01.10.2009 · Die Finanzkrise und der Fall Madoff haben die Hedge-Fonds-Industrie erschüttert. Doch Peter Clarke, Vorstandschef der Man Group, dem größten börsennotierten Hedge-Fonds der Welt, prophezeit im FAZ-Interview den Überlebenden ausgezeichnete Renditen.
Die Finanzkrise und der Fall Madoff haben die Hedge-Fonds-Industrie erschüttert. Peter Clarke, Vorstandschef der Man Group, dem größten börsennotierten Hedge-Fonds der Welt, prophezeit denjenigen, die überlebt haben, jedoch ausgezeichnete Renditen.
Das Gipfeltreffen der G 20 in Pittsburgh hat gezeigt, dass sich die Finanzindustrie in Zukunft auf eine schärfere Regulierung und strengere Sicherheitsstandards einstellen muss. Gehen die Vorstellungen der Politiker zu weit?
Wir müssen aus der Finanzkrise Konsequenzen ziehen. Aber es muss der Finanzbranche überlassen bleiben, ihre Geschäftsmodelle frei zu wählen. Regulierung und Aufsicht sollten sicherstellen, dass die Risiken des Geschäftes begrenzt bleiben. Viele Banken sind vor der Finanzkrise viel zu hohe Risiken eingegangen, und daher ist der Ruf nach höherem Eigenkapital bei den Banken gerechtfertigt.
Auch die Hedge-Fonds-Manager müssen sich demnächst registrieren lassen, und die Brüsseler EU-Kommission bereitet schärfere Sicherheitsstandards für die Branche vor.
Die Man Group ist als börsennotierter Finanzkonzern ohnehin schon von der Londoner Finanzaufsicht reguliert und beaufsichtigt. Es ist nur richtig, dass gewisse Sicherheitsstandards für alle Hedge-Fonds gelten, und zwar auch für die kleineren Fonds, die nicht börsennotiert sind. Ansonsten blieben die Lasten in der Branche ungleich verteilt, und dies würde den Wettbewerb weiter zu Lasten der Großen verzerren. Wir unterstützen daher viele Punkte des Brüsseler Richtlinienvorschlages, aber nicht alle.
Welche Vorschriften aus Brüssel sind nicht gerechtfertigt?
Der Richtlinienvorschlag grenzt Produkte außereuropäischer Fonds zu sehr aus. Es hat bisher niemand nachweisen können, dass Produkte von Hedge-Fonds außerhalb Europas für Investoren schlechter sind als Produkte des europäischen Marktes. Die Forderung, den Banken die Haftung für die Risiken der Hedge-Fonds aufzubürden, ist ebenfalls überzogen und kostspielig für die Branche. Auch die Vorstellungen in Brüssel, den Fremdkapitalhebel, mit dem Hedge-Fonds ihre Rendite steigern, begrenzen zu müssen, gehen zu weit.
Um eine künftige Finanzkrise zu verhindern, müssen aber alle Marktteilnehmer strengeren Sicherheitsstandards unterworfen werden?
Nicht unbedingt. Es darf nicht vergessen werden, dass die Hedge-Fonds diese Krise weder ausgelöst noch das systemische Risiko dargestellt haben. Es waren die Banken, die zu hohe Risiken eingegangen sind. Banken haben vor der Krise an den Finanzmärkten mit Umsätzen und Fremdkapitalhebeln in einer Größenordnung operiert, die weit über das Risiko der Hedge-Fonds hinausging. Als dieses Risiko durch Verkauf der Positionen reduziert werden musste, haben alle Marktteilnehmer - auch die Hedge-Fonds - unter dem dramatischen Preisverfall gelitten.
Die meisten Hedge-Fonds haben trotz ihrer klugen Strategien in dieser Krise keine Gewinne abgeworfen.
Nein, der Verkaufsdruck an den Finanzmärkten war so gewaltig, dass alle Vermögensklassen und Finanzprodukte synchron abwerteten und die Liquidität an vielen Märkten austrocknete. Bei einer solch hohen Korrelation der Märkte gehen die Strategien der meisten Hedge-Fonds nicht auf, denn die Fonds versuchen in der Regel, Preisdivergenzen an den Märkten für sich auszunutzen.
Dies erklärt, warum die Branche im vergangenen Jahr das erste Mal in ihrer Geschichte mit gewaltigen Verlusten abschnitt?
Nur die Devisenmärkte und Futures-Märkte an den Börsen blieben liquide, weil dort nicht nur Marktteilnehmer der Finanzindustrie operieren, sondern auch Teilnehmer aus der Industrie. Wenn Hedge-Fonds an diesen Märkten mit der Strategie der "Managed Futures" operierten, kamen sie erstaunlich gut durch das Jahr 2008, wie unsere Fondsgesellschaft AHL zeigte. Die Strategie der Managed Futures nutzt mit quantitativen Computermodellen und dem Einsatz von börsennotierten Futures und Optionen die allgemeine Marktbewegung aus, was in Krisenzeiten gut funktioniert.
War die Krise nicht frühzeitig zu erkennen?
Wir haben schon im Jahr 2007 beschlossen, dass unsere Risikopositionen deutlich reduziert werden mussten, weil eine Welle von Kapitalrückflüssen an die Investoren bevorstand. Es war allerdings beängstigend zu sehen, mit welch hoher Geschwindigkeit das Vertrauen in die Finanzmärkte und in Marktteilnehmer schwand. Auch wir mussten reagieren. Die Gefahr im System war so groß, dass wir vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers unsere Mittel von mehreren Investmentbanken, die für uns als Prime-Broker tätig waren, abzogen.
Die höheren Eigenkapitalvorschriften für Banken beruhigen Sie also, weil es die Sicherheit im Markt erhöht?
Es treibt natürlich auch die Kosten unseres Geschäfts in die Höhe. Die Banken können uns nicht mehr in dem Umfang wie zuvor refinanzieren, und der Beleihungswert unserer Sicherheiten ist drastisch gesunken.
Das bedeutet auf längere Zeit magere Renditen für die Hedge-Fonds?
Nein - nicht unbedingt. Wir müssen zwar mit einem geringeren Fremdkapitalhebel arbeiten. Aber die Arbitragemöglichkeiten an den Märkten und die Chance, daraus Rendite abzuleiten, waren noch nie so gut wie jetzt. Wir treten gegen weniger Konkurrenz an. Viele Banken sind mit ihrem Eigenhandel vom Markt verschwunden, und die Zahl der Hedge-Fonds hat sich reduziert. FRAGE:
Viele Hedge-Fonds haben in der Krise von ihrer vertraglichen Möglichkeit Gebrauch gemacht, Investoren die Rückzahlung von Anlagegeldern zu verweigern. War das klug?
Das hat dem Ruf der Fonds geschadet. Wir haben dies nicht getan, und das zahlt sich jetzt aus. Wir konnten Mittel an unsere Investoren zurückfließen lassen, weil wir mit Managed Accounts arbeiten, die uns freie Verfügbarkeit unserer Anlagemittel garantieren. Die Konsequenz aus dieser Krise ist, dass wir ab jetzt noch stärker mit Managed Accounts arbeiten. Auch andere Hedge-Fonds haben gelernt, dass sie auf Liquidität achten müssen und Anlegern nicht liquide Produkte verkaufen können, wenn die Gelder indessen illiquide investiert sind. Vor der Krise hatten viele, vor allem kleinere Hedge-Fonds nicht eingeplant, dass Märkte und Produkte illiquide werden könnten und Investoren ihre Mittel abziehen würden.
Dann erschütterte der Fall Madoff den Ruf der Branche.
Der Fall Madoff hätte zu keiner schlimmeren Zeit kommen können, und er hat der Branche sehr geschadet. Auch wir waren mit unserem Dachfonds RMF betroffen, haben in dem Betrugsfall 360 Millionen Dollar Anlagemittel von weitgehend institutionellen Anlegern verloren und werden entsprechend klagen. All dies hat bei den Investoren jedoch ein Umdenken ausgelöst: Früher achteten die Anleger von Hedge-Fonds nur auf die Rendite. Heute sehen sich die Investoren genauer an, was für ein Unternehmen hinter dem Fonds steht, und davon profitieren wir.
Macht die Börsennotierung den Unterschied?
Es sind mehrere Dinge, auf die Investoren jetzt achten: Die Man Group hat eine breit diversifizierte Palette an Hedge- Fonds-Produkten und -Managern, in die sie investiert. Wir haben als börsennotierter Konzern ein ausgefeiltes Risikomanagement, eine hohe Eigenkapitalausstattung, eine versierte Steuerung unserer Verbindlichkeiten und eine feste Bindung zu mehreren stabilen Prime-Brokern; wir legen als börsennotiertes Unternehmen einen transparenten Geschäftsbericht vor. Gerade jetzt profitieren wir von der Suche der Investoren nach sicheren Anlageformen, sogar nach Produkten, die dem Investor sein Kapital zum Ende der Laufzeit garantieren.
Sichere Form der Anlage bei Hedge-Fonds scheint sich zu widersprechen.
Nein. Hedge-Fonds bedeuten nicht notwendigerweise extrem hohes Risiko. Im Grunde sind pure Anlagen an den Aktienmärkten sogar riskanter, wenn man berücksichtigt, dass Kleinanleger zweimal innerhalb von zehn Jahren die Hälfte ihres Vermögens verloren haben. Man Group bietet Produkte an, die garantieren, dass der Anleger am Ende der Laufzeit - unabhängig von der Rendite - zumindest sein eingesetztes Kapital zurückbekommt. Einige Produkte unserer Fondsgesellschaft AHL haben das Jahr 2008 dank der Managed Futures sehr gut überstanden, so unser Diversified Programme mit einer Rendite im vergangenen Jahr von 33,2 Prozent.
Aber Investoren haben auch von der Man Group im Geschäftsjahr 2008 Mittel in Höhe von 17 Milliarden Dollar abgezogen. Der Gewinn von Man Group ist 2008 um 40 Prozent eingebrochen. Gleichzeitig fiel der Aktienkurs der Man Group von mehr als 500 Pence auf 150 Pence - hat sich aber auf 300 Pence erholt.
Der Liquiditätsbedarf der institutionellen Investoren war hoch und die Angst der Anleger auch. Aber zuletzt haben vor allem Privatanleger wieder in unsere Produkte investiert, so dass wir selbst in dem Krisenjahr 2008 Zuflüsse von 14,9 Milliarden Dollar verzeichneten.
Die Hedge-Fonds werden sich also wieder erholen?
Ja, wir sind heute eine kleinere, dafür besser gewappnete Branche.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |