Herr Wagner, die Aktienmärkte befinden sich seit Monaten im Höhenflug. Ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um einzusteigen?
Ich kann nur davor warnen, nun einfach sorglos Aktien zu kaufen. Die Gefahr größerer Kursrückgänge ist da, denn die Schuldenkrise ist noch immer nicht gelöst und die wirtschaftliche Situation verschlechtert sich. Wann die Kursverluste eintreten werden, ist allerdings schwer vorherzusagen, denn die Lage an den Finanzmärkten ist massiv gestört.
Eigentlich trifft nicht einmal der Begriff Finanzmarkt noch richtig zu. Denn von einem Markt kann man nur sprechen, wenn die Grundsätze einer Marktwirtschaft auch tatsächlich gelten. In Wirklichkeit aber werden ihre Regeln immer stärker außer Kraft gesetzt.
Von welchen Regeln sprechen Sie?
In einer Marktwirtschaft ist doch vor allem eines entscheidend - der Preis. Ihm kommt eine wichtige Steuerungsfunktion zu, denn nur durch ihn lassen sich Angebot und Nachfrage ins Gleichgewicht bringen. Aber ausgerechnet dem für Börsianer wohl wichtigsten Preis überhaupt können Anleger nicht mehr trauen - dem Preis des Geldes, also dem Zins. In Europa und den Vereinigten Staaten halten die Notenbanken die Leitzinsen künstlich niedrig - in meinen Augen ist das nichts anderes als Preismanipulation.
Die Europäische Zentralbank betont stets, dass sie durch die niedrigen Zinsen die Wirtschaft stärken wolle. Das ist doch gut für Firmen und damit auch für Aktien.
Ich bitte Sie: Die Zinspolitik hilft neben den Staaten doch in erster Linie den Banken. Sie können sich so günstig Geld leihen wie nie zuvor. Der Wirtschaft aber nutzt das nun wirklich nichts: Weder in Europa noch in Amerika lässt sich derzeit eine Konjunkturerholung ausmachen, die wirklich nachhaltig ist. Das genau wäre aber die Voraussetzung, damit die Firmen ihre Gewinne wieder steigern und in der Folge auch die Börsen weiter zulegen könnten. Darum eben sage ich: Es drohen deutliche Kursverluste.
Die meisten Börsianer sehen das wohl anders: Der Dax beispielsweise notiert auf dem höchsten Stand seit 2008.
Das ist ja gerade das Unverantwortliche: Die Maßnahmen der Notenbanken zwingen Anleger in aller Welt geradewegs dazu, in Aktien zu investieren. Sichere Anleihen bringen schließlich keine Erträge mehr ein, und Sparkonten können Sie vollends vergessen. Aber allein wegen der niedrigen Anleihezinsen auf Aktien zu setzen ist der falsche Weg: Schließlich sind Aktien immer noch riskante Papiere - die Kurse schwanken, die Gefahr eines zeitweiligen Verlustes ist also immer gegeben.
Und sie ist natürlich umso größer, wenn Europa und auch die Wirtschaftsmacht Amerika mit der Bewältigung von Schuldenkrisen beschäftigt sind. Denn Krisen dieser Art schwächen das Wachstum und schmälern die Firmengewinne - das ist schlecht für Aktien. Dies alles übersehen die meisten Investoren zurzeit.
Sie selbst scheinen sich an Ihre Analyse ebenfalls nicht zu halten. Die größten Fonds Ihres Hauses sind alles Aktienfonds - ohne die Papiere wird es da kaum gehen.
Moment. Ich habe ja nicht gesagt, dass Anleger auf Aktien verzichten sollten. Im Gegenteil: Gerade weil Anleihen nicht mehr attraktiv sind, werden Aktien zur wichtigsten Anlageform überhaupt. Nur heißt das eben nicht, dass man sie blind und egal zu welchem Zeitpunkt kaufen sollte.
Es geht vielmehr darum, die Papiere unter einem völlig anderen Blickwinkel zu betrachten - und zwar als das, was sie in erster Linie sind: Beteiligungen an einem Unternehmen. Eine Aktie zu kaufen, bedeutet also, Miteigentümer einer Firma zu werden - das haben die meisten Investoren auf der Jagd nach dem kurzfristigen Kursplus längst vergessen.
Als Eigentümer sollte einem dagegen der dauerhafte Erfolg einer Firma wichtig sein. Darum wählen wir unsere Aktieninvestments vor allem unter diesem Gesichtspunkt aus. Dabei gilt der Grundsatz: Weniger ist mehr. Wenn Sie 20 Aktien von hoher Qualität im Portfolio haben, genügt das völlig.
