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Im Gespräch: Hans Neuendorf, Artnet-Vorstand „Warhol ist eine sehr spekulative Anlage“

31.08.2011 ·  Hans Neuendorf ist Großaktionär und Vorstandsvorsitzender von Artnet. Die Aktiengesellschaft betreibt einen virtuellen Marktplatz, der Kunst und Informationen über Kunst anbietet.

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Herr Neuendorf, die Not der Anleger ist groß. Flüchten die jetzt aus Aktien und Anleihen in die Kunst?

In so turbulenten Phasen wie diesen fließt immer Vermögen in die Kunst. Das hatten wir schon in den neunziger Jahren, als in Japan Aktien und Immobilienpreise verrückt gespielt haben. Und auch jetzt verlagert sich etliches Geld in die Kunst.

Dann kann es nicht lange dauern, bis der Kunstmarkt überhitzt ist.

Richtig. Da der Kunstmarkt in Relation zu anderen relativ klein ist, hat das zuströmende Geld enorme Preissteigerungen zur Folge.

Fürchten Sie einen Absturz der Preise?

Die Gefahr ist gegeben, ganz klar. Besonders dadurch, dass jetzt viele Branchenfremde investieren. Diese Nichtkenner nehmen nur die bekanntesten Namen, die werden dann disproportional hoch bewertet, was die Gefahr eines Absturzes verschärft -, alles zu Lasten der anderen Künstler übrigens, die nicht von der Welle erfasst werden: Denen geht es nicht besonders gut in diesen Zeiten.

Welches war das teuerste Objekt, das Sie je in einer Online-Auktion versteigert haben?

„Flowers“ von Andy Warhol, dafür hat ein privater amerikanischer Sammler vor wenigen Wochen 1,3 Millionen Dollar bezahlt.

Große Namen ziehen immer.

Ja. Warhol steht seit Jahren hoch im Kurs, da ist eine extrem starke Spekulation im Gange. Der Warhol-Markt war schon mal sehr stark, ist dann zwischenzeitlich runter, so dass Leute gesagt haben: Da muss man aussteigen. Jetzt ist Warhol wieder verschärft hoch, eine sehr spekulative Anlage.

Sie haben schon 1964, als Erster in Deutschland, Warhol ausgestellt. Bewegt sich die Kunst über die Jahrzehnte in ähnlichen Zyklen wie die Konjunktur?

Ja, auch in der Kunst gibt es Moden, nicht anders als an der Börse. Im Herbst werden wir einen Index für zeitgenössische Kunst starten, den C50, daran lassen sich diese Zyklen verfolgen,

Wie funktioniert dieser Kunst-Index?

Ähnlich wie der Dow oder der Dax, nur dass wir statt der meist gehandelten Aktien die wichtigsten Künstler erfassen, da führen wir alle Auktionspreise der vergangenen 25 Jahre zusammen.

Wie viel kassiert Ihre Online-Börse an jedem Gemälde?

Normalerweise zahlt der Einlieferer 10 Prozent und der Käufer 15 Prozent. Rabatte sind je nach Wert der Kunstgegenstände - ähnlich wie bei konventionellen Auktionen - ganz normal.

Die etablierten Auktionshäuser verlangen 30 bis 50 Prozent.

Wir berechnen nur ungefähr die Hälfte, das geht, weil wir sehr viel geringere Kosten haben. Kein Transport, keine Versicherung, keine Ausstellung, kein Katalog.

Verglichen mit den Traditionshäusern, haben Sie sehr viel günstigere Ware im Angebot: Wie schwierig ist es, an exquisite Stücke zu kommen?

Bisher ist es schwierig, weil wir uns als Online-Börse in der Breite noch nicht durchgesetzt haben. Der Warhol hat jedoch gezeigt: Sobald der Name prominent ist, werden auch in der Internetauktion hohe Preise bezahlt. Und ich bin fest überzeugt: Irgendwann wird der gesamte Kunsthandel im Internet landen.

Eine kühne These, wie kommen Sie dazu?

Das Internet ist nun mal so viel schneller und so viel günstiger, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass das Publikum die konventionellen Auktionen noch lange mitmacht.

Noch liegen Sie weit abgeschlagen hinter Sotheby's und Christie's, Konzernen mit Milliardenumsätzen.

Ach, wissen Sie, die großen Auktionshäuser haben 250 Jahre gebraucht, bis sie diese Größe erreicht haben. Wenn Sie mir ein Zehntel davon genehmigen, werden wir es schaffen, das Feld zu erobern.

Was ist Ihr Anspruch an die Kunst? Bekommt im Internet jeder Hobbykleckser seine Chance?

Nein. Wir beschränken uns auf anerkannte Künstler. Mit Hobbykunst haben wir nichts zu tun, sind aber offener in dem, was wir akzeptieren. Da wir nicht die Kosten haben wie herkömmliche Auktionshäuser, bieten wir auch weniger populäre und somit riskantere Werke an, nicht nur die super bekannten Namen. Die Großen beschränken sich auf sichere Sachen, den Rest lehnen sie von vornherein ab.

Wie lange stellen Sie die Kunstwerke ins Netz?

Fünf bis zehn Tage, die Besucher unserer Seite erwarten ständig wechselnde und immer neue attraktive Angebote.

Und wenn sich bis dahin kein Abnehmer findet?

Dann ist kein Schaden angerichtet, wir versuchen es nach 14 Tagen wieder, vielleicht später sogar ein drittes Mal. Manchmal werden im dritten Anlauf sehr gute Preise erzielt für Gegenstände, für die vorher niemand geboten hat.

Wer sind Ihre Käufer?

Meist Privatleute, eher außerhalb des engen professionellen Kunstmarktes. Leute, die gern mal für Kunst Geld ausgeben, aber nicht gern in die großen Auktionshäuser gehen, da sie sich dort vielleicht unsicher fühlen. Internetauktionen sind eine große Chance für ein breites und sehr unterschiedliches Publikum. Vor allem junge Menschen, die mit dem Internet groß geworden sind, finden leichter und schneller Zugang zu unserem Geschäftsmodell als zu traditionellen Galerien oder Auktionen.

Wenn die Zielgruppe so groß ist, warum ist Ihre Firma dann vor Jahren nur knapp am Bankrott vorbeigeschrammt?

Weil wir der Zeit voraus waren, Das Internet war nicht so weit verbreitet, es gab technische Probleme. Kein Mensch hatte damals, vor zehn Jahren, das nötige Vertrauen, um ernsthaft Kunst im Internet zu ersteigern.

Jetzt sind Sie 73, wahrscheinlich einer der ältesten Vorstandschefs an der Börse und immer noch erfüllt von der Zuversicht, es allen zu zeigen?

Genau. Wir machen weiter, die gegenwärtigen Zustände im Kunstmarkt werden sich nicht dauerhaft behaupten. Für uns spricht die ökonomische Logik.

Vielleicht passen Kunst und Kommerz einfach nicht zusammen?

Von wegen, das passt sehr gut. Kunst war schon immer Vermögensanlage. Jeder, der 100.000 Euro ausgibt für ein Bild, überlegt sich, ob er das Geld wiederkriegt und wie lange das dauert. Dieser Investitionsaspekt wird von allen mitbedacht.

Das bestreiten Sammler.

Weil sie gerne herausstellen, wie fein und gebildet sie doch sind, und den Gedanken des schnöden Geldverdienens verdecken wollen - besonders in Deutschland. In Amerika gehen die Leute sehr frei damit um, dass man mit Kunst Geld verdient.

Sie hatten noch nie ein Problem damit, haben schon jung Matisse und Picasso verscherbelt.

Damit habe ich mein Studium finanziert: Ich bin in den Semesterferien nach Paris getrampt, habe Lithographien von Matisse und Picasso zu sehr viel billigeren Preisen eingekauft als in Deutschland und dann zu Hause verkauft. Davon habe ich gelebt, bis ich in Hamburg, zusammen mit meinen Brüdern, eine Galerie eröffnet habe.

Die Galerie haben Sie Mitte der 90er Jahre aufgegeben und sind nach New York gezogen. Warum?

Ich hatte mich in Amerika an einer Firma beteiligt, die elektronische Datenspeicher für Kunst einrichtete - leider Gottes lief das nicht wie gewünscht, ständig musste Geld nachgeschossen werden, es gab keine zuverlässigen Geschäftsführer - deswegen bin ich rüber nach New York, um den Laden in Ordnung zu bringen.

Diese Firma heißt heute Artnet und wurde von Ihnen mehr oder weniger direkt aus der Pleite an die Börse gebracht.

Ja. Ende der 90er Jahre fand sich kein Investor mehr, der uns Geld gegeben hat. Da kam die wilde Hausse der New Economy gerade recht: Alle gingen an die Börse, und als sich eine Bank für uns interessiert hat, habe ich sofort zugegriffen.

Nur die armen Menschen, die damals Aktien zeichneten, haben fast den gesamten Einsatz eingebüßt.

Ja, wir waren Teil der Internet-Blase. Der Preis der Aktie wurde vor dem Börsengang immer weiter erhöht, auch weil andere wie Amazon oder Ebay astronomische Preise bezahlt bekamen. Als dann die Realität einsetzte, verfielen die Kurse natürlich.

Und Sie wurden als Trickser und Lügner beschimpft.

Wir waren besonders im Schussfeld, schon deshalb, weil wir mit dem Kunsthandel ein bunter Hund an der Börse waren - daran hat man sich gerne gerieben und uns hart kritisiert.

Glauben Sie, dass die Artnet-Aktie je wieder die Kurse von einst erreicht?

Das kann durchaus sein, ich rechne sogar damit. Die Ertragskraft von Artnet ist gegenwärtig durch hohe Investitionen in neue Produkte und Dienstleistungen, die als laufende Kosten verbucht werden müssen, verdeckt beziehungsweise verzerrt. Dieses Bild wird sich bald ändern, vor allen durch Skaleneffekte. Dann wird man sehen, dass wir nicht weit entfernt sind von solchen Bewertungen.

Der Online-Auktionator

Hans Neuendorf, 73, verdiente sein Vermögen einst als Kunsthändler, heute ist er Großaktionär und Vorstandsvorsitzender von Artnet. Der Umsatz betrug im vorigen Jahr 14 Millionen Euro, das Konzernergebnis 153.000 Euro. Das Unternehmen war 1999, im New-Economy-Fieber, an die Börse gegangen und hinterher bitter abgestürzt. Die Zeiten waren so hart, dass Vorstandschef Neuendorf sich jahrelang kein Gehalt ausgezahlt hat.

Das Gespräch führte Georg Meck.

Quelle: F.A.S.
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