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Im Gespräch: Guy Wagner, Banque de Luxembourg „Diversifikation wird überschätzt“

Guy Wagner, Chefökonom der Banque de Luxembourg, traut dem Börsenaufschwung nicht. Auch von Diversifikation hält er nicht viel - und von Bankenaktien.

© Kretzer, Michael Guy Wagner, Chefökonom der Banque de Luxembourg

Herr Wagner, die Aktienmärkte befinden sich seit Monaten im Höhenflug. Ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um einzusteigen?

Ich kann nur davor warnen, nun einfach sorglos Aktien zu kaufen. Die Gefahr größerer Kursrückgänge ist da, denn die Schuldenkrise ist noch immer nicht gelöst und die wirtschaftliche Situation verschlechtert sich. Wann die Kursverluste eintreten werden, ist allerdings schwer vorherzusagen, denn die Lage an den Finanzmärkten ist massiv gestört.

Eigentlich trifft nicht einmal der Begriff Finanzmarkt noch richtig zu. Denn von einem Markt kann man nur sprechen, wenn die Grundsätze einer Marktwirtschaft auch tatsächlich gelten. In Wirklichkeit aber werden ihre Regeln immer stärker außer Kraft gesetzt.

Von welchen Regeln sprechen Sie?

In einer Marktwirtschaft ist doch vor allem eines entscheidend - der Preis. Ihm kommt eine wichtige Steuerungsfunktion zu, denn nur durch ihn lassen sich Angebot und Nachfrage ins Gleichgewicht bringen. Aber ausgerechnet dem für Börsianer wohl wichtigsten Preis überhaupt können Anleger nicht mehr trauen - dem Preis des Geldes, also dem Zins. In Europa und den Vereinigten Staaten halten die Notenbanken die Leitzinsen künstlich niedrig - in meinen Augen ist das nichts anderes als Preismanipulation.

Die Europäische Zentralbank betont stets, dass sie durch die niedrigen Zinsen die Wirtschaft stärken wolle. Das ist doch gut für Firmen und damit auch für Aktien.

Ich bitte Sie: Die Zinspolitik hilft neben den Staaten doch in erster Linie den Banken. Sie können sich so günstig Geld leihen wie nie zuvor. Der Wirtschaft aber nutzt das nun wirklich nichts: Weder in Europa noch in Amerika lässt sich derzeit eine Konjunkturerholung ausmachen, die wirklich nachhaltig ist. Das genau wäre aber die Voraussetzung, damit die Firmen ihre Gewinne wieder steigern und in der Folge auch die Börsen weiter zulegen könnten. Darum eben sage ich: Es drohen deutliche Kursverluste.

Die meisten Börsianer sehen das wohl anders: Der Dax beispielsweise notiert auf dem höchsten Stand seit 2008.

Das ist ja gerade das Unverantwortliche: Die Maßnahmen der Notenbanken zwingen Anleger in aller Welt geradewegs dazu, in Aktien zu investieren. Sichere Anleihen bringen schließlich keine Erträge mehr ein, und Sparkonten können Sie vollends vergessen. Aber allein wegen der niedrigen Anleihezinsen auf Aktien zu setzen ist der falsche Weg: Schließlich sind Aktien immer noch riskante Papiere - die Kurse schwanken, die Gefahr eines zeitweiligen Verlustes ist also immer gegeben.

Und sie ist natürlich umso größer, wenn Europa und auch die Wirtschaftsmacht Amerika mit der Bewältigung von Schuldenkrisen beschäftigt sind. Denn Krisen dieser Art schwächen das Wachstum und schmälern die Firmengewinne - das ist schlecht für Aktien. Dies alles übersehen die meisten Investoren zurzeit.

Sie selbst scheinen sich an Ihre Analyse ebenfalls nicht zu halten. Die größten Fonds Ihres Hauses sind alles Aktienfonds - ohne die Papiere wird es da kaum gehen.

Moment. Ich habe ja nicht gesagt, dass Anleger auf Aktien verzichten sollten. Im Gegenteil: Gerade weil Anleihen nicht mehr attraktiv sind, werden Aktien zur wichtigsten Anlageform überhaupt. Nur heißt das eben nicht, dass man sie blind und egal zu welchem Zeitpunkt kaufen sollte.

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