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Globale Bilanzstandards Das intransparente Gerangel um Transparenz

14.11.2008 ·  Auch den Bilanzvorschriften für die Unternehmen wird eine Schuld an der Weltfinanzkrise zugewiesen. Doch unter dem immer stärker werdenden Druck aus Europa, einige Verfahren über Bord zu werfen, werden Befürchtungen laut, dass Anlegern damit nicht gedient ist.

Von David Bogoslaw
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Der Streit über Fair Value Accounting in der amerikanischen Rechnungslegung, die nach Auffassung einiger Kritiker dafür verantwortlich ist, dass die globale Finanzkrise solche Ausmaße angenommen hat, droht den seit langem weltweit herbeigesehnten Vorstoß in Richtung einheitlicher internationaler Finanzberichterstattungs-Standards (IFRS) zu bremsen.

Seit 2002 arbeitet das U.S. Financial Accounting Standards Board (FASB) zusammen mit dem Londoner Accounting Standards Board (IASB) an der unter Bilanzexperten so genannten Konvergenz der Standards. Es wird davon ausgegangen, dass die amerikanische Börsenaufsichtbehörde SEC (Securities & Exchange Commission) ihre Roadmap für die Umstellung in diesem Monat vorlegt. Darin vorgesehen ist vermutlich die zeitnahe Verabschiedung der neuen Standards bis 2010 für die circa 110 größten US-Unternehmen mit Geschäftsbetrieben auf der ganzen Welt.

Ein Thema für das G20-Treffen

Die Finanzminister der 20 reichsten Nationen der Welt wollen dieses Wochenende in Washington zusammentreffen, um die Chancen einer Reform des globalen Finanzsystems auszuloten. Die Zeit scheint also reif für einen Schritt in Richtung einer grenzüberschreitenden Harmonisierung der Bilanzierungsstandards, die Anlegern den Vergleich von Unternehmen, die in verschiedenen geografischen Gebieten tätig sind, erleichtert. Die größten Stolpersteine bestehen Kritikern zufolge unter anderem in der mangelnden unabhängigen Finanzierung des IASB und dessen Tendenz, politischem Druck nachzugeben.

Im Oktober beugte sich das IASB dem Druck europäischer Regulierungsbehörden und lockerte seine Haltung bezüglich des Fair Value Accounting, indem es Unternehmen erlaubte, nicht-derivative Finanzanlagen aus Klassifizierungen, die zum Verkehrswert ausgewiesen werden, in Kategorien umzubuchen, die den Restbuchwert zur Bewertung von Vermögensgegenständen heranziehen. Das IASB rechtfertigte sein Vorgehen damit, dass mit dieser Änderung die gleichen Voraussetzungen geschaffen würden wie mit einem bestehenden FASB-Standard, dem SFAS 115, der Unternehmen „in seltenen Fällen“ eine solche Umbuchung gestatte und argumentierte, dass die derzeitige Finanzkrise aufgrund des illiquiden Markts für Finanzprodukte im Wesentlichen einen solchen seltenen Fall begründe.

Zu viel Einmischung

Der Vorsitzende des IASB Sir David Tweedie erklärte vor einer Gruppe britischer Parlamentsmitglieder, dass er darüber nachdenke, seine Stellung zu kündigen, da er mit der Europäischen Kommission bezüglich der Verwendung der Fair Value Accounting Methods übereinstimme, und warnte davor, dass jede weitere Einmischung in die Bilanzierungsregeln in Anlehnung an eine Reportage der Financial Times vom 12. November die Bemühungen zur Einführung einheitlicher Standards zunichte machen könnte. Das IASB hatte Berichten zufolge der Änderung nur zugestimmt, um eine noch misslichere Alternative - die von der Kommission angedrohte Ausgrenzung von Abschnitten des IFRS im Zusammenhang mit dem Fair Value Accounting-Verfahren - zu verhindern.

Das CFA Centre for Financial Market Integrity lehnt die Änderung des IASB mit der Begründung ab, sie stelle einen Rückschritt dar, da sie die Qualität der Finanzberichterstattung nicht verbessere. Das CFA Institute würde eine breitere Anwendung der Verkehrswert-Methode für Kategorien, wie beispielsweise Kredite und Forderungen, für die dies derzeit nicht vorgeschrieben ist, begrüßen, so Patrick Finnegan, Leiter der Financial Reporting Policy Group des Zentrums.

Kritik an den neuen Regeln

„Wenn Sie denken, dass wir derzeit ein Problem mit der Transparenz von Bilanzen haben, warten Sie ab, welche Probleme uns erst [mit UFRS] ins Haus stehen“, so die Warnung von Kenneth Scott, dem Forschungsbeauftragten am Hoover Institut und Professor an der juristischen Fakultät der Stanford University. Die Umbewertung von Finanzanlagen „bringt nichts für den Vermögenswert. Damit werden nur die Bücher in Ordnung gebracht.“

Es mutet schon skurril an, dass etwas, dass aufgrund seines Nutzens für den Anleger gefördert wird, in Frage gestellt werden soll, weil es potenziell die Qualität der Rechnungslegungsstandards verschlechtert und die Anleger damit daran hindert, den wahren Unternehmenswert zu analysieren.

Der größte Unterschied zwischen den US-GAAP-Standards (Generally Accepted Accounting Principles) und den IRFS-Standards besteht darin, dass die GAAP auf expliziten Regeln beruhen, während die den internationalen Standards zugrunde liegenden Prinzipien den Unternehmen mehr Spielraum für eigene Entscheidungen bei der Buchung von Einkünften und sonstigen Schlüssel-Kennzahlen einräumt.

Darüber hinaus wäre die Einführung der IFRS-Standards vermutlich mit erheblichen Steuererhöhungen für US-Unternehmen verbunden, da diese nun nicht mehr die LIFO-Methode (Last in-First out) der Vorratsbewertung verwenden können, die in den internationalen Standards nicht vorgesehen ist. Die LIFO-Methode geht davon aus, dass die zuletzt eingekauften Waren zuerst wieder verkauft werden und die übrigen Posten zu einem früheren Zeitpunkt eingekauft wurden und damit in Zeiten der Inflation geringere Bruttogewinne erzielen werden als mit der FIFO-Methode (first-in-first-out).

Bitte verklagt mich nicht

Die Debatte über den Wechsel zu Bilanzierungsstandards, die nicht auf eindeutigen Regeln beruhen, führt uns zu der Frage, ob weniger eindeutige Standards einen hinreichenden Schutz vor Rechtsstreitigkeiten bieten, so der Leiter für technische Aktivitäten in der Forschung des FASB James Leisenring. „Die Debatte über unentgeltliche oder verbindliche Leitlinien [innerhalb des IFRS] wird erst vor dem Hintergrund des Prozessrechts in den USA verständlich“, wo die Unternehmen mehr Angst davor haben, verklagt zu werden, als in anderen Teilen der Welt, so Leisenring. „US-Unternehmen geht es in erster Linie um Sicherheit. [IRFS-Skeptiker] interessiert eigentlich nur 'Wenn ich etwas auf eine bestimmte Art und Weise mache, bin ich dann fein raus oder nicht?'“

Die eindeutigen Regeln der GAAP bieten scheinbar Sicherheit. Der Nachteil ist jedoch, dass aufgrund der Vielzahl von Regeln das Risiko höher ist, eine oder mehrere Regeln zu übersehen, so Leisenring. Aus seiner Sicht glauben die großen Wirtschaftsprüfungsunternehmen, die zu den IFRS tendieren, dass das Risiko verklagt zu werden geringer ist, weil es schwieriger ist, ihnen einen Fehler nachzuweisen. Auch White ist der Auffassung, dass manche Unternehmen die Freiheiten, die Standards zu ihrem Vorteil auszulegen, bei der Anwendung der IRFS zu schätzen wissen, wodurch allerdings auch die Prüfer immer weniger Handhabe haben, bestimmte Bilanzierungsentscheidungen zu verbieten.

Amerikanische Behörden wollen Kapital anlocken

Die schärfsten Kritiker eines Wechsels zu den IFRS führen ins Feld, dass die amerikanische Börsenaufsicht SEC und das US-Finanzministerium in erster Linie daran interessiert sind, Kapital in die amerikanischen Märkte zu ziehen und nicht so sehr, die Qualität der Bilanzierungsstandards zu gewährleisten. Mehr Kapital in die Vereinigten Staaten zu bringen „ist ein legitimes ökonomisches Ziel, es ist jedoch nicht klar, ob wir dies erreichen, indem wir internationale Finanzberichtsstandards einführen“, so der Präsident von A.C. Sondhi Associates in Maplewood, N.J. Ashwinpaul Sondhi, der Mitglied einiger CFA-Ausschüsse war.

Paul Miller, Professor für Wirtschaftprüfung an der Universität Colorado, sähe lieber einen Wettbewerb mehrerer Standards, da sich alle Länder bezüglich der Qualität der Standards wohl lediglich auf einen sehr kleinen gemeinsamen Nenner würden einigen können. Seiner Meinung nach würden einheitliche Standards nicht sehr viel bewirken. Vielmehr würden hierdurch Innovationen im Keim erstickt, die in Anbetracht der Tatsache, dass die meisten der heutigen Bilanzierungsstandards bereits über 60 Jahre alt sind, dringend erforderlich wären.

Informationsverlust

So mancher Anlageberater, darunter auch Sondhi, ist davon überzeugt, dass den Anlegern mit dem nicht erfolgten Abgleich der US-GAAP mit den für Finanzberichte anderer Länder verwendeten nicht-US-GAAP im vergangenen Jahr durch die SEC bereits wertvolle Informationen entgangen sind. „Durch den Abgleich habe ich wertvolle Informationen und Aufschlüsse über die Fähigkeit [ausländischer Unternehmen] zur Generierung von Cashflow erhalten, die ich aus den Jahresabschlüssen allein nicht gewinnen konnte,“ so Sondhi.

Die Tatsache, dass zahlreiche Analysten in den USA aber auch im Ausland in der Vergangenheit stets mit dem Abgleich der Standards gearbeitet haben, gibt Anlass zu der Vermutung, dass sie die Unterschiede zwischen GAAP und ausländischen Standards für äußerst nützlich erachteten, so Sondhi. Er geht mit der Einschätzung konform, dass konkurrierende Standards zu mehr Informationsfluss führen können. „Mir ist nicht bekannt, dass einer der Beteiligten ein solch hohes Niveau in der Standardsetzung erreicht hätte, das ich sagen würde, mehr brauchen wir nicht“.

Zahlreiche Anlageexperten favorisieren jedoch den Wechsel zu einem einheitlichen Standardwerk, sofern dies höchsten Qualitätsanforderungen genügt. Finnegan vom CFA Institute stellt in Frage, ob IASB und FASB tatsächlich unabhängig handeln können unter dem Druck, dem sie infolge der Finanzkrise seit einigen Monaten von Seiten den Regulierungsbehörden ausgesetzt sind. „Wenn Sie einem solchen Druck und einer solchen Einmischung ausgesetzt sind und die Möglichkeit haben, auf niedrigere Qualitätsstandards auszuweichen, die zu einer gegebenen Zeit bestimmte Interessen befriedigen, ist das nicht zuträglich“.

Aus den Vereinigten Staaten verlautet eine ähnlich heftige Kritik an der Verkehrswertmethode. Die US-Börsenaufsicht hat dem Druck standgehalten, den Standard auszusetzen, doch Abschnitt 132 des TARP (Troubled Asset Relief Program) gibt der Börsenaufsicht umfangreiche Vollmachten zur Aussetzung der Verwendung von SFAS 157 nach Emittentenklasse oder Transaktionskategorie.

Wer füttert die Wachhunde?

Kritiker behaupten, dass das IASB in seinem Handeln eigentlich nicht unabhängig sein kann, da es mit Unternehmensbeiträgen finanziert wird. Bis 2003 galt diese Regelung dreißig Jahre lang auch für die Finanzierung des FASB. Dies hat sich mit der Verabschiedung des Sarbanes-Oxley-Act geändert. Seither wird die Behörde über Pflichtabgaben des Public Company Accounting Oversight Board (PCAOB) finanziert, das vom Kongress eingesetzt wurde, um eine bessere regulierungsbehördliche Aufsicht der Wirtschaftsprüfungsbranche zu gewährleisten.

Miller von der Universität Colorado meint, eine solche Behörde zur Festlegung von Bilanzierungsstandards sollte man besser über die Börsen finanzieren, die Käufern und Verkäufern, die die Börsen für ihre Transaktionen nutzen und vermutlich auch die Jahresabschlüsse lesen, Gebühren berechnen. „Ich würde es lieber sehen, wenn eine internationale Behörde von den Nutzern von Finanzstandards finanziert wird, als von denjenigen, die sie erstellen“, so Miller.

Sorgen bereitet auch die Frage, ob die US-Börsenaufsicht noch ihren Regulierungs- und Aufsichtsaufgaben nachkommen kann, wenn amerikanische Unternehmen die IFRS-Standards übernehmen. Miller: „Das große Problem ist, dass durch die Verlagerung ins Ausland unsere Kontrolle beschnitten wird, und in Zeiten einer Krise, bei der auch die Wirtschaftsprüfung eine Rolle gespielt hat, halte ich es nicht für besonders klug, ein neues System einzuführen, das unsere Kontrolle der Bilanzierungsstandards einschränkt.“

David Bogoslaw ist Reporter beim Anlagekanal von Business Week.

Quelle: Business Week Online
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