21.06.2010 · „Wo Rauch ist, ist auch Feuer,“ so erklärt der in Barcelona lebende Ökonom Edward Hugh Gerüchte über die Inanspruchnahme des Rettungstopfs der Euro-Länder. Spaniens Banken seien schwach, weil das Land selbst kein Wachstumsmodell habe.
„Wo Rauch ist, gibt's auch Feuer,“ so erklärt der in Barcelona lebende Ökonom Edward Hugh Gerüchte über die Inanspruchnahme des 750 Milliarden Euro schweren Rettungstopfs der Euro-Länder. Spaniens Banken seien schwach, vor allem weil Spanien selbst kein Wachstumsmodell habe.
Der Binnenkonsum stagniere oder schrumpfe gar, der Exportsektor sei nicht stark genug und nun trete auch noch die Regierung auf die Ausgabenbremse. Spanien habe keine Krise der öffentlichen Finanzen, sondern der externen Finanzierung der Leistungsbilanz und der kommerziellen Kredite. Das bringe die Banken des Landes in die Defensive. Stress-Tests könnten darüber nicht hinwegtäuschen.
Wie sieht es in Spanien aus im Moment?
Sehr kompliziert. Abgesehen von der umstrittenen Kapitalausstattung der Banken ist im Kern das Wirtschaftsmodell des Landes geknickt. Es ist nicht unbedingt pleite, aber niemand weiß, wo künftig das Wachstum herkommen soll. Der Binnenkonsum, der von der Kreditvergabe bestimmt wird, stagniert. Der Exportsektor ist nicht stark genug, um trotz des schwächeren Euros etwas bewirken zu können. Und nun muss auch noch die Regierung, die die Wirtschaft bisher gestützt hat, auf die Ausgabenbremse treten. So wird sie wieder in die Rezession geraten - und niemand kennt einen Wachstumspfad.
Welche Folgen hat das?
Nach der ersten Phase der Finanzkrise folgt nun die zweite. Die spanischen Banken stehen genau wieder da, wo sie im September des Jahres 2007 standen. Sie hängen sehr stark von ihrer externen Finanzierung ab. Schon in den vergangenen Wochen waren sie zum zweiten Mal weitgehend vom Geldgroßhandel abgeschnitten. Spanien hat keine Krise der öffentlichen Finanzen, sondern der externen Finanzierung der Leistungsbilanz und der kommerziellen Kredite. Der Interbankenmarkt ist sehr sensibel. Er scheint spanische Banken seit Mai kritisch zu betrachten, da Spanien kein Wachstumsmodell hat.
Können Sie das näher erläutern?
Niemand zweifelt daran, dass spanische Banken keine Probleme mit schlechten Krediten haben. Sie können diese zwar in die Zukunft „rollen“, so dass sie scheinbar nirgendwo auftauchen. Wenn die spanische Wirtschaft jedoch in zwei, drei oder gar vier Jahren immer noch nicht wächst und die Arbeitslosigkeit sogar zunimmt, wie werden die spanischen Banken dann dastehen? Genau diese Frage scheint andere Banker mit Blick auf die spanischen Institute zu beschäftigen.
Sie erklären also, die spanischen Banken sind schwach und versteckten ihre potentiellen Verluste?
Ich bin sicher, dass sie das Ausmaß ihrer Verluste nicht offen legen. Einfach schon deswegen, weil sie ausstehende Kredite einschließlich ungezahlter Zinsen in die Zukunft verlagern. Wie soll man also wissen, wie viel Geld tatsächlich verloren gegangen ist? Dazu kommt die Frage, wie es um die Aktivseite der Banken bestellt ist.
Und - wie sieht sie aus?
Niemand kann die Aktiva wirklich bewerten. Die Banken erklären zwar, sie hätten genug Rückstellung getätigt um selbst die Abschreibung vieler Kredite an große Bauunternehmer und Immobilienentwickler zu verkraften. Wirklich schwierig wird es jedoch mit Unternehmenskrediten generell und den Verbindlichkeiten der privaten Haushalte. Nach zwei Jahren wird in Spanien kein Arbeitslosengeld mehr bezahlt. So gibt es in Spanien inzwischen etwa 1,5 Millionen Haushalte, die absolut kein Einkommen haben - und ihre Zahl nimmt täglich zu. Sie werden unterstützt von ihren Familien und wandern ab in die Schattenwirtschaft. Nach einer Arbeitsmarktreform können selbst bisher gut verdienende Personen ihren Job verlieren und aufgenommene Kredite nicht mehr bezahlen.
Wie kommt es unter diesen Umständen, dass ausgerechnet Spanien die Veröffentlichung von Banken-Stress-Tests in Europa fordert?
Während die Stresstests der beiden größten und scheinbar vergleichsweise gesunden Banken, BBVA und Santander, auch von europäischen Institutionen geprüft werden, ist für die anderen Institute alleine die Bank of Spain zuständig. Sie ist unter diesem Aspekt nur bedingt glaubwürdig, da sie genau weiß, dass die von den Banken veröffentlichten Verluste kleiner als die wirklichen Verluste sind.
Welche Rolle spielt der Rettungsfonds FROB, der Fondo de Reestructuración Ordenada Bancaria?
Unter den Bedingungen dieses Fonds können Banken nur begrenzte Summen in Bezug auf ihr Eigenkapital leihen. Die Tatsache, dass die Mittel nur begrenzt in Anspruch genommen werden, heißt also nicht, dass das spanische Bankensystem gesund ist. Es heißt nur, dass die Regeln nicht stimmen, welchen er unterliegt. Zudem sind die Zinsen zu hoch, die bei Inanspruchnahme verlangt werden. Die Hälfte der Gelder des Fonds werden zudem nicht zur Bereinigung schlechter Kredite verwendet, sondern zur Effizienzsteigerung, indem kleine Sparkassen zu Fusionen ermuntert werden.
Wie schätzen die Personen des Internationalen Währungsfonds (IFW) die Lage in Spanien ein, denen Sie begegnen?
Es gibt nicht eine Meinung des IWF, sondern verschiedene - je nach Position der betreffenden Person. Grundsätzlich versuchen sie Entwicklungen zu begünstigen, die Spanien wirtschaftlich in der Richtung weiterbringen, die allgemein für die richtige gehalten wird. In diesem Sinne arbeiten sie zusammen mit der Europäischen Union. Faktisch hat Spanien innerhalb des IWF einen großen Einfluss. Nicht nur über diese Schiene versucht das Land Druck aufzubauen, sondern auch über die Stress-Tests. So funktioniert Spanien!
Sind die angekündigten Maßnahmen - Arbeitsmarktreformen, geplante Änderungen im Ausgabeverhalten et cetera - ernst zu nehmen?
Die spanische Politik versucht zwei Fliegen mit einer Klappe zu fangen. Einerseits versuchen sie die Anleger davon zu überzeugen, dass sie es ernst meinen. Auf der anderen Seite wollen sie in Spanien selbst den Eindruck zu erwecken, nichts zu tun, was schmerzhaft werden könnte. Beides passt nicht zusammen. Es gibt bisher nur halbherzige Ansätze und eine entschiedene Unentschlossenheit in der Regierung.
Was heißt das?
Anleger liegen ziemlich richtig, wenn sie skeptisch sind, ob die spanische Regierung das auch umsetzen wird, was sie verspricht. Investoren bleiben zurecht skeptisch, um Spanien zu den Veränderungen zu zwingen, an welchen kein Weg vorbei führt.
Es gibt immer wieder Gerüchte über eine notwendige Finanzspritze für Spanien. Was denken Sie?
Es gibt keinen Rauch, wo kein Feuer ist. Immerhin sind die Gerüchte mit jenen vergleichbar, die vor der „Griechenlandrettung“ umgingen. Zweifellos wird jedoch in den kommenden Tagen nichts passieren, denn man wird das Ende der EU-Präsidentschaft abwarten. Auf Sicht von Wochen und Monaten wird Spanien aber nicht vermeiden können, den Fonds Europas in Verbindung mit dem IWF in Anspruch zu nehmen. Schon im Juli kann es zudem zu deutlichen Veränderungen in der spanischen Regierung kommen.
Was denken die spanischen Leute in der Strasse über die Situation?
Die Lage ist so kompliziert, dass sie viele gar nicht erst verstehen. Trotzdem macht sich das Gefühl breit, man lebe auf einem ungerechtfertigen Lebensstandard, Veränderungen seien nötig und man müsse dafür Opfer bringen. Diese Toleranz und Geduld dauert jedoch nicht ewig. Aus diesem Grund ist es wichtig, schnell die richtigen Schritte zu machen.
Welche sind das? Was wird der IWF tun, wenn er gerufen wird?
Sie werden dieselben strukturellen Reformen durchführen, wie jetzt in Griechenland: Reform des Pensionssystems, strengere Reform des Arbeitsmarktes, Ausgabensenkungen, Steuererhöhungen - und schließlich werden sie das Bankensystem radikaler ausmisten, als das unter dem FROB der Fall ist.
Das würde die spanische Wirtschaft in den freien Fall bringen ...
... womit wir wieder bei der Frage wären, wie man diese Volkswirtschaften erneut auf Wachstumskurs bringen kann. Obwohl diese Länder nicht wettbewerbsfähig sind, wollen sie die notwendigen bitteren Pillen nicht schlucken. Wir brauchen jedoch eine substanzielle interne Abwertung in Spanien, Löhne und Preise müssen um 20 Prozent fallen.
Ist das realistisch?
Ja, vielleicht wäre es besser, wenn Deutschland für einige Zeit eine neue Version der Mark einführte. Das klingt provozierend, aber eine Lösung muss gefunden werden.
Vielleicht in Form einer Transferunion?
Tatsächlich scheint sie über die Hintertür längst Realität zu sein. Denn die Europäische Zentralbank ist durch den Kauf von Wertpapieren schlechter Qualität zu einem fiskalpolitischen Instrument geworden, bevor der europäische Rettungsfonds beschlossen wurde.
Was machen Hedge-Fonds aus dieser Situation?
Da sich die Lage so leicht lesen lässt, machen sie Geld ohne Ende. Da die Abwärtsspirale verschiedener Volkswirtschaften absehbar ist, brauchen sie nicht mal Druck auszuüben, sondern sich einfach nur entsprechend zu positionieren. Manche erweitern sogar ihren Horizont und fragen sich inzwischen, wie intensiv Italien derivative Instrumente nutzte, um seine Staatsbilanzen zu „pflegen“.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |