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Im Gespräch: George Friedman, Stratfor „Die Finanzkrise ist nur ein Unfall“

20.03.2009 ·  Die Finanzkrise markiere das Ende des Kapitalismus, heißt es vielfach. Gerade das Gegenteil ist der Fall, erklärt George Friedman, Chef und Gründer der Denkfabrik Stratfor. Die Krise sei nicht mehr als ein kleiner Unfall im Rahmen der kapitalistischen Entwicklung.

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Die Wirtschafts- und Finanzkrise ist nicht nur einer Erfahrung, sondern auch ein publizistisches Phänomen. Wollten sie viele zunächst nicht wahrhaben, so bietet sie ihnen heute eine gute Plattform, um selbst abstruse Thesen vertreten zu können.

„Die Krise markiere das Ende des Kapitalismus,“ heißt es beispielsweise - oder sie „beende die wirtschaftliche und militärische Dominanz der Vereinigten Staaten“. Solche Thesen weist jedoch George Friedman weit von sich. Denn das Gegenteil sei der Fall, erklärt der Gründer der im texanischen Austin beheimateten Denkfabrik Stratfor. Die nächsten 100 Jahre würden sogar von ihnen dominiert werden.

Zumindest aus längerfristiger, geopolitischer Sicht seit die laufende Finanzkrise nicht mehr als ein im Kapitalismus vorgesehener, immer wieder vorkommender aber vorübergehender Unfall. Wer erinnere sich schon noch an die amerikanische Finanzkrise von 1982, an den verlorenem Vietnam-Krieg oder die Demütigungen in Iran, fragt er provozierend.

Herr Friedman, der Kapitalismus habe sich überlebt, erklären kritische Stimmen aus dem linken Lager mit Verweis auf die aktuelle Krise. Haben sie recht?

Nein. Der Kapitalismus zeichnet sich grundsätzlich durch konservative Anleger aus, die auf der Suche nach höheren Renditen sind, ohne zusätzliche Risiken in Kauf nehmen zu wollen. Auf der anderen Seite stehen die Banken, die ihnen genau das bieten. …

… wir sehen die Risiken gerade …

… ja, aber lassen sie uns beispielhaft auf die 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts schauen. Die Insolvenz der Staaten in der dritten Welt und das Ende der Kreditvergabe schien damals die Weltwirtschaft zu zerstören. Viele Banken sind kollabiert. Im Jahr 1982 lag die Arbeitslosenquote in den Vereinigten Staaten etwa bei elf Prozent, die Inflationsrate lag bei zehn Prozent und der Häusermarkt lag vollständig am Boden.

Das internationale System intervenierte und kreierte die so genannten Brady Bonds. Sie waren in Kern nichts anderes als ein Konsortium von Staaten, die die problematischen Kredite garantierten. Das war vor 25 Jahren. Wenn Sie nun heute in den Zeitungen lesen, „das ist die Schlimmste Krise seit 25 Jahren“ - so war die damals schlimmer. Aber auch damals hieß es schon, der Kapitalismus habe versagt.

Ich kann mich noch an die 70er-Jahre erinnern, in welchen in Amerika der Markt für Kommunalanleihen kollabierte. Damals musste die Bundesregierung New York City vor der Pleite retten. Es war übrigens die Zeit, in der Chrysler zum ersten Mal vor dem Bankrott bewahrt werden musste.

Was sagt uns das?

Das Modell der Kapitalismus macht es möglich, durch Staatseingriffe den Nettowert eines Landes zu monetarisieren, um die Wirtschaft zu retten. Wenn man an die persönliche Insolvenz denkt, so blickt man weniger auf das Arbeitseinkommen, als vielmehr auf die Vermögenslage. Stehen Schulden in Höhe von 10.000 Dollar bei einem Einkommen von 1.000 Dollar ein Vermögen von 2.000.000 Dollar gegenüber, so ist das kein Problem. Überträgt man diese Denkweise auf die Vereinigten Staaten, so haben die Vermögenswerte des Landes im Moment einen Gegenwert von 339 Billionen Dollar. Die extremsten Schätzungen für Not leitende Kredite liegen zwischen drei und fünf Billionen Dollar. Selbst wenn sie das Mehrfache betragen sollten, ist das lösbar. Denn der Staat kann sein Vermögen gegen die Verbindlichkeiten stellen. Sei es, indem er Geld druckt oder indem er Steuern erhebt.

… aber das hat doch Konsequenzen!

Sicherlich, indem Eingriffe den Cashflow beziehungsweise die Geldströme beeinflussen. Aber selbst die lassen sich lösen. Abgesehen von Ausnahmen wie Island - dort ist die Lage hoffnungslos - oder Ungarn, wo es schwierig ist, natürlich.

… als Folge ihres Missmanagements.

Man kann auch sagen, es war die Folge davon, dass die europäischen Regierungen ihr Bankensystem haben aus dem Ruder laufen lassen. Manche argumentieren, die Amerikaner seien Schuld an der Finanzkrise. Die Antwort ist: Das mag sein, aber ihr Europäer habt sie euch hereingeholt! Finanzielles Versagen ist mit dem Kapitalismus systemimmanent verbunden. Meistens trifft es die konservativen Anleger am stärksten.

Blickt man aus geopolitischer Sicht auf die vergangenen 300 Jahre zurück, so sahen wir verschiedenste schwierige Phasen. Angefangen von der großen wirtschaftlichen Depression bis hin zur aktuellen Krise. Sie haben jedoch die grundlegende Entwicklung im 20. Jahrhundert nicht wirklich verändert. Es ist von drei Entwicklungen dominiert worden: Vom Verfall und dem Untergang des europäischen Imperialismus, der Vervierfachung der Weltbevölkerung sowie von der technologischen Revolution in Kommunikations- und Transportwesen.

Und wie sieht der Blick nach vorne aus?

Das einundzwanzigste Jahrhundert wird von der amerikanischen Übermacht im wirtschaftlichen und militärischen Bereich geprägt werden. Während weltweit die Geburtenraten zurückgehen, legen sie in den Vereinigten Staaten zu. Das Land bietet zudem viel Raum für weitere Zuwanderungen. Amerikas Macht kommt aus dem Land selbst, aus seiner überragenden Wirtschaftsmacht, aus der Kontrolle des Weltraums und aus seiner Fähigkeit, nachwuchsfreudige Einwanderer zu integrieren. Selbst das Energieproblem lässt sich lösen. Die Nasa arbeitet längst an Plänen, um Solarkraftwerke im Weltraum zu errichten und um die gewonnene Energie auf die Erde zu transferieren.

Das Gespräch führte Christof Leisinger

Quelle: @cri
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