http://www.faz.net/-gv6-7tfb9

Aktien oder Anleihen? : Geldanlage in Zeiten niedriger Inflation

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die Teuerungsrate im Euroraum ist auf 0,3 Prozent gefallen, viele Marktteilnehmer fürchten die Deflation. Das hat auch Folgen für die Anleger. Worauf sie jetzt achten sollten.

          Fallen die Zinsen, steigen die Aktienkurse. So lautet eine alte Daumenregel an der Börse. Doch derzeit verläuft das Geschehen auf den Finanzmärkten so abseits der alten Gewohnheiten, dass auch diese Regel zuletzt nicht mehr greift. Niedrige Zinsen, schwächelnde Aktienmärkte und im August eine Teuerungsrate von nur noch 0,3 Prozent im Euroraum – dieser Mix überfordert viele Anleger, private wie professionelle Investoren.

          Eine Rendite von weniger als ein Prozent wirft eine zehnjährige Bundesanleihe noch ab. Damit bewegt sich die Verzinsung dieses für die Anleihemärkte richtungsweisenden Schuldtitels auf historischen Tiefständen. Zu Jahresbeginn gab es für Bundesanleihen noch eine Rendite von gut 2 Prozent. Die niedrigen Zinsen bewegt die Anleger nicht dazu, stärker in Aktien zu investieren.

          Eine beeindruckende Hausse hat der deutsche Aktienmarkt gezeigt, seitdem sein Leitindex Dax bis Anfang März 2009 auf weniger als 4000 Punkte gefallen war. Mit Ausnahme eines Kurseinbruchs im Sommer 2011 kannte der Dax seither nur eine Richtung: kräftig nach oben. In diesem Sommer nahm der Index drei Mal die Marke von 10000 Punkten und erreichte Anfang Juli einen historischen Schlussrekord von 10029 Punkten. Und dennoch: Seit Jahresanfang tritt der deutsche Aktienmarkt eher auf der Stelle.

          Angesichts einer Inflation im Euroraum von nur noch 0,3 Prozent, aufs Jahr hochgerechnet, fürchten viele Marktteilnehmer die Deflation. Für Ökonomen ist dieser Begriff das große Schreckgespenst. Deflation beschreibt eine Art ökonomischer Eiszeit, eine Wirtschaft, wie sie der amerikanische Fantasyfilm „Die Chroniken von Narnia“ beschreibt, in der alle Aktivität unter einer nicht mehr enden wollenden Kälte mit Schnee und Eis erlischt.

          Mittel gegen eine überbordende Inflation sind unpopulär

          Ökonomen definieren Deflation als einen signifikanten und anhaltenden Rückgang – nicht einzelner Preise, sondern des allgemeinen Preisniveaus. Wenn die gesamtwirtschaftliche Nachfrage dauerhaft niedriger unter dem Angebot in einer Volkswirtschaft liegt, müssen Hersteller und Handel ihre Preise senken, um für ihre Waren und Dienstleistungen Abnehmer zu finden. Doch die Verbraucher kaufen nicht, wenn sie erwarten, dass die Güter morgen günstiger als heute sind.

          Die Mittel gegen eine überbordende Inflation sind unpopulär, doch in der Zwischenzeit gut bekannt: Lohnmäßigung, Senkung von Staatsausgaben und höhere Zinsen. Wie sich eine Deflation bekämpfen lässt, ist dagegen kaum erprobt. Eine Erhöhung der Staatsausgaben mit dem Ziel, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu steigern, mag in einer geschlossenen Wirtschaft funktionieren. In einer offenen, international eng vernetzten wie der deutschen sind die Streuverluste enorm.

          „That sinking feeling (again)“, lautet der aktuelle Titel des englischen Wirtschaftsmagazins „The Economist“, was so viel bedeutet wie: Schon wieder dieses Gefühl, zu sinken. In diesem Marktumfeld ist guter Rat teuer: Bundesanleihen bezahlen kaum noch die Kosten für Steuer und Depot. Auch Unternehmensanleihen solider Schuldner aus dem Euroraum werfen häufig weniger als 2 Prozent ab. Die Europäische Zentralbank wird angesichts der Gefahr einer Deflation ihre Geldpolitik weiter lockern, erwarten die Analysten.

          Sind Aktien die Alternative?

          Sind Aktien die Alternative? Oder läuft die Hausse nicht aus? „So scharf die Börsenkorrektur auch ist, es dürfte sich dabei eher um ein vorübergehendes Gewitter als den Anfang einer Baisse handeln“, geben die Analysten der DZ Bank Entwarnung. „Es droht aus unserer Sicht kein neuer Crash wie 2000 oder 2008.“ Im zweiten Quartal hätten die Konjunkturdaten im Euroraum enttäuscht. Doch außerhalb des Euroraums besserten sich die Wirtschaftsaussichten, besonders in den Vereinigten Staaten, China und Indien.

          Bisher haben die Anleger Aktien gemieden und Anleihen bevorzugt. Doch sie werden ins Risiko gehen müssen, wenn sie noch etwas Geld für ihr Geld bekommen wollen. Anleiheinvestoren investierten früher gern in Anleihen mit längerer Laufzeit, wenn sie ein höheres Risiko eingehen wollten. Das bringt heute kaum etwas. Somit müssen Anleger entweder riskantere Anlagen wählen: Aktien, Beteiligungen, Gold oder Immobilien. Oder, wenn sie in Anleihen bleiben wollen, sie wählen sie Emittenten mit schlechterer Bonität oder Titel in Fremdwährungen.

          Quelle: hlr./F.A.Z.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Toronto vom Wasser aus betrachtet - auf der Seite will Google die „smart City“ bauen.

          „Smart City“ : Hier baut Google die intelligente Stadt

          Viele Roboter, wenige Autos und Müll und Pakete werden unterirdisch transportiert: Der Technologiekonzern Alphabet hat sich eine Metropole für sein nächstes großes Projekt ausgesucht. Darum geht es.
          Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy kann im Katalonien-Konflikt auf die Unterstützung aus der Opposition hoffen.

          Konflikt in Spanien : Selten harmonisch

          Von der Minderheitsregierung zur gefühlten großen Koalition: Die Katalonien-Krise eint die Parteien in Madrid. Sie wollen die Wahl eines neuen Regionalparlaments in Katalonien.
          Eine Fliege auf einem Grashalm bei Burgdorf in der Region Hannover.

          Kommentar zum Insektensterben : Sommer ohne Surren

          Das große Insektensterben zeigt: Die Industrialisierung der Landwirtschaft muss intelligenter weitergehen, als sie begonnen hat. Und vor allem auch nicht naiv.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.