Wenn sich Hexen mit dem Teufel des Nachts an einem geheimen Ort treffen, dann ist Hexensabbat. Die Börsianer entlehnen diesen Festtag aus der Hexentheorie für die an den Terminbörsen wichtigsten Handelstage im Jahr. Zwar halten sie sich nicht an die vier unter Hexen üblichen Termine am Vorabend von Maria Lichtmess, in der Walpurgisnacht zum 1. Mai, am Lammas-Abend vor dem 1. August und schließlich an Halloween, dem Vorabend zu Allerheiligen, sondern haben ihren Hexensabbat immer am dritten Freitag der Monate März, Juni, September und Dezember. Auch die Örtlichkeit ist eine andere. Nicht auf bekannten Hexentanzplätzen wie dem auch als Blocksberg bezeichneten Brocken im Harz werden sie begangen, sondern in den Handelsräumen rund um den Globus. Und sie befassen sich zudem weniger mit dunklen Ritualen als mit Terminkontrakten wie Futures und Optionen, die an diesem Tag in großer Zahl fällig werden.
Die Parallelen zum Namensvorbild ergeben sich jedoch durch das Geheimnisvolle dieses Börsentages. „Das ist für jeden Börsianer ein spannender Termin, weil vorher nie so klar ist, wie turbulent es tatsächlich wird“, sagt Heiko Weyand von der Bank HSBC Trinkaus. Am Hexensabbat werden die tatsächlichen Ausübungspreise etlicher Terminkontrakte auf Aktien- und Indexoptionen sowie Indexfutures festgestellt. Daher sprechen Börsianer auch vom dreifachen Verfallstag. An der größten europäischen Terminbörse Eurex findet dazu zwischen 11.50 und 12.00 Uhr eine Auktion der Stoxx-Indizes statt, ab 13 Uhr folgen die Dax-Indizes und schließlich in der Schlussauktion ab 17.30 Uhr die Einzelaktien. „Alle Käufer und Verkäufer stellen ihre Gebote ein und ermitteln so den Ausübungspreis“, sagt Weyand. „Das bringt durchaus Überraschungen mit sich, da die Auktionsteilnehmer mit ihren jeweiligen Indikationen verschiedene Absichten verfolgen.“
Termingeschäfte dienen der Absicherung und Spekulation
Terminkontrakte haben in den vergangenen beiden Jahrzehnten an den Börsen erheblich an Bedeutung gewonnen. Ursprünglich kommen sie aus der Landwirtschaft und wurden dort schon im alten Griechenland eingesetzt. Der Landwirt vereinbart mit einem Käufer weit vor der Lieferung der Ware die Konditionen des Geschäfts, legt also Preis, Menge, Qualität und Liefertermin fest. Das gibt allen Beteiligten Planungssicherheit. In der Folge kamen etliche solcher Terminkontrakte hinzu, und zwar nicht mehr nur physischer Natur, wie Öl, Weizen oder andere Rohstoffe, sondern auch Finanzkontrakte. So konnten sich große Exportunternehmen mittels Terminkontrakten bestimmte Wechselkurse sichern und minderten so die Risiken ihres Geschäfts.
Längst ist neben diesen Absicherungscharakter von Termingeschäften jedoch ein spekulativer Gedanke getreten. Mit der Veränderung von Rohstoffpreisen oder Wechselkursen gewinnt oder verliert auch der vereinbarte Terminkontrakt an Wert. Sieht der Vertrag eine Lieferung zu 100 Dollar je Barrel Öl im Juni vor, der aktuelle Preis ist jedoch auf 120 Dollar gestiegen, so gewinnt der Kontrakt für einen Ölkäufer an Wert.
Futures können Indizes einfach und günstig abbilden
Die meisten solcher Termingeschäfte werden außerhalb von Börsen getätigt. Nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) betrug das nominal ausstehende Kontraktvolumen im Juni 2011 mehr als 700 Billionen Dollar (530 Billionen Euro) und damit mehr als das Zehnfache der jährlichen Weltwirtschaftsleistung. An den Börsen wird nach BIZ-Angaben ein ausstehendes Volumen von gut 58 Billionen Dollar gehandelt.
