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Frankfurter Börse „Die Stimmung ist schlechter als im Jahr 2003“

09.10.2008 ·  Während viele Anleger in Panik geraten, versuchen die Börsenhändler Ruhe zu bewahren: Sie geben weiter ihre Aufträge ein und fügen sich dem großen Ausverkauf. Einige stellen jedoch schon ihren eigenen Job infrage. Ein Besuch an der Frankfurter Börse von Judith Lembke.

Von Judith Lembke
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Wenn man auf dem Parkett der Deutschen Börse direkt hinter den Händlern der Baader Bank steht, den Kopf leicht nach links neigt und dabei das rechte Auge zusammenkneift, könnte man glauben, der Dax hätte den Bullen heute geköpft.

Die Fieberkurve des deutschen Aktienindex, die an einer großen Tafel an der Längswand des Raumes angezeigt wird, fällt steil nach unten - so steil, dass es aus einer bestimmten Perspektive so aussieht, als hätte die Dax-Kurve den Kopf des neongrünen Schaumstoffbullen, der nun traurig nach unten hängt, fast abgetrennt.

Alles muss raus

An diesem Mittwoch ist das ehemals stolze Börsenmaskottchen, von dem nur noch der Rumpf übrig geblieben ist, mehr denn je ein Sinnbild für die Stimmung an der Deutschen Börse. Zwar versuchen die meisten Händler das Wort Panik zu vermeiden, doch ein Blick auf ihre Monitore sagt alles. Hundertfach flackert bei Matthias Präger, einem Händler der Baader Bank, das Kürzel „Best“ in Kapitalen über den Bildschirm.

„Wir haben heute Morgen fast nur unlimitierte Verkaufsaufträge bekommen“, seufzt Präger und weist auf das Kürzel. „Best“ bedeutet in der Börsensprache, „zum besten Preis verkaufen“. Alles muss raus, verlangen die Anleger, und zwar so schnell wie möglich. „Die Leute fliehen aus dem Markt“, sagt Präger, während er seine Verkaufsanweisungen in den Computer tippt.

Finanzwelt in den Grundfesten erschüttert

Auf dem Parkett ist die Atmosphäre zwar merklich angespannt, von Panik ist jedoch nichts zu spüren. Es hat sich eher eine Ungläubigkeit im Raum breitgemacht. Kaum jemand hat zuvor erlebt, dass geldpolitische Maßnahmen an den Börsen einfach so verpuffen. Als die wichtigsten Notenbanken der Welt die Leitzinsen in einer konzertierten Aktion um einen halben Prozentpunkt senken und der Dax nach einer kurzen Erholung wieder 5 Prozent ins Minus rauscht, reagieren die Händler nur noch mit Kopfschütteln.

„Die Stimmung ist schlechter als im Jahr 2003“, sagt Präger im Rückblick. Damals hätte der Dax zwar noch sehr viel tiefer gestanden, aber die Finanzwelt sei nicht in ihren Grundfesten erschüttert worden. „Das ist jetzt anders“, fügt er hinzu.

Fliegt uns alles um die Ohren?

Der im Moment wohl gefragteste Mann an der Börse ist Dirk Müller. Der Händler von MWB Fairtrade, der sich in großen Lettern „Mister Dax“ auf seine Visitenkarte drucken ließ, hat in den vergangenen Tagen etwa 40 Interviews (“konservativ geschätzt“) gegeben. In denen erklärt er den verängstigten Fernsehzuschauern, warum es all die Gewissheiten, die vor ein paar Wochen noch zu gelten schienen, nun nicht mehr geben soll.

Zur allgemeinen Beruhigung trägt der Mann mit dem zurückgegelten grauen Igelschnitt und dem dünnen Backenbart allerdings nicht bei: „Ich schätze die Wahrscheinlichkeit, dass uns das ganze Wirtschafts- und Finanzsystem um die Ohren fliegt, auf 70 Prozent“, verkündet er mit geübtem Fernsehlächeln, ganz so, als hätte er für morgen gerade leichten Regenschauer angesagt.

Der Tiefstand ist „noch lange nicht erreicht“

Innerhalb von zwei Minuten rauscht er in einer gedanklichen Tour de Desaster über die Weltkugel. Im Westen erwartet er die große Depression wie in den dreißiger Jahren, im Osten stehe eine neue Asien-Krise ins Haus. „Dabei habe ich vor diesem Crash schon vor anderthalb Jahren gewarnt.“

Müller selbst wird wohl eher zu den Krisengewinnern gehören: Seine letzten Aktien hat er schon im Frühsommer 2007 verkauft, und im Januar erscheint sein Buch, in dem er all den Menschen, die seine Worte jetzt verunsichern, erklären wird, wie man vielleicht doch noch einen Teil seines Vermögens retten kann. Von Aktien wird er auf jeden Fall abraten. Denn einer Sache ist er sich fast so sicher wie des Untergangs des Weltfinanzsystems: „Der Dax hat noch lange nicht seinen Tiefstand erreicht.“

Verkaufen, Verkaufen, Verkaufen

Eric Förster gehört hingegen zu den Händlern, die schon gar nicht mehr auf die Entwicklung des Dax schauen. In einer Mischung aus Defätismus und Professionalität ist er nur darauf konzentriert, seine Orders einzugeben und die Welt um ihn herum dabei auszublenden. Der Händler von ICF Kursmakler handelt Daimler-Aktien. Auch hier geht der Weg vor allem in eine Richtung: Alles muss raus, egal zu welchem Preis. „Die Stimmung ist mies, aber man liest ja jeden Tag auch nur Horrormeldungen“, sagt er.

Mittlerweile stellt er sogar seinen eigenen Job in Frage, relativiert dann aber wieder, es werde schon „alles irgendwie weitergehen“. Mit großen Boni rechnet er in der nächsten Zeit erst einmal nicht: „Je niedriger der Index steht, desto geringer sind schließlich auch unsere Provisionen“, sagt er.

„Die Situation ist ätzend“

Ein Investmentbanker, der sich in einer Bäckerei auf der Fressgass' gerade mit Mittagessen eindeckt, mag von Boni schon gar nicht mehr reden: „Der Bonus ist, dass du deinen Job behältst“, sagt er. Auch er fängt langsam an, seinen Arbeitsplatz in Frage zu stellen. „Wer soll denn überhaupt noch mit uns handeln?“, fragt er sich.

Zwei jüngere Kollegen, die ein paar Meter weiter vor einer Fleischerei in der Schlange stehen, wollen sich überhaupt nicht äußern. „Wir können uns das Essen gerade noch leisten“, versuchen sie ihre Nervosität mit Humor zu überspielen. „Die Situation ist ätzend, aber mehr will ich im Moment wirklich nicht sagen“, presst einer von beiden hervor.

Kein Vertrauen mehr

Fast alle Banker, die im Privatkundengeschäft arbeiten, können im Moment Geschichten wie diese berichten: In dieser Woche sei ein ehemaliger Dax-Manager bei einer großen Schweizer Bank mit seinem Kombi vorgefahren und habe sich sein Vermögen in Höhe von vier Millionen Euro in Goldbarren auszahlen lassen.

Zwar wird diese Erzählung von einem ironischen Lächeln begleitet. Allerdings würden viele Banker mittlerweile auch nicht mehr die Hand für ihren Arbeitgeber ins Feuer legen beziehungsweise ihm ihr gesamtes Privatvermögen anvertrauen.

Es wird wieder gehandelt werden

Man findet aber durchaus auch noch Banker, die keine apokalyptischen Zustände voraussagen und stattdessen in aller Ruhe ihren Espresso in der Herbstsonne trinken. „Sicher wird es einen Stellenabbau geben“, sagt der Chef des Investmentbanking einer großen Bank in London und plaziert in aller Ruhe seinen Brioni-Mantel auf dem Stuhl neben ihm. Für das Investmentbanking an sich sieht er jedoch keine Gefahr. „Wenn die Krise vorbei ist, wird wieder genauso gehandelt wie vorher“, prognostiziert er.

Dass sein Berufsstand in der vergangenen Zeit so in Verruf geraten ist, kann er nicht verstehen. „Wir waren doch nur die Agenten der Menschen, die sich jetzt am lautesten beschweren.“

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Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft.

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