21.07.2006 · Inflationsentwicklung und Wohnungsmarkt zeichnen ein uneinheitliches Bild von der wirtschaftlichen Lage in den Vereinigten Staaten. Trotz der jüngsten Bernanke-Rede kann für die Zinsen noch keine Entwarnung gegeben werden.
Von Michael Englund und Rick MacDonaldDer Vorsitzende der Federal Reserve, Ben Bernanke, begann am 19. Juli mit seinem halbjährlichen Rechenschaftsbericht zur Geldpolitik vor dem Senat. Gleichzeitig zeigten zwei direkt vor seiner Rede veröffentlichte Daten für Juni, vor welch schwieriger Aufgabe der Notenbankchef steht. Der Verbraucherpreisindex (VPI) zeigte, daß der Druck von seiten der Inflation zunimmt; er impliziert, daß der Offenmarktausschuß bei seiner Sitzung im August die Zinsen anheben muß. Dagegen fielen die Zahlen zu Baubeginnen von Häusern schwächer aus, was auf eine Verlangsamung der Konjunktur hindeutet.
Welche Schlußfolgerungen kann die Fed aus diesen Zahlen ziehen? Die ersten Marktreaktionen auf Bernankes Rechenschaftsbericht - Kurssteigerungen an den Aktien- und Anleihemärkten - deuten darauf hin, daß der Bericht nach dem Urteil der Wall Street auf einen lockereren geldpolitischen Kurs schließen ließ als erwartet. Unseres Erachtens heißt dies jedoch nicht, daß die Fed bei der Sitzung im August auf keinen Fall einen Zinsschritt vornehmen wird. Es wird von den jeweils aktuellen Daten abhängen, ob die Fed in den nächsten Monaten eine Pause im Zinsanhebungszyklus einlegt.
Kerninflation beschleunigt sich
Betrachten wir die Daten einmal genauer: Der Verbraucherpreisindex stieg um Juni um 0,2 Prozent an, und die Kernrate (in die Lebensmittel und Energie nicht eingehen) erhöhte sich um 0,3 Prozent; im Vormonat wurde jeweils ein Anstieg um 0,4 Prozent bzw. 0,3 Prozent verzeichnet. Auf Jahresbasis beschleunigte sich die Gesamtinflation von 4,2 Prozent auf 4,3 Prozent und die Kerninflation von 2,4 Prozent auf 2,6 Prozent. Letzteres liegt am oberen Ende der Erwartungen, und die Kerninflation hat damit den lockeren „Zielkorridor“ der Fed (1,5 bis 2,5 Prozent) verlassen.
Die Energiepreise fielen gegenüber dem Vormonat um 0,9 Prozent, die Benzinpreise um 1,0 Prozent. Die Wohnungspreise erhöhten sich um 0,2 Prozent (Mai: 0,3 Prozent), und der Index der Mietäquivalente stieg um 0,4 Prozent an (Mai: 0,6 Prozent). Ein Anstieg der Tabakpreise um 0,8 Prozent trug ebenfalls zur Beschleunigung der Kerninflation bei.
Besorgniserregendes Niveau für die Fed
Die hohe Verbraucherpreisinflation im Juni steht grob mit der Entwicklung des am 18. Juli veröffentlichten Produzentenpreisindex für denselben Monat sowie dem Anstieg der Handelspreise im Juni (veröffentlicht am 14. Juli) im Einklang. Wenn Bernanke in seinem Rechenschaftsbericht auf die Drei-Monats- und Sechs-Monats-Daten für die Kernrate der Verbraucherpreisinflation eingeht, muß er Werte von 3,6 Prozent bzw. 3,2 Prozent nennen - deutlich mehr als der Zwölf-Monats-Wert von 2,6 Prozent.
Die Kernrate ist vier Monate hintereinander jeweils um 0,3 Prozent gegenüber dem Vormonat gestiegen, woraus sich ein klarer Trend hin zur Inflationsbeschleunigung ergibt. Der Kettenpreisindex und die Kernrate des Deflators des privaten Konsums dürften sowohl insgesamt als auch auf Marktbasis im Juni eher bei 0,3 Prozent als bei 0,2 Prozent gelegen haben, was für die Fed ebenfalls ein besorgniserregendes Niveau ist.
Abschwächung auf breiter Front
Die Zahl der Baubeginne ging im Juni um 5,3 Prozent auf annualisiert 1,850 Millionen Einheiten zurück, so daß der Anstieg um 6,6 Prozent im Mai (auf 1,953 Millionen; nach unten korrigiert von 1,957 Millionen) zum Teil wieder zunichte gemacht wurde. Die Zahl der Baugenehmigungen sank im fünften Monat in Folge um 4,3 Prozent. Die Verkäufe von Einfamilienhäusern gingen um 6,5 Prozent zurück, die Verkäufe von Mehrfamilienhäusern stiegen dagegen um 0,3 Prozent an.
Im Juni wurden weniger Bauten begonnen als erwartet; der Sektor schrumpft nach dem Boom im Jahr 2005 weiter. Geographisch gesehen war in den vergangenen Monaten auf breiter Front eine Abschwächung festzustellen; die Zahl der Baugenehmigungen ist so weit gesunken, daß nunmehr zu erwarten ist, daß die Zahl der neuen Eigenheime am unteren Ende einer Bandbreite von 1,8 bis 1,9 Millionen liegt.
Bauträger werden vorsichtiger
Die Zahlen für bereits im Bau befindliche Eigenheime und Fertigstellungen liegen weiterhin über den Gesamtzahlen, was darauf hindeuten könnte, daß die Zahl spekulativer Baugenehmigungen und Baubeginne sinkt. Darunter sind diejenigen Häuser zu verstehen, die Bauträger kurzfristig je nach Marktlage und Finanzierungsmöglichkeiten bauen oder auch nicht. Bei weiterhin hohen Preisen für Baumaterialien und einer unsicheren Nachfragesituation gehen die Bauträger vorsichtiger vor als 2005, als sie eher zum Eingehen von Risiken bereit waren.
Wir gehen weiterhin von einem Anstieg der Bauinvestitionen um 0,3 Prozent im Juni sowie einer realen Schrumpfung der Wohnungsbaukomponente des BIP um zehn Prozent im zweiten Quartal aus. Der Rückgang der Baubeginne im zweiten Quartal von einem äußerst hohen Niveau zu Jahresbeginn hat die Lücke zwischen insgesamt robusten Indikatoren für die Produktion im Wohnungsbausektor zu Jahresbeginn und dem deutlichen Einbruch der Verkäufe und Preise an den Immobilienmärkten im ersten Quartal geschlossen.
Zeichen für eine „weiche Landung“
Insgesamt stützen die trotz der geldpolitischen Straffung der Fed immer noch niedrigen Zinsen, die trotz der Verlangsamung weiterhin kräftige Konjunktur und das anhaltende, solide Wachstum der Einkommen und Gewinne den Wohnungssektor im laufenden Jahr - auch, wenn eine Verlangsamung stattgefunden hat. Allerdings verringert sich der Ausstoß im Wohnungsbausektor eindeutig.
Dies wurde im zweiten Quartal deutlich, genau wie im ersten Quartal ein Rückgang der Verkaufszahlen festzustellen war. Trotz der Korrektur im zweiten Quartal deutet die Lage in diesem Sektor jedoch weiterhin auf eine „weiche Landung“ in diesem Jahr hin.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |