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Hawala-Finanzsystem : Geld von Mensch zu Mensch

Flüchtlingslager (in Somalia) Bild: REUTERS

Hawala heißt das traditionelle Überweisungssystem in der muslimischen Welt. Es kommt ohne Banken aus. Gut funktioniert es in fragilen Staaten wie Somalia und Kenia, wo die Menschen einander vertrauen müssen.

          Geld an einen Flüchtling zu verschicken, der offiziell nicht existiert, ist gar nicht so schwer. Aus am Freitag in Frankfurt eingezahlten hundertfünfzig Euro werden nach Gebühren 192 Dollar, die der Somali Mohamed Ahmed Jamal zwei Tage später bei Mutter Kiin, einer Gemischtwarenhändlerin am Rande der kenianischen Distrikthauptstadt Garissa, abholt. Das Geschäftsmodell: Vertrauen.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Im Distrikt Garissa im unterentwickelten Nordosten Kenias nahe der somalischen Grenze leben mehrere hunderttausend somalische Flüchtlinge in Zelten. Wer es nach Garissa-Stadt geschafft hat, darf sich glücklich schätzen und relativ frei bewegen, so er denn nicht aufgegriffen und ins Lager zurückgeschafft wird. Das Provisorium ist hier dauerhaft, denn ein Ende des nun schon seit fast 20 Jahren tobenden Bürgerkrieges in Somalia ist nicht abzusehen. Und so haben sich neben diversen Geschäften und Internetcafés allerorts auch Geldwechsler und Hawala-Händler angesiedelt: Sie bieten kostengünstigen Geldtransfer noch in den letzten Winkel der Welt.

          Herr Ali akzeptiert nur Bargeld

          In der Frankfurter Filiale der Finanztransaktionsfirma Kaah-Express ist das Vertrauen greifbar. Der freundliche Herr Ali akzeptiert nur Bargeld und verlangt zusätzlich den Personalausweis des Versenders. Dann kontrolliert er die Identität des Empfängers, indem er ihn anruft, und tätigt hernach das Geschäft: Dazu ruft Ali seinen Kontaktmann in Hagadhera an. Ali nennt Namen und Telefonnummer des zu erwartenden Abholers. Mohamed Ahmed Jamal schließlich muss offiziell bloß seinen eigenen oder den Pass irgendeiner Person vorzeigen, die am Schalter beglaubigt, dass die Person hinter ihm Mohamed Ahmed Jamal ist. Offiziell kann er das nicht belegen.

          Denn Jamals alter somalischer Pass wird im Ausland kaum anerkannt. Und den von der somalischen Übergangsregierung 2007 ausgestellten "neuen" Ausweis besitzt er nicht. In diesem Fall ist nicht einmal das nötig: Gemischtwarenhändlerin Kiin kennt Jamal und gibt ihm das Geld auch so. "Wir Somalis vertrauen uns in dieser Hinsicht", sagt Jamal hinterher. Was sollten sie auch anderes tun.

          Hawala ist ein traditionelles Überweisungssystem in der muslimischen Welt, das ohne Bankwesen und weitgehend ohne Formulare auskommt. Unter anderem Namen wird es auch in Ländern wie China, Mexiko oder Indien zum Teil seit Jahrhunderten genutzt - meist überall dort, wo Menschen nicht sesshaft leben oder es kein lückenlos funktionierendes Bankenwesen gibt. Und selbst wenn: Oft vertraue man dem bekannten Hawala-Anbieter um die Ecke mehr als der nächsten Bank, sagt der Ökonom Friedrich Schneider von der Universität Linz; gerade wenn diese im Besitz kleptokratischer Regierungen sind. Somalia hat keine Staatsbank.

          Kein Konto nötig

          Die Vorteile von Hawala liegen auf der Hand: Man benötigt kein Konto, kaum Schriftverkehr und keine Geduld. Mit der Transaktionsfirma Kaah-Express dauert eine Überweisung selten länger als einen Tag, nach Äthiopien oft gar bloß Minuten. Und Gastarbeiter wie gerade jene aus Somalia verfügen oft weder über viel Vermögen noch über ein Bankkonto, so dass Hawala vor allem für Illegale meist die einzige vertrauenswürdige Alternative bleibt.

          Hawala beruht vor allem auf Vertrauen, vielleicht mehr noch als im normalen Bankgeschäft. Garantie sind das gegebene Wort und die meist langjährige gute Zusammenarbeit. "Wer hier einmal betrügt, ist raus, und zwar unwiderruflich", sagt Ökonom Schneider. "In der westlichen Welt haben wir Freundschaft und Vertrauen rasch abgelegt", bedauert er, "in anderen Weltgegenden ist das ganz anders."

          Insgesamt gibt es in Deutschland nach Angaben der Finanzaufsichtsbehörde Bafin 41 legale Hawala-Unternehmen. Noch ist das Geschäft bei Kaah-Express allerdings eher klein. In Deutschland bewege man etwa 100 000 Euro je Monat, sagt der Deutschland-Geschäftsführer Ahmed Farah Hassan. Pro Transaktion würden durchschnittlich 100 Euro verschickt. Daran verdient Kaah-Express jeweils sechs Euro.

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