27.07.2005 · Wenn am Ende einer Rally alle Aktien kaufen wollen, sind sie in der Regel teuer geworden. Und wenn sie nach einem Kurssturz günstig sind, will sie niemand haben. Aus diesem Grund empfiehlt John Dorfman ein strukturiertes Portfolio.
Von John Dorfman, Bloomberg News/Dorfman InvestmentsOft werde ich von potentiellen Kunden gefragt, wann sie mit einem Engagement am Aktienmarkt wohl am besten beginnen sollten, während sich meine bestehende Klientel über den besten Zeitpunkt für Zukäufe Gedanken macht. In beiden Fällen gebe ich für gewöhnlich eine sehr lange Antwort, die sich eigentlich in vier Wörtern zusammenfassen ließe: Ich weiß es nicht.
In meinen Augen ist es immer sinnvoll, etwas Geld in Aktien investiert zu haben. Zwar lassen sich die von einem zum anderen Jahr wiederkehrenden Höhen und Tiefen nicht wirklich vorhersehen; doch kann man sich einigermaßen sicher sein, daß es langfristig auf jeden Fall aufwärts geht. In den vergangenen 20 Jahren betrug die jährliche Rendite auf Aktien gemessen am Standard & Poor's 500 Index 13,06 Prozent. Mit Blick auf die vergangenen 50 Jahre waren es im Schnitt 10,76 Prozent, und über den Zeitraum von 76 Jahren hinweg betrachtet, also seit Auflegung des S&P 500, dürften es wohl 9,27 Prozent gewesen sein. Bei den angegebenen Performancezahlen handelt es sich jeweils um die Gesamtrendite, inklusive Dividenden. Auf Basis dieser Zahlen scheint es berechtigt, im Falle eines langfristigen Engagements eine jährliche Aktienperformance von etwa zehn Prozent zu unterstellen.
Kurszfristig gibt es enorme Schwankungen
Wie wird sich der Aktienmarkt in den kommenden zwölf Monaten entwickeln? Das ist nun eine völlig andere Frage. Außerdem ist es in diesem Fall bedeutend schwieriger, anhand von Daten eine intelligente Antwort zu geben. Die beste Gesamtrendite, die in den vergangenen 15 Jahren erzielt wurde, war ein Zugewinn von 37,1 Prozent im Jahr 1995. Die schlechteste war ein Verlust von 21,4 Prozent im Jahr 2002. Die einjährigen Ergebnisse weisen enorme Schwankungen auf, so daß es eigentlich nicht möglich ist, diesbezüglich eine konsistente Vorhersage zu treffen. Ich habe immer eine Vermutung, was die zukünftige Entwicklung des Marktes anbetrifft - mehr als eine bloße Vermutung ist es aber nicht und kann es auch nicht sein. Vor kurzem erzählte mir ein potentieller Anleger, daß er momentan nur ungern in Dividendenpapiere investieren würde, da der Aktienmarkt 2003 und 2004 bereits mit 28 bzw. zehn Prozent rentierte. Nach zwei guten Jahren, so dachte er, würde der Markt jetzt doch sicherlich eine Verschnaufpause einlegen. Eine ziemlich intelligente Aussage, doch leider wird sie von den Daten nicht vollständig unterstützt. Betrachten wir in diesem Zusammenhang die Fälle, in denen der S&P 500 zwei Jahre in Folge einen Zuwachs von zehn Prozent oder mehr verzeichnete. Seit 1906 kam dies genau 26-mal vor. Die jeweilige Aktienperformance habe ich ab 1928 anhand des S&5 500 und vor 1928 anhand des Dow Jones Industrial Average zurückverfolgt.
Wie verhielt es sich jeweils mit dem Jahr, das auf einen solchen Zweijahreszeitraum folgte? In 13 Fällen wurde ein Kursanstieg und wieder in 13 Fällen ein Kursrückgang verzeichnet. Die durchschnittliche Rendite betrug 4,86 Prozent - also unter der historischen Norm, aber immer noch ganz passabel. Meine Zahlen beinhalten für die Jahre vor 1938 eine geschätzte Dividendenrendite von vier Prozent für diese Jahre konnte ich keine guten Gesamtrendite-Statistiken finden.
Ängste sind oft nicht gerechtfertigt
Wenden wir uns nun einigen anderen Gründen zu, mit denen ein Fernbleiben vom Aktienmarkt häufig entschuldigt wird. * Der Irak ist ein Sumpf. * Der Terrorismus stellt eine allgegenwärtige Gefahr dar. * Aktien sind nicht günstig. * Wir befinden uns im ersten Jahr einer Präsidentenamtszeit. * Die amerikanische Notenbank (Federal Reserve) hat die Zinsen erhöht und scheint entschlossen, damit fortzufahren. Jeder einzelne dieser Einwände hat einen gewissen Sinn, doch haben sich in der Vergangenheit ähnliche Probleme nicht unbedingt als Hemmschuh für den Aktienmarkt erwiesen. Der Irak ist ein Sumpf? Gewiß ist er das, doch Vietnam war schlimmer. Was den Aktienmarkt jedoch nicht daran hinderte, im Zeitraum 1967-1968 - als die Antikriegsproteste ihren Höhepunkt erreichten - um 29 Prozent zuzulegen.
Der Terrorismus ist eine Gefahr? Darauf können Sie wetten; aber nicht anders verhielt es sich mit dem Kalten Krieg in den 50er Jahren, als unsere Kinder in der Schule den Notfall eines Atomangriffs übten. Trotzdem verzeichnete der Aktienmarkt in dieser Zeit ein sattes Plus von 466 Prozent, was einer hübschen Jahresrendite von 18,9 Prozent entspricht. Aktien sind nicht günstig? Ich gebe zu, daß es die meisten von ihnen tatsächlich nicht sind. Und Sie wissen um meine Leidenschaft für günstige Werte… Doch konnte der Markt in unzähligen Jahren, die von hohen Kurs-Gewinn-Verhältnissen geprägt waren, Zuwächse verzeichnen - so zum Beispiel 1999 und 1972.
Die ersten zwölf Monate des vierjährigen Präsidentschaftszyklus sind für amerikanische Aktien nicht selten ein schwaches Jahr. Während der vergangenen 20 Präsidentschaftszyklen wurde im ersten Jahr jeweils eine durchschnittliche Gesamtrendite von 3,26 Prozent erzielt, was unter der Norm liegt. Der Zuwachs in acht dieser insgesamt 20 Jahre betrug mehr als zehn Prozent, und in sechs Jahren wurde ein Plus von mehr als 25 Prozent verzeichnet. Im ersten Amtsjahr von Präsident Kennedy kletterte der Markt um 26 Prozent. 1945 betrug der Kurszuwachs 36 Prozent; in diesem Jahr übernahm Harry Truman die Präsidentschaft vom verstorbenen Franklin D. Roosevelt.
Vermögensstruktur entscheidend
Die Federal Reserve hat in der Tat die Zinsen erhöht - und zwar neunmal in den vergangenen 14 Monaten. Drei Erhöhungen stellen für den Aktienmarkt nach dem altehrwürdigen Börsensprichwort „Three Steps and a Stumble“ - sprich der Markt wird nach drei Zinsanhebungen bearish - ein Verkaufsignal dar. Im Großen und Ganzen denke ich, daß man sich an dieser Regel recht gut orientieren kann. Trotzdem läßt sich die Tatsache nicht leugnen, daß das absolute Zinsniveau im historischen Vergleich noch immer niedrig ist.
Anstatt zu versuchen, anhand einer Beurteilung der Marktverhältnisse das beste Timing für einen „Raubzug“ auf dem Aktienmarkt zu finden, würde ich Privatanlegern empfehlen, ihr Portfolio nach verschiedenen Vermögensklassen zu strukturieren und dabei dann zu bleiben. Ein Beispiel wäre ein Aktienanteil von 60 Prozent, ein Rentenanteil von 30 Prozent und ein Baranteil von zehn Prozent. Im Rahmen der circa jährlichen Anpassung Ihres Portfolios würden Sie dann im Fall eines Kursrückgangs am Markt ihren Aktienanteil entsprechend erhöhen bzw. im Fall eines Kursanstiegs einige Gewinne mitnehmen. Dies ist keineswegs ein narrensicheres System, doch es ist vernünftig - und meiner Ansicht nach bedeutend produktiver als der Versuch, hinsichtlich der zukünftigen Marktentwicklung eine Vorhersage zu treffen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |