht viele Dinge. Aber was diese Banken im Eigenhandel genau machen, erfahren Sie auch nicht. Jener Teil des Bankgeschäfts, der dem Geschäft der Hedge-Fonds ähnelt, bleibt auch geheim.
Sind Hedge-Fonds-Manager bösere Menschen?
Nein, sie sind im Durchschnitt nicht böser als andere. Kriminelle und Scharlatane findet man in allen Branchen. Es gibt Hedge-Fonds-Manager, die behaupten, besonders erfolgreich zu sein, aber verschweigen, dass sie sehr große Risiken eingehen. Das geht zwei oder drei Jahre gut, aber dann drohen die Risiken den Fonds zu erschlagen. Ein Fonds namens Amaranth galt einmal als sehr erfolgreich, und dann verlor er innerhalb kurzer Zeit 6 Milliarden Dollar.
Welches Image haben Hedge-Fonds in den Vereinigten Staaten?
Viele Amerikaner empfinden ein großes Misstrauen gegenüber der Wall Street. Sie fragen, welcher wirtschaftliche Nutzen sich hinter diesen Finanzgeschäften verbirgt und ob es nicht nützlicher ist, etwas Handfestes zu produzieren. Hedge-Fonds bilden einen Teil dieses Misstrauens.
Würde mehr Transparenz das Image der Hedge-Fonds verbessern?
Ja. Hedge-Fonds verfügen über gute Argumente, um ihren wirtschaftlichen Nutzen zu begründen. Viele Hedge-Fonds-Manager wollen aber nicht mit den Medien sprechen. Ich halte das für einen Fehler.
Welchen gesamtwirtschaftlichen Nutzen haben Hedge-Fonds?
Da Risiken in der Finanzwelt nun einmal existieren, muss sie jemand übernehmen. Das können Hedge-Fonds besser als Investmentbanken, Universalbanken, Versicherer, Investment- oder Geldmarktfonds. Während in den vergangenen Jahren viele andere Finanzinstitute durch Steuergelder gerettet werden mussten, gab es keine Notwendigkeit, einen Hedge-Fonds zu retten.
Warum nicht?
Sie besitzen Anreize, Research zu betreiben, um ihre Geschäfte zu verstehen.
Welche Anreize sind das?
Zum einen behält ein Hedge-Fonds 20 Prozent seines erzielten Gewinns ein. Das ist schon ein starker Anreiz. Wer hat zuerst die Krise im amerikanischen Subprime-Immobilienmarkt erkannt? Das waren Hedge-Fonds. John Paulson hatte zuvor 2 Millionen Dollar in ein Research-Budget investiert, um möglichst detaillierte Informationen über die Preise am amerikanischen Immobilienmarkt zu erhalten. Erst nachdem Paulson über ausreichende Informationen verfügte, spekulierte er auf ein Ende des Booms auf dem Subprime-Markt. Hedge-Fonds-Manager sind harte Arbeiter. Ein weiterer Anreiz besteht in der Tatsache, dass viele Manager einen großen Teil ihres eigenen Vermögens in ihrem Fonds verwalten.
Das müsste auch eine beruhigende Nachricht für die Kreditgeber sein.
Normalerweise leiden die Kreditgeber nicht, wenn ein Hedge-Fonds Geld verliert, weil man einen Fonds schnell schließen kann. Nehmen wir wieder das Beispiel des Fonds Amaranth, der innerhalb kurzer Zeit 6 Milliarden Dollar verlor. Das war viel Geld, aber Amaranth besaß zuvor ein verwaltetes Vermögen von 9 Milliarden Dollar. Selbst nach einem Verlust von 6 Milliarden Dollar gab es noch ein Vermögen von 3 Milliarden Dollar, und so konnte der Fonds abgewickelt werden, ohne dass ein Kreditgeber Geld verlor. Auf diese Weise lässt sich auch verhindern, dass die Malaise eines Hedge-Fonds andere Fonds mit in den Abgrund zieht.
Kann nicht auch ein Hedge-Fonds systemrelevant werden (“too big to fail“)?
Ja, das ist möglich. Die 1998 in die Krise geratene Long-Termin Capital Management (LTCM) wäre beinahe ein solcher Fall gewesen. Zum einen hatte sich LTCM im Vergleich zu anderen Fonds sehr hoch verschuldet. Zum anderen hatte der Fonds stark in illiquide Märkte investiert; zum Beispiel in Optionen auf die Volatilität des französischen Aktienmarkts. Diese Optionen konnten in der Krise nicht schnell verkauft werden.
Was folgt daraus?
Fonds, die als Folge hoher Verschuldung noch mehr Mittel bewegen als LTCM, sollten Regulierern Informationen zur Verfügung stellen; zum Beispiel über das Management ihrer Liquidität.
Sie sind also nicht grundsätzlich gegen Regulierungen von Hedge-Fonds?
Ich bin für Regulierungen sehr großer Hedge-Fonds. Wenn Fonds so groß werden wie Investmentbanken, sollte man sie regulieren wie Investmentbanken.
Was haben sie in der Krise gelernt?
Hedge-Fonds haben, wie andere Marktteilnehmer auch, gelernt, dass es in einer Krise noch viel schlimmer kommen kann als zuvor gedacht. Anekdotische Evidenz legt nahe, dass viele Manager ihre Mittel nunmehr vorsichtiger anlegen.
