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Gastbeitrag „Kaufen und Halten“ funktioniert nicht immer

14.03.2006 ·  Ein Blick auf die zehn größten Unternehmen zeigt, wie sich die amerikanische Wirtschaft seit 1959 verändert hat. Der Schluß für Anleger kann lauten: Wenig spricht für die „Buy and Hold“-Strategie, vieles für ein Indexinvestment.

Von David Wyss, S&P-Chefvolkswirt
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Eine der größten Stärken der amerikanischen Wirtschaft ist die Bereitschaft, Veränderungen zu akzeptieren. Veränderungen mögen zuweilen zwar unbequem sein, ohne sie jedoch ist Fortschritt nahezu undenkbar. Die „schöpferische Zerstörung“ nach Ökonom Joseph Schumpeter kann sehr schmerzhaft sein für den, der sie zu spüren bekommt, aber ohne sie wäre die rasante Entwicklung in Amerika unmöglich gewesen, insbesondere wenn man an die Wegentwicklung von der Industriegesellschaft denkt.

Die Geschwindigkeit, mit der der Zerstörungsprozeß seinen Lauf nimmt, wurde in den vergangenen Jahren nur zu deutlich, da die Entwicklung neuer Technologien zusammen mit den Einflüssen der Globalisierung die Weltwirtschaft nahezu vollständig auf den Kopf gestellt hat. Die rückläufige Entwicklung des amerikanischen Industriesektors, die man in jüngster Zeit am Beispiel der Schwierigkeiten von Ford und General Motors beobachten konnte, hat die Produktions- und Beschäftigungsstrukturen auf dramatische Weise verändert.

Die Wirtschaft ist stabil, die Struktur aber ändert sich

Die Wirtschaft im Ganzen ist jedoch außerordentlich stabil. Die Arbeitslosenquote lag in den vergangenen zehn Jahren durchschnittlich bei fünf Prozent und fiel damit niedriger aus als in jedem anderen Zehnjahreszeitraum zwischen 1965 und 1974. Das Produktivitätswachstum war ebenfalls stark, wobei das reale Bruttoinlandsprodukt trotz des schwachen Wachstums der Erwerbsbevölkerung stark gestiegen ist. Die durchschnittlichen Stundenlöhne sind kontinuierlich gestiegen, obwohl die zuletzt veröffentlichte Untersuchung der amerikanischen Zentralbank Federal Reserve zur Einkommenssituation der Verbraucher eine Wachstumsverlangsamung und eine kontinuierliche Vergrößerung der Einkommensunterschiede zeigt.

Die Struktur der amerikanischen Wirtschaft hat sich hingegen dramatisch verändert. 1959, als der Standard & Poor's 500 an den Start ging, waren noch 7,2 Prozent der amerikanischen Arbeitnehmer in der Landwirtschaft beschäftigt und 28,7 Prozent der nicht im Agrarsektor beschäftigten Arbeitnehmer arbeiteten in der Produktion. 2005 lagen die entsprechenden Anteile nur noch bei 1,4 bzw. 10,7 Prozent. Im Bereich Gesundheit und Bildung stieg der Anteil der Beschäftigten von 5,3 auf 13 Prozent, im Bereich fachliche und gewerbliche Dienstleistungen gab es einen Anstieg von 6,7 auf 12,9 Prozent.

Der Aufstieg des Finanzsektors

Die Veränderungen werden außerdem deutlich, wenn man sich die größten amerikanischen Unternehmen näher ansieht. 1959 standen große Produktionsfirmen an der Spitze. Heute dominieren Dienstleistungsunternehmen. Die Tabelle zeigt die zehn nach Marktkapitalisierung größten Unternehmen (ausgenommen Unternehmen der Ölindustrie) in den Jahren 1959 und 2005. Nur ein Unternehmen aus der Liste von 1959 hat sich gehalten: General Electric. 1959 gab es keine Finanzunternehmen in den Top Ten; heute sind es drei. Fünf der heutigen Spitzenunternehmen gab es 1959 noch nicht einmal, zumindest nicht in einer vergleichbaren Form.

Der Aufstieg des Finanzsektors spiegelt die Deregulierung der späten 70er und 80er Jahre wider, als die Restriktionen für Unternehmenszusammenschlüsse zwischen Banken und anderen Unternehmen des Finanzsektors gelockert wurden. 1959 konnten Banken in der Regel nur in einen Bundesstaat tätig werden - und in den meisten Bundesstaaten außerdem nur in einem Verwaltungsbezirk oder einer Region. In Illinois und einigen anderen Staaten durften Banken nicht einmal mehrere Zweigstellen in der gleichen Stadt haben. Alle drei Finanzunternehmen unter den Top Ten sind jeweils das Ergebnis mehrerer Zusammenschlüsse von Unternehmen, die es 1959 zwar schon gab, die damals aber noch viel kleiner waren.

GE mit dramatischem Wandel

Den Unternehmen des Finanzsektors hat die Deregulierung einen Platz an der Spitze gebracht, AT&T dagegen wurde aus dem Rennen geworfen. Obwohl der Telekommunikationssektor insgesamt heute in etwa den gleichen Marktanteil hat wie 1959, bestand der Markt damals praktisch nur aus AT&T. Dabei bleibt jedoch zu bedenken, daß im Falle einer Genehmigung des Zusammenschlusses von BellSouth und AT&T ein Unternehmen entsteht, das insgesamt gesehen an elfter bzw. bei Betrachtung ohne die Unternehmen der Ölindustrie an zehnter Stelle stehen wird, direkt vor Altria.

1959 waren sieben der größten Unternehmen große traditionelle Produktionsbetriebe. Einer davon, GE, hat einen so dramatischen Wandel durchgemacht, daß die Herstellung heute nicht mehr Hauptschwerpunkt des Unternehmens ist. Die anderen sechs sind, gemessen an der Wirtschaft, geschrumpft, im Zuge eines Zusammenschlusses verschwunden oder in Konkurs gegangen. Konsumgüterhersteller (einschließlich Arzneimittelhersteller) haben ihren Platz unter den Top Ten eingenommen, wobei vier Unternehmen nun aus diesem Bereich kommen. Interessanterweise gibt es an der Spitze noch immer einen Einzelhändler, nämlich Wal-Mart anstelle von Sears.

Schlüsse für den Anleger

Die Unternehmen der Ölindustrie habe ich wegen der Fusionen in der Branche und ihrer Dominanz 1959 aus der Betrachtung ausgeschlossen. Bezieht man sie mit ein, gehören zwei der Top-Ten-Unternehmen von 1959 auch 2005 noch dazu: Exxon, das heute an erster Stelle steht, und sein Vorgänger auf Platz zwei. 1959 waren vier der Unternehmen in den Top Ten und sieben unter den Top 15 Unternehmen aus der Ölindustrie. Aus diesen ehemals sieben Unternehmen sind durch Zusammenschlüsse drei geworden. Eines dieser drei, Exxon-Mobil, ist aus der Fusion von Standard Oil of New Jersey (1959 die Nummer zwei) und Socony-Mobil (11) hervorgegangen. Chevron, heute auf Platz 15, entstand durch den Zusammenschluß von Gulf (6), Texas Company (8) und Standard of California (10). Royal Dutch (12) und Shell (14) fusionierten zu Royal Dutch Shell, ein Unternehmen, das nicht im S&P 500 steht, da es als europäisches Unternehmen gilt (im S&P Europe 350, einem Index , der 1959 noch nicht existierte, ist es jedoch notiert).

Was eine sich ständig verändernde Wirtschaft für den Anleger bedeutet, ist klar. Die Strategie „Kaufen und Halten“ ist selbst bei großen Unternehmen nicht immer erfolgreich. In einer Welt im Wandel müssen die Entscheidungen der Anleger mit den strukturellen Veränderungen in der Wirtschaft Schritt halten können und sich diesen anpassen - ein gutes Argument für die Investition in Indizes.

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