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Im Gespräch: Andrew Wells, Fidelity "Lieber Siemens als Deutschland"

 ·  Andrew Wells, Chef-Anlage-Stratege der Fondsgesellschaft Fidelity Investments hält Unternehmensanleihen für sicherer als Staatspapiere.

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Herr Wells, 2012 wird das Jahr der Anleihen, sagen alle. Sie auch?

Kommt drauf an, über welche Anleihen wir reden. Bei den Staatsanleihen ist es kompliziert: Die Notenbanken pumpen immer noch unheimlich viel Geld in die Märkte. Sie wollen die Zinsen niedrig halten und die Wirtschaft mit Geld versorgen. Die Regierungen werden versuchen, ihre Schulden wegzuinflationieren. Die Zinsen für Staatsanleihen werden daher steigen, aber die Inflation noch viel stärker. Auf lange Sicht sind die Aussichten also eher schlecht. Aber die Unternehmensanleihen werden ein großes Jahr erleben.

Vorher müssen Sie uns sagen, was Sie für die europäischen Problemstaatsanleihen erwarten.

Jede Abmachung, die zum Schuldenschnitt bei den Griechen führt, ist gut. Ich glaube, dass die Situation in Griechenland gelöst werden kann, wenn ein Großteil der Gläubiger einen Haircut hinnimmt, also auf einen Teil seiner Ansprüche verzichtet. Viel wichtiger ist, wie stark sich Deutschland und Frankreich, Italien und Spanien in Zukunft unterstützen wollen.

Was empfehlen Sie uns für Italien?

Wenn wir keinen Haircut in Italien akzeptieren wollen, muss es einen strukturellen Wandel geben. Die Schulden müssen handhabbar sein, das bedeutet niedrige Zinsen für eine lange Zeit wie in Japan. Italien kann aus seinen Schulden rauswachsen. Es hat eine solide wirtschaftliche Basis und fähige Menschen. Die größere Herausforderung ist Spanien. Dort fehlt eine starke Industrie, für Spanien wird es viel, viel schwerer, ohne Unterstützung wieder auf die Beine zu kommen.

Spanien wird uns also noch viel kosten?

Italien und Spanien sind in der Hand Nordeuropas. Solange sie nicht wachsen, muss die europäische Zentralbank sie refinanzieren mit 500 Milliarden bis einer Billion Euro. Damit können sie Reformen anschieben und ihre Schuldenlast tilgen. Momentan muss also ein Berg von Schulden finanziert werden, aus der Sicht von Anleihenkäufern ist das eine gute Zeit.

Sie würden Anlegern raten, Italien und Spanien Geld zu leihen?

Nein, würde ich nicht. Die Anfälligkeit für Kursschwankungen und das Risiko sind hoch, die Zinsen als Ausgleich dafür sind winzig. Gewiefte deutsche Staatsanleiheninvestoren hielten bisher bis zu 50 Prozent italienische und spanische Anleihen. Jetzt bitten sie uns, die zu verkaufen und gegen kanadische, australische, schweizerische oder skandinavische einzutauschen. Aber bevor nur Sie Fragen stellen: Quiz des Tages - was war die beste Anlageklasse seit 15 Jahren?

Verraten Sie es uns!

Japanische Bonds. Sie hätten die Rendite Ihres Lebens gemacht, wenn Sie 30-jährige japanische Staatsanleihen gekauft hätten. Die Wirtschaft steht extrem schlecht da, aber: Die Zinsen sind niedrig, Japan kann seine Schulden tilgen. Einen Großteil übrigens, weil die Japaner hohe Ersparnisse haben. Deshalb ist die Lage des Landes zwar schlecht, aber nicht die für den Anleger.

Kriegen wir auch japanische Verhältnisse?

Ich sage nicht, dass Europa den japanischen Weg geht, vieles ist anders. Aber wir brauchen kleine Zinsen und Investoren von außerhalb, die Europas Schulden übernehmen. Sonst geraten wir in einen sich selbst verstärkenden Strudel.

Und wir stecken unser Geld lieber in die aufstrebenden Staaten?

