Herr Diessbacher, das Geld einiger Ihrer Kunden lag auf Konten des Terminbörsenmaklers PFG Best, der von Ihnen gegebene Aufträge abwickelte. Wie haben Sie von den Betrugsvorwürfen gegen den Gründer erfahren?
Fünf Minuten bevor die offizielle Mitteilung rausging, hat mir mein Ansprechpartner bei PFG eine formlose E-Mail geschickt und mich informiert. Am Anfang dachte ich, es sei ein schlechter Witz.
Was stand in der E-Mail?
Dass der Gründer Russell Wasendorf einen Selbstmordversuch begangen hat und die NFA, die zuständige Terminbörsenaufsicht, die Firma gerade schließt.
Wie haben Sie darauf reagiert?
Ich habe gleich angerufen, aber er wusste auch nicht mehr, als in der E-Mail stand. Ich dachte zunächst, dass die Firma vielleicht nicht mehr genug Eigenkapital hatte. In diesem Fall wären die Kunden zu einem anderen Makler gewechselt und die Firma wäre verkauft oder abgewickelt worden. Am Dienstag stand dann in der Zeitung, dass angeblich mehr als 200 Millionen Dollar Kundengelder fehlen. Ich dachte nicht, dass so etwas nach dem Konkurs des Wertpapierhauses MF Global im Oktober so schnell noch einmal passiert.
Wie viel Kundengeld ist betroffen?
Ich nutze acht Maklerfirmen. Bei PFG lagen 8 bis 9 Millionen Dollar.
Waren Ihre Kunden auch bei MF Global betroffen, wo die Aufsichtsbehörden weiter nach 1,6 Milliarden Dollar fahnden?
Ja, dort ging es für meine Kunden um 8 Millionen Dollar. Die ersten Kunden haben allerdings schon 80 Prozent ihres Geldes zurückbekommen.
Wie haben Ihre Kunden auf den neuerlichen Schock reagiert?
Viele haben aufgeregt angerufen.
Wer sind Ihre Kunden?
Es sind hauptsächlich Privatanleger, ganz normale Leute. Sie können schon mit 10000 Dollar oder 20000 Dollar einsteigen. Für Terminmärkte sind das sehr geringe Mindestanlagen.
Sie arbeiten seit mehr als zehn Jahren in Chicago, stammen aber aus Bayern und haben in Aachen studiert. Haben Sie auch deutsche Anleger?
Ein paar, ja. Aber der deutsche Markt ist sehr klein.
Haben Sie das Gefühl, dass Anleger wegen der Skandale langsam das Vertrauen in die Finanzmärkte verlieren?
Zwei oder drei meiner Kunden, deren Geld bei anderen Maklern liegt, haben ihre Konten geschlossen, weil sie Angst um ihr Geld haben. Ein erfahrener Privatanleger, mit dem ich gesprochen habe, erwägt für Anlagen in Gold künftig börsennotierte Fonds zu nutzen, weil ihm die Terminmärkte nicht mehr sicher erscheinen.
Hat die Aufsicht versagt?
Der Betrug scheint aufgeflogen zu sein, weil es seit kurzem schärfere Regularien gibt. PFG musste die Kontostände der Bank, wo die Kundengelder lagen, neuerdings elektronisch an die Aufsichtsbehörden melden. Das ist positiv.
Haben sie Verbesserungsvorschläge?
Es müsste eine Versicherung für Terminmarktanlagen geben. Die Einlagen eines Girokontos sind bis zu einem bestimmten Betrag durch den Einlagensicherungsfonds versichert, wenn eine Bank pleitegeht. Das gilt auch für Aktiendepots.
Gibt es an den Terminmärkten kein derartiges Sicherheitsnetz?
Nein. Wir konnten den Kunden bisher immer versichern, dass eine Firma im Fall einer Insolvenz nicht an Kundengelder herankommt. Das hat auch 100 Jahre lang funktioniert. Aber die Fälle MF Global und PFG zeigen, dass die Firmen offensichtlich doch Zugriff darauf hatten.
Welche Erfahrungen hatten Sie mit PFG vor der Pleite?
Eigentlich gute. Ich kannte Herrn Wasendorf persönlich. Zwar nicht sehr gut, aber wir haben uns vor drei Wochen noch bei einer Preisverleihung getroffen. Erst vor ein paar Monaten war ich in der neuen Hauptverwaltung von PFG in Iowa.
Machte er einen komischen Eindruck?
Überhaupt nicht. Er ist ein angenehmer Mensch, ein stillerer Typ, keiner, der das Gespräch an einem Tisch dominiert.
Wie geht es nun weiter?
Die Konten sind erst einmal eingefroren. Die Investmentbank Jefferies hat als Abwickler alle offenen Positionen der Kunden geschlossen. PFG muss diese Positionen nun den einzelnen Kunden zuteilen. Dass wird ein bisschen dauern. Dann werden die ganzen Ansprüche zusammengerechnet und geprüft, was mit den 200 Millionen Dollar geschehen ist.
Das Gespräch führte Norbert Kuls.
Russell Wasendorf, Gründer des amerikanischen Terminbörsenmaklers PFG Best, hat jahrzehntelangen Finanzbetrug gestanden. Wasendorf hatte am Montag der Vorwoche versucht, sich im Auto mit Auspuffgasen das Leben zu nehmen. Wie aus einem im Auto gefundenen Abschiedsbrief hervorgeht, fälschte Wasendorf persönlich Kontoauszüge seiner Kunden mit Hilfe von Softwareprogrammen wie Photoshop und Excel. Mehr als 200 Millionen Dollar sind verschwunden. Wasendorf hatte PFG 1990 in Chicago gegründet und war vor drei Jahren in die Kleinstadt Cedar Falls im Bundesstaat Iowa umgezogen. (nks.)