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Im Gespräch: Guy Wagner, Banque de Luxembourg „Diversifikation wird überschätzt“

 ·  Guy Wagner, Chefökonom der Banque de Luxembourg, traut dem Börsenaufschwung nicht. Auch von Diversifikation hält er nicht viel - und von Bankenaktien.

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Herr Wagner, die Aktienmärkte befinden sich seit Monaten im Höhenflug. Ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um einzusteigen?

Ich kann nur davor warnen, nun einfach sorglos Aktien zu kaufen. Die Gefahr größerer Kursrückgänge ist da, denn die Schuldenkrise ist noch immer nicht gelöst und die wirtschaftliche Situation verschlechtert sich. Wann die Kursverluste eintreten werden, ist allerdings schwer vorherzusagen, denn die Lage an den Finanzmärkten ist massiv gestört.

Eigentlich trifft nicht einmal der Begriff Finanzmarkt noch richtig zu. Denn von einem Markt kann man nur sprechen, wenn die Grundsätze einer Marktwirtschaft auch tatsächlich gelten. In Wirklichkeit aber werden ihre Regeln immer stärker außer Kraft gesetzt.

Von welchen Regeln sprechen Sie?

In einer Marktwirtschaft ist doch vor allem eines entscheidend - der Preis. Ihm kommt eine wichtige Steuerungsfunktion zu, denn nur durch ihn lassen sich Angebot und Nachfrage ins Gleichgewicht bringen. Aber ausgerechnet dem für Börsianer wohl wichtigsten Preis überhaupt können Anleger nicht mehr trauen - dem Preis des Geldes, also dem Zins. In Europa und den Vereinigten Staaten halten die Notenbanken die Leitzinsen künstlich niedrig - in meinen Augen ist das nichts anderes als Preismanipulation.

Die Europäische Zentralbank betont stets, dass sie durch die niedrigen Zinsen die Wirtschaft stärken wolle. Das ist doch gut für Firmen und damit auch für Aktien.

Ich bitte Sie: Die Zinspolitik hilft neben den Staaten doch in erster Linie den Banken. Sie können sich so günstig Geld leihen wie nie zuvor. Der Wirtschaft aber nutzt das nun wirklich nichts: Weder in Europa noch in Amerika lässt sich derzeit eine Konjunkturerholung ausmachen, die wirklich nachhaltig ist. Das genau wäre aber die Voraussetzung, damit die Firmen ihre Gewinne wieder steigern und in der Folge auch die Börsen weiter zulegen könnten. Darum eben sage ich: Es drohen deutliche Kursverluste.

Die meisten Börsianer sehen das wohl anders: Der Dax beispielsweise notiert auf dem höchsten Stand seit 2008.

Das ist ja gerade das Unverantwortliche: Die Maßnahmen der Notenbanken zwingen Anleger in aller Welt geradewegs dazu, in Aktien zu investieren. Sichere Anleihen bringen schließlich keine Erträge mehr ein, und Sparkonten können Sie vollends vergessen. Aber allein wegen der niedrigen Anleihezinsen auf Aktien zu setzen ist der falsche Weg: Schließlich sind Aktien immer noch riskante Papiere - die Kurse schwanken, die Gefahr eines zeitweiligen Verlustes ist also immer gegeben.

Und sie ist natürlich umso größer, wenn Europa und auch die Wirtschaftsmacht Amerika mit der Bewältigung von Schuldenkrisen beschäftigt sind. Denn Krisen dieser Art schwächen das Wachstum und schmälern die Firmengewinne - das ist schlecht für Aktien. Dies alles übersehen die meisten Investoren zurzeit.

Sie selbst scheinen sich an Ihre Analyse ebenfalls nicht zu halten. Die größten Fonds Ihres Hauses sind alles Aktienfonds - ohne die Papiere wird es da kaum gehen.

Moment. Ich habe ja nicht gesagt, dass Anleger auf Aktien verzichten sollten. Im Gegenteil: Gerade weil Anleihen nicht mehr attraktiv sind, werden Aktien zur wichtigsten Anlageform überhaupt. Nur heißt das eben nicht, dass man sie blind und egal zu welchem Zeitpunkt kaufen sollte.