Wie bitte? Das widerspricht doch dem Grundsatz, seine Investitionen möglichst breit zu streuen.
In meinen Augen wird die Idee der Diversifikation überschätzt. Natürlich ist es wichtig, sein Geld in verschiedenen Regionen und Branchen anzulegen, um nicht zu sehr von den Entwicklungen eines einzelnen Landes oder Sektors abhängig zu sein. Aber vielen Fondsmanagern dient der Verweis auf die Streuung nur als willkommene Ausrede, um sich die Arbeit leichtzumachen.
Schließlich ist es doch so: Wer sein Geld wild in den verschiedensten Firmen und Branchen anlegt, will sich meiner Meinung nach einfach nicht die Mühe machen, nach wirklich hochwertigen Unternehmen zu suchen. Streuung ist also oft nur ein Weg, um Schwächen bei der Aktienanalyse zu kaschieren. Wenn Sie dagegen nach eingehender Beurteilung wirklich von einem Unternehmen überzeugt sind, stören Sie selbst fallende Aktienkurse nicht.
Es ist schwer vorstellbar, dass Sie völlig ruhig bleiben, wenn die Aktien in Ihrem Portfolio an Wert verlieren.
Aber genau das ist doch der Fehler: Viele Anleger werden hektisch und trennen sich viel zu schnell von ihren Papieren, sobald die Kurse nachgeben. Wenn man aber von der Qualität und der Bewertung eines Unternehmens überzeugt ist, darf ein Kursrückgang nun wirklich nicht irritieren. Im Gegenteil: Dies ist eine günstige Gelegenheit, um zuzukaufen. Denn so bekommen Sie zusätzliche Anteile an einem hervorragenden Unternehmen zu einem günstigeren Preis. Wir halten darum lange an Aktien fest: Im Schnitt bleibt ein Papier über einen Zeitraum von vier Jahren in unserem Portfolio.
Worauf kommt es Ihnen bei der Auswahl an?
Vor allem drei Dinge sind uns bei einem Unternehmen wichtig: Es sollte so wenig Schulden haben wie möglich, attraktive Dividenden zahlen und gegenüber der Konkurrenz deutliche Wettbewerbsvorteile besitzen - das kann zum Beispiel ein starker Markenname oder eine starke Marktposition sein. Darüber verfügen Nahrungsmittelhersteller wie Nestlé, Unilever oder Danone, die wir alle in unserem Depot haben. Aber auch eine Firma wie Roche finden wir interessant - neuentwickelte Medikamente verschaffen ihr eine starke Stellung auf dem Pharmamarkt.
Bankaktien dagegen meiden Sie. Warum?
Es mag zwar sein, dass derzeit die Papiere des ein oder anderen Instituts wirklich günstig bewertet sind. Aber ganz ehrlich: Selbst wir als Profis blicken bei der Betrachtung von Bankbilanzen einfach nicht mehr durch. Welche Risiken da noch in den Büchern schlummern, können wir schlicht nicht beurteilen. Und wenn wir etwas nicht verstehen, lassen wir lieber die Finger davon.
Der Mann hat viel zu tun: Guy Wagner ist nicht nur Chefökonom der Luxemburger Privatbank Banque de Luxembourg sondern leitet auch gleichzeitig deren Fondsgesellschaft. Er trägt damit die Verantwortung für Gelder in Höhe von rund acht Milliarden Euro.
Einen Namen in der Finanzszene hat sich Wagner besonders durch eine Nebentätigkeit gemacht, die für Chefvolkswirte eher ungewöhnlich ist: Der 50-Jährige ist Blogger und kommentiert als Querdenker regelmäßig mit deutlichen Worten das Geschehen an den Finanzmärkten.
Wagner ist der Banque de Luxembourg seit 1986 treu. Sie gehört zu den führenden Instituten des kleinen Landes und seit 2002 zur französischen Bankengruppe Crédit Mutuel.
Nachkaufen?
Heinrich Kaminski (Sebrich)
- 11.12.2012, 20:48 Uhr
Durch die niedrigen Zinsen die Wirtschaft stärken ?
Rolf Horstig (Fischermannsnetz)
- 11.12.2012, 16:57 Uhr
Durch die niedrigen Zinsen die Wirtschaft stärken ?
Rolf Horstig (Fischermannsnetz)
- 11.12.2012, 16:55 Uhr