Australienfans erzählen von endlosen Weiten, einzigartiger Natur und riesigen Wellen zum Surfen. Doch auch die Börse hat in den vergangenen Jahren ihre Fans gefunden - und ihnen viel Freude bereitet. Vor wenigen Tagen erst hatte der All Ordinaries Share Price Index (ASX) die 5.300 Punkte genommen und damit ein neues Rekordhoch markiert. Doch die jüngste Entwicklung sieht nicht so erfreulich aus: Am Montag unterschritt der ASX die 5.000er-Marke - die Korrektur an den Märkten weltweit hinterläßt also auch in Australien ihre Spuren.
Mit der Börse entwickelten sich auch die Aktienfonds nach oben. Die FAZ.NET-Tabelle und die Charts zeigen die Wertentwicklung von zehn Australienfonds, die in Deutschland zum Vertrieb zugelassen sind. Alle Fonds haben in den vergangenen Tagen zwar deutlich korrigiert, die langfristigen Aufwärtstrends scheinen aber weiterhin intakt.
Der beste Fonds hängt an der Rohstoffhausse
Die Tabelle zeigt, daß Anleger in den vergangenen Jahren mit Australienfonds viel oder sehr viel Geld verdienen konnten. Auf Sicht von zwölf Monaten und drei Jahren schneidet der Nestor-Fonds am besten ab: 143 Prozent Plus stehen hier zu Buche. Der schlechteste der untersuchten Fonds kam immerhin noch auf einen Wertzuwachs von 86 Prozent. Der Nestor-Fonds verlangt allerdings die höchsten Managementgebühren. Indes dürften sie die Anleger bislang nicht gereut haben.
Der Fonds hat knapp die Hälfte der Gelder in Edelmetall-, Minen- und Energiewerten investiert. Das ist der Grund für die sehr erfreuliche Entwicklung, zeigt aber auch das Rückschlagpotential auf. Denn die fallenden Rohstoffpreise haben die Aktien bereits in Mitleidenschaft gezogen.
Sollte sich diese Bewegung fortsetzen, dürfte das sich auch deutlich in der Wertentwicklung des Fonds bemerkbar machen. Rund zehn Prozent hat der Fonds in den vergangenen zehn Tagen bereits an Wert verloren.
Andere Fonds setzten eher auf Finanztitel
Mit etwas Abstand folgt auf Sicht von drei Jahren der Dexia-Fonds, der vergleichsweise günstig ist und die höchste Bewertung von Standard & Poor's erhielt. Auch dieser Fonds hat seinen Schwerpunkt auf Rohstoffaktien - sie machen etwa ein Drittel des Portfolios aus. Ein Viertel der Gelder liegt in Finanzwerten.
Die Abhängigkeit von der Rohstoffhausse ist nicht so ganz groß wie beim Nestor-Fonds. Das zeigt sich nicht zuletzt darin, daß der Fonds in den vergangenen zehn Tagen mit einem Minus von etwas über fünf Prozent nicht so stark verloren hat wie der Nestor-Fonds.
Natürlich bergen die Finanzwerte ebenfalls Risiken. Denn eine schwächerer Börse wird sich in den Bilanzen der Banken recht schnell bemerkbar machen. Ärgerlich für Anleger ist bei diesem Fonds, daß das Management im Internet keine Monatsberichte veröffentlicht - der Investor kann also nur schwer aktuell nachvollziehen, was sich im Fonds tut.
Größter Wert ist meist BHP Billiton
Zweitbester Fonds auf Sicht von einem Jahr ist das Parvest-Produkt. Auch dieser Fonds hat die Finanzwerte stark gewichtet, sie machen knapp ein Drittel des Portfolios aus. In Rohstoffaktien wie BHP Billiton oder Rio Tinto stecken nur etwa 14 Prozent der Gelder.
Noch stärker auf Finanzdienstleistungen (44 Prozent) konzentriert sich der Fidelity-Fonds, der auf Sicht von drei Jahren auf Platz drei liegt. Rohstoffaktien machen hier nur knapp ein Fünftel des Fondsvolumens aus. Größter Wert im Portfolio ist aber, wie in den meisten anderen Fonds auch, mit BHP Billiton ein klassischer Rohstoffwert. Die Aktie ist in den vergangenen zehn Tagen gewaltig unter die Räder geraten und hat etwa 21 Prozent verloren.
Markt beobachten - und noch nicht einsteigen
Für die genannten Fonds spricht, daß das Management in der Vergangenheit bewiesen hat, gut mit dem Geld der Anleger umgehen zu können. Doch lohnt es sich noch, in den australischen Markt einzusteigen? Im Augenblick sollten Anleger ihr Geld lieber auf einem Tagesgeldkonto parken - und die Entwicklungen in Australien und auf den internationalen Finanzmärkten genau beobachten.
Wenn der langjährige Aufwärtstrend in Australien hält, wofür einiges spricht, scheint es für ein Engagement noch nicht zu spät zu sein. Schließlich profitiert Australien von Asiens Hunger nach Erz, Kohle und Uran. Der Erfolg überdeckt zwar die Notwendigkeit von Reformen im Land, doch noch stehen die Ampeln für Australiens Wachstum auf grün.
Wirtschaft wächst mit dem China-Boom
Trotz Biotechnologie und Designhochschulen ist die Quelle des Wohlstands Australiens über alle Jahre dieselbe geblieben: das Ausgraben oder Ernten dessen, was auf der Erde gedeiht oder unter ihr verborgen ist. Der Export von Rohstoffen und landwirtschaftlichen Erzeugnissen machte 2004 fast 60 Milliarden Dollar aus, der Export von Industriegütern nicht einmal 20 Milliarden Dollar.
Schon im neunzehnten Jahrhundert hat Australien England mit Wolle und Gold versorgt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Japan mit australischem Eisenerz wiederaufgebaut. In den achtziger Jahren profitierte Australien vom Boom der Tigerstaaten. Heute wächst es mit Chinas Wachstum. Und bald könnte Indien folgen. Schon sucht Canberra nach Wegen, die Inder mit dem gewünschten Uran zu beliefern - auch wenn die den Atomwaffensperrvertrag nicht unterschrieben haben.
„China wächst, und wir zählen das Geld“
Das Wirtschaftsmodell hat bislang gut funktioniert. Die asiatische Finanzkrise überstand das Land unberührt, die Internet-Blase platzte an anderen Stellen der Welt. Nach dem nun schon Jahre währenden Nachfrageschub aus China nach Metallen und Mineralien treibt die Australier nur eine Frage um: Wie lange wird der Boom noch währen? Noch lange, lautet die landläufige Antwort darauf. „China wächst, und wir zählen das Geld“, überschrieb das durchaus ernstzunehmende Fachblatt „Financial Review“ in der vergangenen Woche den Zustand der Volkswirtschaft.
„Die Demographie und die wirtschaftliche Entwicklung in Asien können noch über Jahre so weiterlaufen. Das wird riesige neue Minen verlangen“, schwärmt Chip Goodyear, CEO des weltgrößten Bergbaukonzerns BHP Billiton. Im Minensektor steigen die Löhne schneller als in anderen Bereichen, weil keine ausreichende Zahl von Fachkräften zu finden ist.
Die Regierung zeigt sich großzügig
Die Rate der Arbeitslosen liegt bei 5,1 Prozent, nahe dem niedrigsten Stand in 30 Jahren. Das befürchtete Platzen der Immobilienblase blieb bislang aus. Der Rohstoffboom finanziert Steuernachlässe von 36,7 Milliarden australischen Dollar in den kommenden vier Jahren, die die Regierung gerade verkündet hat. Sie kann sich das unter anderem wegen Haushaltsüberschüssen in der Vergangenheit leisten. Ein drastischer Anstieg der Inflation steht nicht zu erwarten. Sie pendelt im Korridor zwischen 2,5 und 3 Prozent.
Leichter Druck auf die Zinsen, derzeit bei 5,75 Prozent, dürfte freilich durch den großzügigen Haushaltsplan entstehen. Die Regierung mußte sich das Geldgeschenk aber leisten, weil die Bürger ihren Anteil am australischen Erfolg im eigenen Portemonnaie spüren wollen. Auch wenn die Preise für Eisenerz, Kohle, Kupfer oder Uran nicht mehr in dem Maße anziehen wie noch im vergangenen Jahr, dürfte der Wert der australischen Ausfuhren weiter steigen. Im ersten Quartal lagen die Exporte Australiens 19 Prozent über dem Vergleichswert des Vorjahres, die Rohstoffausfuhren legten um 37 Prozent zu. 2005 zogen die Exporte um 15 Prozent an.
Der Aufschwung verleitet zur Tatenlosigkeit
Zwar verlangen der leicht gebremste Immobilienmarkt, die hohe Verschuldung der privaten Haushalte, steigende Ölpreise und das Risiko steigender Zinsen in diesem Jahr ihr Opfer. Immer noch aber erwarten Analysten ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von knapp drei Prozent in diesem Fiskaljahr (30. Juni) und von mehr als drei Prozent im nächsten. Das Durchschnittswachstum der vergangenen fünf Jahre lag bei 3,1 Prozent.
Auch in Australien aber verleitet der lange währende Aufschwung zur Tatenlosigkeit. So rosig die Zahlen wirken, die Australien Jahr für Jahr vorlegt, so notwendig sind grundsätzliche Weichenstellungen. Australien muß seine Rolle in Asien definieren, seine wachsende Abhängigkeit vom Rohstoffexport durch eine stabile heimische Nachfrage abfedern und Reformen und Anpassungen etwa in der Sozialpolitik umsetzen, wobei dies am besten gelingt, wenn die Kasse voll ist und die Regierung fest im Sattel sitzt.
Hohes Defizit in der Leistungsbilanz
Auch in Australien ist nicht alles Gold, was glänzt. Die Gesundheitsfürsorge etwa entspricht dem Reichtum des Landes nicht. Im März riefen die Ärzte um Hilfe, weil Patienten in überfüllten Krankenhäusern sterben, da sie unterversorgt blieben. Ausländerfeindlichkeit findet ihren Nährboden in einem ausgeprägten Nationalismus. Er könnte zunehmen, wenn das Wachstum nicht auch die Lage der unteren Gesellschaftsschichten spürbar verbessert. Gerade dort ist die vollzogene Lockerung des Kündigungsschutzes ein Reizthema. Das gilt auch für die Fortsetzung der Privatisierung, die viele Australier mit der Angst vor Kündigung verbinden.
Der Trost, ein jetzt verkündeter Steuernachlaß auf breiter Front, ist noch keine Steuerreform, auch wenn die Begüterten durchaus davon profitieren: Vor sechs Jahren setzte der Höchstsatz von 47 Prozent noch bei 50.000 Dollar Jahreseinkommen ein, heute erst bei 150.000 Dollar. Auch muß die Regierung dringend mehr in Forschung und Entwicklung investieren. Mit 1,5 Prozent des BIP liegt der Aufwand im Weltmaßstab zu niedrig. Genau zu beobachten bleibt das mit mittelfristig fünf bis sechs Prozent des BIP immer noch hohe Defizit der Leistungsbilanz. Steigen die Rohstoffausfuhren allerdings wie erwartet und stagnieren die Einfuhren aufgrund eines nur langsam anziehenden Konsums, wird es sich über die Jahre von selbst verringern.