An der Eurex war der Future auf den Aktienindex Euro Stoxx 50 im Jahr 2011 das meistgehandelte Papier. Der Charme für die Anleger ist die einfache und günstige Möglichkeit der Indexabbildung. „Der Manager eines europäischen Aktienfonds, der Abflüsse aus seinem Fonds hat, muss nicht eine Vielzahl einzelner Fondswerte anfassen, sondern kann schnell und liquide den Future verkaufen“, sagt Rex Jones, Produktmanager der Eurex. „Viele Fondsmanager und Vermögensverwalter steuern so ihre täglichen Zu- und Abflüsse.“ Zudem werden im Zertifikatemarkt viele Indexzertifikate über Futures abgebildet. Dies ist günstiger als der Kauf oder Verkauf der Einzeltitel, zumal deren Handelbarkeit meist geringer ist als die eines Future. Dies gilt zumindest für große Aktienindizes. Von den etlichen tausend Indizes werden nur wenige über einen liquiden Future abgebildet. „Wir richten uns hier nach den Kundenwünschen, stellen aber auch hohe Anforderungen an den Index selbst und seine Handelbarkeit“, sagt Jones. An der Eurex werden vor allem Futures auf den Euro Stoxx 50, den Dax, den Schweizer SMI und den koreanischen Kospi gehandelt.
Privatanleger sollten sich genau über Terminmärkte informieren
Auch Privatanleger können Futures handeln. Sie müssen dies ihrer Bank nur mitteilen, dann wird ihnen die Termingeschäftsfähigkeit erteilt. Privatanleger sollten sich zudem mit den Besonderheiten des Terminmarkts vertraut machen. Ein Future verpflichtet den Anleger, den Basiswert, zum Beispiel einen Aktienindex, zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft zum dann aktuellen Preis zu kaufen. Ein Future auf den Euro Stoxx 50 hat derzeit einen Nominalwert von knapp 26.000 Euro. Der Wert errechnet sich aus dem aktuellen Indexstand von knapp 2600 Punkten multipliziert mit 10. Der Käufer eines Futures muss allerdings derzeit nur ein Zehntel des Wertes als Sicherheit hinterlegen, in diesem Fall 2600 Euro. Steigt der Index um 1 Prozent, gewinnt der Future 1 Prozent - also 260 Euro - an Wert. In Relation zu dem als Sicherheitsleistung eingesetzten Kapital gewinnt der Anleger somit 10 Prozent. Der Future hat damit einen Hebel von 10.
Ein weiterer bedeutsamer Future an der Eurex ist der Bund-Future. Er stellt eine fiktive Bundesanleihe mit zehn Jahren Laufzeit und einem Zinskupon von 6 Prozent im Jahr dar. Die Anleger müssen somit nicht einzelne Bundesanleihen kaufen, sondern können in diesen sehr liquiden Future investieren. Sollten sie ihn bis zur Fälligkeit halten, bekommen sie Bundesanleihen mit Laufzeiten zwischen 8,5 und 10,5 Jahren geliefert.
Optionen haben oft spekulativen Charakter
Von den Futures unterscheiden sich Optionen in einem wesentlichen Punkt: Bei der Option wird neben Zeitpunkt und Menge der Lieferung auch der Preis bereits vorab festgelegt. Es gibt deshalb sehr viel mehr unterschiedliche Optionen als Futures, da den Anlegern eine Vielzahl möglicher Preise zur Auswahl gestellt werden. Auf Einzelaktien gibt es nur Optionen, da der Vorteil des Futures, die einfache und liquide Abbildung eines mitunter komplexen Basiswerts, hier nicht zum Zuge kommt. Gleichwohl sind auch Optionen sehr gefragt. Sie haben oft spekulativen Charakter, sind aber auch bei vielen strukturierten Zertifikaten wichtig für die Darstellung des Auszahlungsprofils.
Den bislang liquidesten Terminkontrakten ist gemeinsam, dass sie am Freitag fällig werden. Ob sie dem Anleger Gewinn oder Verlust gebracht haben, entscheidet sich oft erst in letzter Sekunde. Bis dahin werden viele Anleger aber schon in den nächstfälligen Kontrakt gewechselt sein und blicken gebannt dem nächsten Hexensabbat entgegen, der ist am 15. Juni.