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Im Gespräch: Andreas Utermann, Allianz GI „Die Zeit steigender Aktienkurse ist definitiv vorbei“

 ·  Andreas Utermann verwaltet für Allianz Global Investors 300 Milliarden Euro. Er rät mittlerweile von Aktien europäischer Firmen ab und kauft chinesische Anleihen.

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Herr Utermann, die Börsenkurse sind zuletzt deutlich gestiegen. Wie lange läuft die Rallye noch?

Niemand kann wissen, ob und wie lange diese Rallye weitergeht. Und jeder, der anderes behauptet, ist kein seriöser Investor. Sich von den aktuellen Marktbewegungen berauschen zu lassen ist aber der größte Fehler, den Sie an der Börse begehen können. Für unsere Anlagestrategie gilt darum der Grundsatz: Wo genau die Aktienkurse gerade notieren, ist für uns nicht von Bedeutung.

Mit Verlaub: Das klingt nicht eben danach, als ob Sie Ihren Job ernst nehmen würden.

Ich bitte Sie: Das Gegenteil ist der Fall. Natürlich verfolgen wir, was an den Finanzmärkten los ist. Entscheidend dabei aber ist: Wir lassen uns nicht von jeder Kursbewegung beeindrucken. Und das ist absolut notwendig, um Erfolg zu haben. Schauen Sie doch nur einmal auf die Entwicklung der Börsen seit der Jahrtausendwende: In der gesamten Zeit konnten Investoren mit Aktien im Schnitt kaum Kursgewinne erzielen. Und es ist nicht auszuschließen, dass dies auch in den kommenden zehn Jahren wieder so sein wird. Die goldene Zeit steigender Aktienkurse ist in meinen Augen definitiv vorbei.

Ist das Ihr Ernst? Dann wäre es ja das Beste, wenn Anleger ihre Papiere verkaufen würden.

Ganz und gar nicht, Aktien bleiben interessant. Allerdings müssen Investoren sie heutzutage unter einem völlig anderen Gesichtspunkt auswählen als noch vor ein paar Jahren. Wie gesagt: Auf die bequemen Kurssteigerungen früherer Zeiten können Anleger wegen der dramatischen Umwälzungen in Europa und der Welt nicht mehr zählen. Aber dafür gewinnt eine zweite Komponente der Aktie erheblich an Bedeutung: die Dividende.

Das müssen Sie wohl sagen. Ihre Gesellschaft bietet viele Fonds an, die diese Strategie verfolgen.

Glauben Sie etwa, wir würden dies tun, wenn wir an der Richtigkeit des Ansatzes Zweifel hätten? Nein, Aktien mit attraktiven Ausschüttungen, gemessen am Kurs, sind das beste Mittel, um der schwierigen Lage an den Kapitalmärkten zu trotzen. Denn sie bieten etwas, was sich mit sicheren Staatsanleihen nicht mehr erreichen lässt: eine auskömmliche Rendite.

Allein durch die regelmäßigen Ausschüttungen kommen Anleger auf einen Ertrag zwischen drei und vier Prozent pro Jahr, mit Bundesanleihen dagegen sind nicht einmal mehr zwei Prozent pro Jahr möglich.

Aber woher wissen Anleger, auf welche Firmen sie setzen sollen?

Natürlich müssen Investoren darauf achten, dass die Unternehmen über viele Jahre hinweg zuverlässig Dividenden gezahlt haben. Das wichtigste Auswahlkriterium aber ist ein anderes - weltweite Präsenz. Von Firmen beispielsweise, die ihr Geschäft ausschließlich im Euroraum betreiben, würde ich dringend abraten. Die Wachstumsaussichten in Europa sind einfach zu schwach, die Krise ist weiter zu stark.

Sie arbeiten in London, beobachten die Krise also von einem Land aus, das der Währungsunion nie beigetreten ist. Hatten die Briten den richtigen Riecher?

Nein. Dass gerade viele Deutsche die Währungsunion mittlerweile für einen Fehler halten, will mir nicht in den Kopf. Deutschland hat jahrelang die Vorteile des Euro genossen: Nie stand unseren Unternehmen ein so großer Binnenmarkt offen, nie konnte sich die Bundesrepublik so günstig verschulden. In guten Zeiten zusammenzuhalten ist einfach. Aber eine wirkliche Partnerschaft zeichnet sich dadurch aus, dass man in schlechten Zeiten aufeinander bauen kann. Das scheinen viele Eurokritiker völlig vergessen zu haben.

Ist das Vertrauen zwischen Partnern einmal zerstört, ist Trennung doch meistens die bessere Lösung.

Aber bedenken Sie doch nur, wie hoch die Kosten einer solchen Scheidung wären. Das Ende des Euro hätte katastrophale Folgen, dessen bin ich mir sicher. Es käme zu einer Re-Nationalisierung der europäischen Volkswirtschaften: Sie würden ihre Märkte wieder stärker voneinander abschotten, der freie Waren- und Kapitalverkehr stünde auf dem Spiel - das wäre ein Rückfall in die 30er Jahre. Dies mag ich zukünftigen Generationen nun wirklich nicht zumuten.

Die Verträge sahen allerdings nie vor, dass ein Eurostaat für die Schulden des anderen haftet. Viele empfinden dies als die eigentliche Zumutung.

Sicher, das ist ein klarer Verstoß gegen das Regelwerk. In normalen Zeiten wäre dies nicht hinnehmbar, aber Europa befindet sich in einer Ausnahmesituation. Das Ganze erinnert mich immer an einen Autounfall mit vielen Schwerverletzten. Denen würden die Rettungskräfte doch auch nicht als Erstes einen Vortrag über Verkehrsregeln halten. Sondern sie würden helfen.

Aber möglicherweise wird die Hilfe nun auch den Helfern zum Verhängnis. Die Europäische Zentralbank will unbegrenzt Eurostaatsanleihen aufkaufen. Droht nun nicht Inflation?

Ich glaube das nicht. Die Banken vergeben kaum Kredite, und viele Eurostaaten befinden sich in tiefster Rezession. Das ist kein Umfeld, in dem die Teuerung deutlich zulegen wird. Auch eine Tendenz zu höheren Löhnen kann ich nicht erkennen: Selbst wenn sich die Wirtschaftslage im Euroraum wieder deutlich aufhellen sollte, hätten die Unternehmen nämlich kaum Spielraum für höhere Gehälter. Dazu ist die Konkurrenz auf dem Weltmarkt einfach zu stark.

Im November wählt Amerika einen neuen Präsidenten. Ist das Land in einem besseren Zustand als Europa?

Die Vereinigten Staaten verfügen unbestreitbar über einige wesentliche Wettbewerbsvorteile: Sie haben eine junge, eine stark wachsende Bevölkerung. Sie ziehen hochqualifizierte Zuwanderer aus der ganzen Welt an. Und sie haben einen sehr flexiblen Arbeitsmarkt. Dies alles fehlt Europa. Aber auf der anderen Seite ist auch Amerikas Staatsverschuldung längst aus dem Ruder gelaufen, auch hier kauft die Notenbank Anleihen auf. Von wirklicher Stärke lässt sich darum nicht sprechen, auch die Vereinigten Staaten sind angeschlagen.

Amerika kriselt, Europa sowieso - was sollen Anleger da tun? Allein Dividendenaktien werden ihnen nicht helfen.

Ich bin kein Freund pauschaler Ratschläge, schließlich ist jeder Anleger verschieden. Eines lässt sich aber sagen: Investoren müssen ihren Blick weiten - also nach Weltregionen suchen, die sich der Krise weitgehend entziehen können. Ich denke da zum Beispiel an Länder wie Südkorea, deren Staatsfinanzen in gutem Zustand sind und deren Währungen mittelfristig stark aufwerten sollten.

Anleihen, die in der jeweiligen Landeswährung notieren, können wichtiger Bestandteil jedes Portfolios sein. Und sogar der chinesische Renminbi gehört aus meiner Sicht ins Depot. In keinem anderen Land der Welt können Sie so sicher sein, dass die Währung zulegen wird: Denn der Renminbi ist politisch gelenkt und die Aufwertung fester Wille der chinesischen Regierung.

Währungsanleihen, Renminbi-Papiere - eine wilde Mischung, die Sie da vorschlagen. Zumal das Wachstum in vielen Schwellenländern ebenfalls stockt.

Zugestanden: An diese neue Investmentwelt werden sich Anleger gewöhnen müssen. Aber selbst wenn die Zuwächse in den Schwellenländern zurzeit etwas schwächer ausfallen als in den Jahren zuvor - diese Staaten lassen Europa und Amerika dennoch weit hinter sich. Es wäre unklug, wenn sich Anleger solche Chancen entgehen ließen.

Wie lange wird es dauern, bis sich solche Gelegenheiten auch in Europa wieder auftun?

Ganz ehrlich: Es wäre vermessen zu prognostizieren, bis wann sich Europa erholen wird. Aber ich fürchte: Einige harte Jahre haben wir noch vor uns.

Allianz Global Investors

In Deutschland ist diese Fondsgesellschaft eine Macht: Die Anlageexperten von Allianz Global Investors verwalten hierzulande für Privatanleger etwa 100 Milliarden Euro, weltweit steuern sie Investorengelder in Höhe von 300 Milliarden Euro. Damit zählt die Vermögensverwaltungssparte des Münchner Versicherungskonzerns Allianz zu den größten Investmenthäusern der Welt.

Seit diesem Jahr ist Andreas Utermann als Anlagechef für die Verwaltung der Milliarden verantwortlich. Der Deutsche mit britischem Pass arbeitet seit 2002 bei der Allianz-Tochtergesellschaft. Zuvor war er für das Investmenthaus Merrill Lynch tätig.

Das Gespräch führte Dennis Kremer.

Quelle: F.A.S.
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