Es geht vielmehr darum, die Papiere unter einem völlig anderen Blickwinkel zu betrachten - und zwar als das, was sie in erster Linie sind: Beteiligungen an einem Unternehmen. Eine Aktie zu kaufen, bedeutet also, Miteigentümer einer Firma zu werden - das haben die meisten Investoren auf der Jagd nach dem kurzfristigen Kursplus längst vergessen.

Als Eigentümer sollte einem dagegen der dauerhafte Erfolg einer Firma wichtig sein. Darum wählen wir unsere Aktieninvestments vor allem unter diesem Gesichtspunkt aus. Dabei gilt der Grundsatz: Weniger ist mehr. Wenn Sie 20 Aktien von hoher Qualität im Portfolio haben, genügt das völlig.

Wie bitte? Das widerspricht doch dem Grundsatz, seine Investitionen möglichst breit zu streuen.

In meinen Augen wird die Idee der Diversifikation überschätzt. Natürlich ist es wichtig, sein Geld in verschiedenen Regionen und Branchen anzulegen, um nicht zu sehr von den Entwicklungen eines einzelnen Landes oder Sektors abhängig zu sein. Aber vielen Fondsmanagern dient der Verweis auf die Streuung nur als willkommene Ausrede, um sich die Arbeit leichtzumachen.

Schließlich ist es doch so: Wer sein Geld wild in den verschiedensten Firmen und Branchen anlegt, will sich meiner Meinung nach einfach nicht die Mühe machen, nach wirklich hochwertigen Unternehmen zu suchen. Streuung ist also oft nur ein Weg, um Schwächen bei der Aktienanalyse zu kaschieren. Wenn Sie dagegen nach eingehender Beurteilung wirklich von einem Unternehmen überzeugt sind, stören Sie selbst fallende Aktienkurse nicht.

Es ist schwer vorstellbar, dass Sie völlig ruhig bleiben, wenn die Aktien in Ihrem Portfolio an Wert verlieren.

Aber genau das ist doch der Fehler: Viele Anleger werden hektisch und trennen sich viel zu schnell von ihren Papieren, sobald die Kurse nachgeben. Wenn man aber von der Qualität und der Bewertung eines Unternehmens überzeugt ist, darf ein Kursrückgang nun wirklich nicht irritieren. Im Gegenteil: Dies ist eine günstige Gelegenheit, um zuzukaufen. Denn so bekommen Sie zusätzliche Anteile an einem hervorragenden Unternehmen zu einem günstigeren Preis. Wir halten darum lange an Aktien fest: Im Schnitt bleibt ein Papier über einen Zeitraum von vier Jahren in unserem Portfolio.

Worauf kommt es Ihnen bei der Auswahl an?

Vor allem drei Dinge sind uns bei einem Unternehmen wichtig: Es sollte so wenig Schulden haben wie möglich, attraktive Dividenden zahlen und gegenüber der Konkurrenz deutliche Wettbewerbsvorteile besitzen - das kann zum Beispiel ein starker Markenname oder eine starke Marktposition sein. Darüber verfügen Nahrungsmittelhersteller wie Nestlé, Unilever oder Danone, die wir alle in unserem Depot haben. Aber auch eine Firma wie Roche finden wir interessant - neuentwickelte Medikamente verschaffen ihr eine starke Stellung auf dem Pharmamarkt.

Bankaktien dagegen meiden Sie. Warum?

Es mag zwar sein, dass derzeit die Papiere des ein oder anderen Instituts wirklich günstig bewertet sind. Aber ganz ehrlich: Selbst wir als Profis blicken bei der Betrachtung von Bankbilanzen einfach nicht mehr durch. Welche Risiken da noch in den Büchern schlummern, können wir schlicht nicht beurteilen. Und wenn wir etwas nicht verstehen, lassen wir lieber die Finger davon.

Ausgewählte Fonds der BDL
Fonds Anlageklasse Isin Wertentwicklung
Lfd. Jahr 3 Jahre
Fund Selection - 0-50 Dachfonds ausgewogen Welt LU0430649086 3,6% 7,3%
Fund Selection - 50-100 Dachfonds dynamisch Welt LU0135981693 9,3% 18,5%
Fund Selection - Equities Dachfonds Aktien Welt LU0135980968 12,6% 24,1%
Bond Euro Rentenfonds Euroland LU0093570686 2,8% 12,6%
Global Bond Rentenfonds Welt Hartwährungen LU0093569837 4,1% 14,3%
Short Term Euro Rentenfonds kurze Laufzeiten Welt LU0093571064 0,7% 3,8%
Emerging Markets Mischf. dynamisch Schwellenländer LU0309191905 21,4% 49,3%
Global 30 Mischfonds defensiv Welt LU0048291826 3,1% 12,1%
Global 50 Mischfonds ausgewogen Welt LU0048292634 6,2% 19,9%
Global 75 Mischfonds dynamisch Welt LU0048293285 10,4% 29,9%
Optinvest Mischfonds defensiv Euroland LU0309191731 -0,1% 7,0%
Global Flexible Mischfonds flexibel Welt LU0211339816 4,3% 18,0%
Global Equities Aktienfonds Welt LU0117287580 15,8% 40,2%
Equities Horizon Aktienfonds Welt LU0439764860 9,5% 26,9%
Equities Europe Aktienfonds Europa LU0439765081 21,0% -
Equities Dividend Aktienfonds Welt LU0309191491 11,4% 37,4%
Quelle: Fondsweb

  

Ausgewählte Fonds der BDL
Fonds Isin Volumen Lfd. Kosten Agio
Fund Selection - 0-50 LU0430649086 117 Mio. Euro 1,49% 5,00%
Fund Selection - 50-100 LU0135981693 189 Mio. Euro 2,61% 5,00%
Fund Selection - Equities LU0135980968 107 Mio. Euro 2,71% 5,00%
Bond Euro LU0093570686 212 Mio. Euro 0,74% 5,00%
Global Bond LU0093569837 238 Mio Euro 0,74% 5,00%
Short Term Euro LU0093571064 231 Mio. Euro 0,31% 2,00%
Emerging Markets LU0309191905 171 Mio. Euro 1,40% 5,00%
Global 30 LU0048291826 423 Mio. Euro 1,22% 5,00%
Global 50 LU0048292634 455 Mio. Euro 1,22% 5,00%
Global 75 LU0048293285 357 Mio. Euro 1,22% 5,00%
Optinvest LU0309191731 232 Mio. Euro 0,71% 5,00%
Global Flexible LU0211339816 1,3 Mrd. Euro 1,27% 5,00%
Global Equities LU0117287580 227 Mio. Euro 1,26% 5,00%
Equities Horizon LU0439764860 47 Mio. Euro 1,39% 5,00%
Equities Europe LU0439765081 509 Mio. Euro 1,17% 5,00%
Equities Dividend LU0309191491 414 Mio. Euro 1,28% 5,00%
Quelle: Fondsweb
Chefökonom und Blogger

Der Mann hat viel zu tun: Guy Wagner ist nicht nur Chefökonom der Luxemburger Privatbank Banque de Luxembourg sondern leitet auch gleichzeitig deren Fondsgesellschaft. Er trägt damit die Verantwortung für Gelder in Höhe von rund acht Milliarden Euro.

Einen Namen in der Finanzszene hat sich Wagner besonders durch eine Nebentätigkeit gemacht, die für Chefvolkswirte eher ungewöhnlich ist: Der 50-Jährige ist Blogger und kommentiert als Querdenker regelmäßig mit deutlichen Worten das Geschehen an den Finanzmärkten.

Wagner ist der Banque de Luxembourg seit 1986 treu. Sie gehört zu den führenden Instituten des kleinen Landes und seit 2002 zur französischen Bankengruppe Crédit Mutuel.

Das Gespräch führte Dennis Kremer.

Quelle: F.A.S.
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