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Geldanlage Die Angst vor Freiheit und Verantwortung

22.10.2008 ·  Wie kommt es, dass Anleger den Banken misstrauen, aber ihrem Bankberater nicht? Der Grund: Anleger haben kaum eine andere Möglichkeit als zu vertrauen. Und dennoch geht es darum, die Verantwortung für seine Geldentscheidung zu übernehmen. Damit tun sich viele schwer.

Von Christian von Hiller
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In seiner Not wendet sich der Anleger und Bürger also an den Staat. Und die Politiker trumpfen auf angesichts des Bedeutungsgewinns und des gewachsenen Aktionsradius in der Finanzkrise. Jahrelang standen sie in der Defensive und begegneten hilflos den Forderungen aus der Bankbranche nach noch weiter gehender Liberalisierung des Finanzgeschäfts. Immer stand bei einer Weigerung der Politiker die Drohung im Raum, mit Teilen des Geschäfts oder gar mit dem Gesellschaftssitz nach London abzuwandern, oder nach Dublin, Luxemburg, Singapur oder sonst wohin.

In seiner Angst wendet sich der Anleger in einer Art feudalem Reflex an den Staat. Dieser soll nun wie früher im Mittelalter der Feudalherr den Bürger schützen. „Der Mensch hat Angst vor der Freiheit“, lautet eine Grundthese des Existenzialismus. Und einer seiner führenden Vertreter, Albert Camus, hatte das 20. Jahrhundert gar als das Jahrhundert der Angst bezeichnet. Dabei umschreibt das deutsche Wort „Angst“ nur sehr unvollkommen dieses Konzept, denn die französischen Existenzialisten unterscheiden zwischen der „peur“, die von außen kommt, und der „angoisse“, die von innen kommt.

Angst vor seinen Entscheidungen

Die Angst vor der Freiheit bedeutet auch, Angst zu haben vor seinen Entscheidungen. Denn wofür ich mich frei entscheide, übernehme ich zwangsläufig die Verantwortung. Genau dies lehnen nun jedoch viele Anleger ab und weisen die Schuld einer falschen Entscheidung ab. „Ich habe meinem Bankberater vertraut“, lautet nun ein häufiger Kommentar von geschädigten Anlegern, die beispielsweise Zertifikate der mittlerweile insolventen Investmentbank Lehman Brothers gekauft haben.

Oder die geprellten Anleger verweisen darauf, dass ihnen diese Geldanlagen als völlig risikolos präsentiert wurden. In der Tat lesen sich manche Produktpräsentationen der Banken als geradezu skandalös verharmlosend. Diese Fälle werden nun völlig zu Recht vor Gericht geklärt, und es kann nur gehofft werden, dass die Urteile die Banken zu einer verantwortungsvollen Werbung bewegen. Doch eine staatliche Agentur zur Bewertung von Finanzproduktien, wie sie nun die Verbraucherschützern fordern, ist überflüssig, weil dies nur wieder der Versuch, Verantwortung abzuschieben. Das geht in Finanzdingen nicht.

Finanzprodukte sind besonders schwer zu beurteilen

Einer jüngsten Umfrage zufolge vertraut weniger als ein Viertel der Kunden ihrer Bank. Weshalb vertrauen sie jedoch ausgerechnet ihrem Kundenberater? In privaten Gesprächsrunden wird es immer wieder zum Thema gemacht, dass auch die Banker nur ihre Gewinne maximieren wollten. Es ist also Gemeingut geworden, dass der Kundenberater in der Bank nicht zwingend und nicht allein das Kundenwohl im Auge hat. Selbstverständlich fühlt es sich auch dann wohler für den Bankangestellten an, wenn er abends seiner Familie zu Hause berichten kann, dass er seinen Vertriebszielen ein Stück näher gekommen ist.

Es liegt zum Teil an den Finanzprodukten selbst, dass Anleger ihre Qualität so schlecht abschätzen können. Was meine Lebensversicherung wirklich taugt, weiß ich erst dann genau, wenn sie abgelaufen ist und zur Auszahlung kommt, somit häufig erst nach 30 Jahren. Das ist auch der große Unterschied zu vielen anderen Konsumprodukten.

Keine Rendite ohne Risiko

Doch selbst vor so grundlegenden Zusammenhängen wie dem, dass eine hohe Rendite ohne ein erhöhtes Risiko nicht möglich ist, verschließen viele Anleger die Augen. Es ist in der Tat in vielen Fällen eine Frage fehlender Wirtschaftsbildung, wie es häufig heißt. Ein weiterer Grund ist, dass viele Anleger überhaupt nicht ihre Risikoneigung kennen und in Wahrheit auch gar kein Risiko eingehen wollen. Sie wollen ja die Sicherheit, die ihnen der Besitz von Geld suggeriert.

„Vertrauen ist die Grundlage von allem“, sagte Frère Roger, der Gründer der Religionsgemeinschaft von Taizé im Burgund. Und wie der französische Verfassungsrechtler Jacques Le Goff ausführte, beruht die Gesellschaft darauf, dass ein Autofahrer beispielsweise darauf vertrauen kann, dass die anderen Autofahrer an der Kreuzung die rote Ampel beachten.

In der Psychologie wird zwischen dem zwischenpersönlichen Vertrauen, dem Vertrauen in Institutionen und dem Vertrauen zwischen Organisationen unterschieden. Vertrauen zum Klempner, der einen Rohrbruch beheben soll, ist deshalb etwas völlig anderes als das Vertrauen in die Kundenberatung der Bank. Und durch diese Unterscheidung wird auch deutlich, wie Anleger Banken zwar nicht trauen können, aber den Argumenten ihrer Vermögensberater folgen.

Die Gesellschaft beruht auf Vertrauen

Viele Anleger vertrauen ihrem Bankberater oder dem Tipp aus dem Börsendienst, weil sie im Grunde keine Alternative haben. Unsere gesamte Gesellschaft beruht auf Vertrauen. Auf Vertrauen zu verzichten, würde den Einzelnen in die völlige Isolation führen.

Dann ist es jedoch nur noch ein kleiner Schritt dem Berater implizit zu sagen: „Ich vertraue dir und bitte dich, mich nicht übers Ohr zu hauen oder mir zu schaden.“ Weil die Anleger letztlich darauf angewiesen sind zu vertrauen, ist die Versuchung dann groß, auch keine Verantwortung für die Geldanlage zu übernehmen. Denn wie soll selbst ein wohlwollender Bankberater die Risikoneigung eines Anlegers erkunden, wenn der Kunde sie selbst nicht kennt?

Wie fühlt sich eine Geldanlage an?

„Ich bin verdammt dazu, frei zu sein“, schrieb Jean-Paul Sartre in seinem Hauptwerk „L'Etre et le Néant“. Deshalb führt auch der Ruf nach dem Staat nicht aus dieser allgemeinen Vertrauenskrise. Vielmehr ist jeder Anleger aufgerufen, die Verantwortung für seine Entscheidungen zu übernehmen und sich einzugestehen, dass er eine Anlageentscheidung zwangsläufig mit ungenügenden Informationen und damit in Unsicherheit treffen muss. Deshalb mag es jetzt verführerisch sein, sich in den Schutz des Staates zu begeben, der für Sicherheit und Vertrauen sorgen soll. Doch der Schutz, den der Staat in Finanzdingen bieten, ist trügerisch. Und er entbindet nicht den einzelnen Geldanleger davon, Verantwortung für seine Entscheidungen zu übernehmen.

Eine Anlageentscheidung sollte sich jedoch nicht auf die rationalen Aspekte beschränken. Der Kauf eines Dollar-Yen-Zertifikats ist keine kluge Entscheidung, wenn der Anleger nicht die Faktoren beurteilen kann, die diese Währungsrelation beeinflussen. Da kann das Zertifikat noch so gewinnträchtig sein.

Anleger haben deshalb keine Alternative als zu versuchen, die Risiken, die sie eingehen, zu verstehen und sich damit auseinandersetzen, wie es sich für sie anfühlt, dieses oder jene Produkt besitzen. Verantwortung lässt sich eben nicht delegieren - schon gar nicht auf den Staat.

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