Seit dem Ausbruch der griechischen Schuldenkrise stehen Hedge-Fonds in der Kritik europäischer Politiker. Spielen Hedge-Fonds eine politische Rolle?
Hedge-Fonds machen Geschäfte mit Devisen und Staatsanleihen. Insofern können ihre Aktionen politische Konsequenzen besitzen. Ich denke aber nicht, dass man dies den Hedge-Fonds vorwerfen kann. Nehmen Sie das Beispiel Griechenlands: Die griechischen Politiker haben viel zu niedrige Angaben über ihre Staatsverschuldung gemacht. Für diese lügnerischen Angaben von Politikern trägt kein Hedge-Fonds Verantwortung. Griechenland ist tatsächlich ein extremes Beispiel für ungerechtfertigte Beschuldigungen von Hedge-Fonds durch Politiker.
Dienen Hedge-Fonds als Sündenböcke?
Ja. Die Politiker nutzen das schlechte Image, das Hedge-Fonds in der Öffentlichkeit besitzen, für ihre eigenen Zwecke.
Sie bezeichnen Hedge-Fonds als neue Merchant Banks. Wie meinen Sie das?
Vor 50 Jahren waren die späteren großen Investmentbanken wie Goldman Sachs deutlich kleinere Merchant Banks auf der Basis einer privaten Partnerschaft von Eigentümern, die als Manager ihr eigenes Geld verwalteten. Sie waren unreguliert und suchten in den Kapitalmärkten opportunistisch nach Gelegenheiten, Gewinn zu machen. Das ist das heutige Geschäftsmodell von Hedge-Fonds. Und so wie die Merchant Banks vor 50 oder 60 Jahren kein systematisches Risiko darstellten, haben heute die meisten Hedge-Fonds kein systematisches Risiko. Im Laufe der Zeit sind einzelne Merchant Banks systemrelevante Investmentbanken geworden. Und so werden in Zukunft auch systemrelevante Hedge-Fonds entstehen.
Wird die Rolle von Hedge-Fonds überschätzt? Im Vergleich zu Pensionsfonds, Investmentfonds oder Versicherern beträgt das von ihnen verwaltete Vermögen nur einen Bruchteil.
Das stimmt. Aber Hedge-Fonds sind trotzdem sehr wichtig, weil sie „smart money“ verwalten.
Was meinen Sie damit?
Viele Großanleger streben nicht nach maximalen Renditen, sondern orientieren sich an einem Index. Der Anteil von Pensionsfonds und Investmentfonds am Handel der New Yorker Aktienbörse ist gering. Hedge-Fonds suchen nach höheren Renditen und handeln sehr viel.
Die von Hedge-Fonds gelegentlich veröffentlichten sehr hohen Renditen wirken in der Öffentlichkeit oft nicht sehr glaubwürdig. Wie seriös sind diese Angaben?
Datenbanken, die Ergebnisse von Hedge-Fonds veröffentlichen, wohnen bestimmte Schwierigkeiten inne. Alle Angaben von Hedge-Fonds sind freiwillig. Man findet in diesen Datenbanken vor allem Fonds, die Jahre überstehen, während Fonds, die schnell wieder aus Erfolglosigkeit verschwinden, oft nicht enthalten sind. Die Angaben aus den Datenbanken zeichnen daher ein zu gutes Bild. Andererseits können Ökonomen diese statistischen Übertreibungen herausrechnen. Und dann schneiden Hedge-Fonds als Anlageklasse immer noch sehr gut ab.
Aber je mehr Hedge-Fonds sich auf den Märkten tummeln, umso geringer wird die Chance, eine überdurchschnittliche Rendite auf diesen Märkten zu erzielen.
Das stimmt. Aber ich denke, dass sich als Folge der Globalisierung zusätzliche Märkte öffnen werden. Derzeit können Ausländer keine indischen Anleihen kaufen, aber in ein paar Jahren dürften Ausländer indische Anleihen handeln. Es wird neue Produkte geben. Vor zehn Jahren war es kaum möglich, die sogenannten Katastrophen-Bonds zu handeln. Heute ist das problemlos möglich. Und außerdem dürfte die Anzahl digitalisierter Wirtschaftsdaten weiter zunehmen, die zur Analyse durch Hedge-Fonds zur Verfügung stehen werden.
Der Chronist der Hedge-Fonds-Branche
Der Brite Sebastian Mallaby arbeitet derzeit als Paul A. Volcker Senior Fellow für internationale Ökonomik in der Washingtoner Denkfabrik Council on Foreign Relations (CFR). Dort leitet er das Center for Geoeconomic Studies, dessen Tätigkeit die Gebiete globale Ökonomik, Finanzwesen und Geopolitik miteinander verbindet. Mallaby ist daneben seit Jahren als Buchautor und Zeitungskolumnist, unter anderem für die „Washington Post“, hervorgetreten. Vor einigen Monaten veröffentlichte er das von der Kritik hoch gelobte Buch „More Money than God“ (The Penguin Press, New York 2010), das eine breit angelegte und tief recherchierte Geschichte und Analyse der Hedge-Fonds-Branche zum Thema hat.