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Geld und Film : So sieht das Kino die Finanzmärkte

Verliebt in Geld und Frauen: Leonardo Di Caprio als Penny-Stock-Betrüger Jordan Belford. Bild: AP

Seit ihrem Ausbruch beschäftigt sich auch Hollywood mit der Finanzkrise. Das Kino zeigt sich fasziniert von gläsernen Türmen, schillernden Managermillionären und käuflicher Liebe. Was lernt der Zuschauer?

          Seine eindrucksvollste Szene lässt das Finanzkrisenkino hoch oben über den Dächern von New York spielen: Will Emerson ist Risikomanager einer namenlosen Bank. Einer seiner Mitarbeiter hat gerade entdeckt, dass das Institut kurz vor der Pleite steht. Denn in den Büchern hat es massenhaft hypothekenbesicherte Kreditverbriefungen stehen und ihr Ausfallrisiko bislang unterschätzt. Gemeinsam mit dem Jungspund und einem noch unerfahreneren Kollegen wartet Emerson auf die Ankunft des Vorstandschefs, der auf diese niederschmetternde Erkenntnis eine Antwort finden muss. Sie besteigen das Dach ihrer Bank, der Blick schweift über die Skyline. Emerson tritt über die Balustrade. „Sie kennen doch die Angst, am Abgrund zu stehen?“, ruft er seinen Mitarbeitern in einem Anfall von Größenwahn zu. „Es ist nicht die Angst herunterzufallen, sondern zu springen.“

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Symbolisch fasst Regisseur J. C. Chandler in seinem Debütwerk „Margin Call“ (auf Deutsch: „Der große Crash“) sein Leitthema in ein Bild: Ein Manager steht am Abgrund. Gemeint ist die Bank und mit ihr das gesamte Finanzsystem. Es ist der Vorabend einer unüberschaubaren Kettenreaktion, die Emerson und sein Chef auslösen werden. Denn wenn sie die toxischen Papiere auf einen Schlag verkaufen, brechen morgen die Kapitalmärkte zusammen. Weil sie nicht in den drohenden Strudel gerissen werden wollen, müssen sie selbst handeln - sie sind gezwungen zu springen.

          Seit Ausbruch der Finanzkrise hat auch das Kino die Kapitalmärkte entdeckt. Zuvor waren Filme über Investmentbanker ab und an wiederkehrende Exoten, die sich ein unbekanntes Milieu vornahmen und damit überraschende Einblicke in eine Parallelwelt aus Geld, Macht, käuflichem Sex und bedingungslosem Einsatz boten. „Wall Street“ von Oliver Stone hat Generationen späterer Banker geprägt, Brian de Palmas „Fegefeuer der Eitelkeiten“ führte den Begriff „Master of the Universe“ ein, mit dem sich Investmentbanker auch in der Realität selbst beschreiben. Und auch an der fiktionalen Aufarbeitung echter Stoffe hatte das Kino in Einzelfällen Interesse: In „Rogue Trader“ thematisierte James Dearden 1999 die Geschichte des berüchtigten Spekulanten Nick Leeson.

          Einer der ersten Finanzmarktfilme: Gordon Gekko in „Wall Street“ schrieb Film- und Finanzgeschichte.

          Doch seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 beschleunigen sich die Filmstarts mit Krisenfilmen. Investmentbanker und Aktienhändler sind zu einem Erkenntnisobjekt der Filmemacher geworden. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, diese Prototypen des Verfalls mit Leben zu füllen. Eine kulturelle Aufarbeitung der Finanzkrise. Um weltgeschichtliche Ereignisse macht das Kino selten einen Bogen. Welches Bild es von den Finanzmärkten zeichnet, ist auch für Banker bedeutend, weil seine Wirkung nicht zu unterschätzen ist. Das hat die breite Rezeption von „Wall Street“ unter Investmentbankern gezeigt. Sieben Finanzkrisenfilme haben ihre Sicht präsentiert: Neben „Margin Call“ sind das „Le Capital“, „Wall Street II - Geld schläft nicht“, „Cosmopolis“, „Unter dir die Stadt“, der deutsche Dokumentarfilm „Master of the Universe“ und zuletzt „The Wolf of Wall Street“ mit Leonardo DiCaprio.

          Nur wenige Regisseure interessieren sich in vergleichbarer Tiefe für die Geschäftsmodelle der Banker wie Chandor in „Margin Call“. Minutiös zeichnet er die Nacht der Erkenntnis nach und lässt seine Protagonisten einen Konflikt zwischen Verantwortung für das Finanzsystem und eigenem Überleben austragen. Die Fallhöhe ihres Tuns wird von den hohen Glastürmen symbolisiert. Die Figuren sind klischeefrei gezeichnet. So sagt Bankchef John Tuld (verkörpert von Jeremy Irons): „Wer in diesem Geschäft überleben will, muss der Erste sein, schlauer sein oder andere betrügen. Betrügen ist für mich ausgeschlossen.“ Tuld ist zu einem Opfer eines immer komplexeren Systems geworden, in dem der Einzelne den Überblick verloren hat.

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