Zum Beispiel in asiatische, ja. Ich habe den Großteil meines Lebens in Asien verbracht, bin in Hongkong aufgewachsen. Die Lebendigkeit der Märkte ist umwerfend, die Geschwindigkeit, mit der dort Werte geschaffen werden. Asiatische Staatsanleihen sind stabil, denn die Verschuldung der Staaten ist gering.

Reden wir über China und Indien, oder wird Vietnam das "nächste große Ding"?

Vietnam ist interessant, aber nur ein kleiner Markt. Ein sehr stabiler Markt ist Australien. Es hat unglaubliche Ressourcen und profitiert vom chinesischen Aufschwung. Auch Indonesien hat großes Potential. Bei asiatischen Hochzinsanleihen bekommen sie derzeit Kupons mit elf Prozent Zinsen.

Im Vergleich dazu bieten Unternehmensanleihen winzige Zinsen. Aber denen trauen viele Leute mehr zu als Staatspapieren.

Ganz einfach: Geht ein Staat pleite, haben Sie nichts in der Hand. Rutscht eine Firma in die Pleite, sind immer noch Vermögenswerte da: die Fabrik, die Maschinen. Deshalb kaufen Anleger gute Firmenanleihen etwa von Procter & Gamble, Siemens, Unilever oder BP. Die Unternehmen schlagen sich erstaunlich gut, vor allem die deutschen: Ihre Bilanzen sind ausgewogen, sie profitieren vom schwachen Euro, haben starke Exportmärkte, gute Produkte - das ist der Grund, weswegen viele jetzt lieber in Volkswagen oder Siemens investieren als in Italien oder Spanien. Verständlicherweise.

Was ist mit den riskanteren Papieren, den Hochzinsanleihen?

Bei denen werden wir ein Ausnahmejahr erleben: Die Anlageklasse ist reifer geworden. Die Banken verleihen ihr Geld sparsamer als früher, also sammeln die Unternehmen bei den Anlegern Geld ein. Und die Investoren suchen Rendite. Das größte Thema bis 2014 wird daher genau das sein: die feste Verzinsung. Die stand bisher nie auf der Agenda der Investoren. Viele werden feststellen, dass festverzinsliche Papiere den Ertrag des Portfolios viel stärker bestimmen als Gewinne am Kapitalmarkt. Hochzinsanleihen sind da die attraktivste Anlageklasse.

Gibt es da deutsche Geheimtipps?

Ja, viele. Die Qualität der Firmen ist gut in Deutschland. Es gibt etliche Pharmaunternehmen oder Biotechfirmen, die sich gut refinanzieren können. Das ist der Schlüssel bei Hochzinsanleihen. Aber da rede ich nicht gern über Einzeltitel.

Welche Anleihe gehört in jedes Portfolio?

Es gibt nicht die eine. Bei Anleihen geht es um die Vielfalt. Man kann mit diesen Papieren alles verlieren, deshalb muss man breit streuen. Natürlich kann man jeden der nationalen Champions kaufen, aber: Nie zu viel auf einen Namen setzen!

Dann nennen Sie uns mehrere Namen.

Siemens, BMW, BASF, Unilever, Procter & Gamble, das sind alles qualitativ gute Papiere mit großer Liquidität. Die Bonds von Siemens sind übrigens weniger schwankungsanfällig als Bundesanleihen, deshalb sehen viele sie als sicheren Hafen. Entsprechend klein sind die Zinsen. Was deutsche Anleger viel zu selten im Depot haben und häufiger haben sollten: Anleihen mit Inflationsschutz. Die werden bald den Ton angeben.

Der Anleiheexperte

Einen Hang zu Asien und Zinspapieren hatte er schon immer. Andrew Wells wuchs in Hongkong auf und begann zwar bei einer Ölfirma, wechselte aber 1996 als Geldmarktfonds-Händler zur Fondsgesellschaft Fidelity. Seit 2007 steuert er deren gesamten festverzinslichen Vermögensbestand und seit 2011 auch die Immobiliensparte. Fidelity ist eine der weltweit größten Fondsgesellschaft mit vielen Kunden auch in Deutschland.

Das Gespräch führte Nadine Oberhuber.

Quelle: F.A.S.
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