24.05.2007 · Amerikas ehemaliger Notenbankchef warnt vor einem Kurseinbruch in China und einem Ende des Weltwirtschaftsbooms. Die Reaktion folgt prompt: Die Wall Street rutscht ins Minus. Doch es bleibt das bekannte Problem: Wann erfüllt sich Greenspans Prophezeiung?
Von Bernd MikoschWenn Alan Greenspan spricht, lauscht die Börse. Als Greenspan noch Notenbankchef in den Vereinigten Staaten war, konnte der Markt oft nur rätseln, was der alte Herr wohl meinte. Seine Worte hatten Gewicht, doch die Einordnung fiel nicht allen leicht. Wie sagte er 1987 selbst über sich: „Seit ich Notenbanker geworden bin, habe ich gelernt, in großer Zusammenhanglosigkeit zu murmeln. Wenn ich Ihnen über Gebühr klar erscheine, müssen Sie falsch verstanden haben, was ich gesagt habe.“
Heute ist das anders: Eigentlich hat er nichts mehr zu sagen, Notenbankchef ist er schließlich seit Januar vergangenen Jahres nicht mehr. Doch die Börsianer legen seine Worte weiterhin auf die Goldwaage. Greenspan macht es seinen Jüngern heute einfacher, denn er äußert sich erfrischend unmissverständlich.
Chinas Börse vor „dramatischem Einbruch“
Am Mittwochabend zum Beispiel warnte der 81jährige mit deutlichen Worten vor einer heftigen Kurskorrektur an der chinesischen Börse, die seit Wochen von Hoch zu Hoch eilt: Die jüngsten Kursanstiege seien „ganz klar nicht nachhaltig“, sagte er auf einer Konferenz in Madrid. Eines Tages werde es einen „dramatischen Einbruch“ geben.
Die Reaktion kam prompt: Der Dow-Jones-Index, befeuert von Übernahmephantasien und positiv interpretierten Unternehmenszahlen auf einem Rekordhoch, drehte ins Minus und verlor bis Handelsschluss 0,1 Prozent. Der Dax startete nach den „schlechten Vorgaben“, wie es im Finanzsprech heißt, mit einem Minus von 0,4 Prozent in den Handel.
Sorgen, aber keine Panikverkäufe
Die meisten Börsen in Fernost gaben ebenfalls nach. „Gerade wegen des Ausdrucks 'dramatisch' werden die Investoren die Entwicklung nun genau beobachten“, sagte Hiroaki Kuramochi von Bear Stearns. Panische Verkäufe werde es aber wohl nicht geben.
In Schanghai gaben die A-Aktien, die Chinesen kaufen dürfen, nur leicht nach. Der B-Share-Index mit Titeln, die Ausländer erwerben dürfen, schloss dagegen knapp acht Prozent im Minus. Analysten sagten, die Sorgen des Auslands über den chinesischen Markt erreichten nur langsam das Shanghaier Parkett.
Befeuerte Greenspan schon die jüngste Korrektur?
Die Reaktion auf Greenspans Worte weckt Erinnerungen: Ende Februar hatte Greenspan gesagt, dass in diesem Jahr eine Rezession in den Vereinigten Staaten möglich sei. Diese Worte, meinen zumindest einige Händler, hätten zur jüngsten Korrektur an den Aktienmärkten beigetragen.
Diese Korrektur nahm ihren Anfang ausgerechnet in China. Inzwischen ist sie längst ausgestanden, wie die immer höheren Kurse an der Börse in Schanghai beweisen: Seit Jahresanfang liegt das Plus bei etwa 55 Prozent. Doch wer weiß, vielleicht folgt jetzt der zweite Ausverkauf des Jahres.
Greenspan: Wachstum wird nicht anhalten
Greenspan sagte am Mittwoch weitere Dinge, die sich Börsenstrategen merken sollten: Die Weltwirtschaft wachse derzeit so schnell wie noch nie zuvor, was auf die billigen Exporte aus China, die Arbeitskräfte in Osteuropa und die niedrige Inflation zusammen mit den niedrigen Zinsen zurückzuführen sei. Dieses Wachstum werde jedoch nicht anhalten, warnte Greenspan, weil es sich um eine einmalige Anpassung handle.
Der Guru hat nämlich mit gutem Grund etwas dagegen, wenn manche Börsianer mit Blick auf China eine „neue Ära“ ausrufen wollen. Immer, wenn es heißt, „diesmal ist alles anders“, ist an den Finanzmärkten höchste Vorsicht angebracht. Das war noch jedesmal so: bei der „New Era“ der zwanziger, der Aufbruchstimmung der sechziger und der „New Economy“ der neunziger Jahre.
Die Korrektur kommt. Nur wann?
Greenspan hat Recht. Chinas Börse ist völlig überhitzt, eine Korrektur ist überfällig. Und die Weltwirtschaft kann nicht auf Dauer in diesem Tempo weiter wachsen, auch wenn viele sich genau das wünschen. Doch das Problem mit Greenspans Analyse: Es ist völlig offen, wann die Korrektur kommt. Die Kurse können durchaus noch Monate oder gar Jahre nach oben laufen.
Im Dezember 1996 hatte Greenspan das Wort vom „irrationalen Überschwang“ geprägt. Er sah Vermögenswerte als völlig überteuert an. Viele interpretieren Greenspans Warnung heute als Vorahnung der New-Economy-Blase Ende der neunziger Jahre.
Die Blase platze aber erst gut drei Jahre später. Am Tag von Greenspans Rede stand der S&P-500-Index Bloomberg zufolge bei 744,38 Punkten. Sein Rekordhoch erreichte das Börsenbarometer im März 2000 bei 1527,46 Zählern. Wer nach Greenspans Überschwang-Warnung seine Aktien verkaufte, verpasste also einen weiteren Kursanstieg um mehr als 100 Prozent. An den Finanzmärkten bringt es eben wenig, Recht zu haben.
Die Kassandra...
Hayri Ergun (DrErgun)
- 24.05.2007, 12:49 Uhr
Die Korrektur kommt. Nur wann?!
Sophia Orti (rum)
- 24.05.2007, 13:18 Uhr
In Kerneuropa investieren
Fionn Huber (fionn)
- 24.05.2007, 13:40 Uhr
Wann ist es soweit?
Jürgen Detering (JD1951)
- 24.05.2007, 14:03 Uhr
Greenspan spricht wieder
Karl-Heinrich Dietermann (Dietermann)
- 24.05.2007, 14:07 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |