Home
http://www.faz.net/-gvf-450s
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fondsmittel Abflüsse aus US-Fonds deuten nicht auf Bodenbildung

 ·  Das weiter hohe Niveau der US-Aktienfonds zur Verfügung gestellten Gelder deutet noch nicht auf eine Kapitulation der Anleger hin. Ein Zeichen dafür, dass der Bärenmarkt noch nicht zu Ende ist.

Artikel Lesermeinungen (0)

Auch nach drei Jahren mit Kursverlusten am US-Aktienmarkt halten Anleger den Aktienfonds die Treue, zeigen Statistiken der Fondsbranche. Im letzten Jahr haben sie lediglich 0,9 Prozent ihres Kapitals aus Aktienfonds abgezogen, berichtet das Investment Company Institute. In den 70er Jahren flossen dagegen bis zu zwölf Prozent jährlich aus Aktienfonds ab. Für einige Investoren ist dies ein Anzeichen, dass die Talsohle am Aktienmarkt noch nicht erreicht ist, weil die Anleger sich noch nicht aus dem Markt zurückgezogen haben.

Die Geschichte zeige, dass die Anleger dazu neigen, aus Aktien auszusteigen und damit die Kurse noch weiter drücken dürften, bevor eine Baisse zu Ende geht, sagen Investoren. "Wenn wir Abflüsse von fünf Prozent haben, und das ist das Minimum, dann hat das ernste Auswirkungen auf den Markt", warnt Jay Compson, Fondsmanager bei dem Bostoner Hedgefonds Abington Capital LP. "Das zeigt das Risikoniveau im Markt."

Der US-Benchmarkindex Standard & Poor's 500 hat in der letzten Woche 0,8 Prozent eingebüßt. Das Börsenbarometer hat drei Monate in Folge Verluste verzeichnet und steht 45 Prozent niedriger gegenüber dem Höchstwert vom März 2000.

Warten auf die Kapitulation

Compson wird nach eigenen Angaben die Lage erst wieder optimistisch beurteilen, wenn er die sogenannte "Kapitulation" beobachten kann, wenn nämlich Aktionäre die Hoffnung verlieren und ihre Aktien abstoßen, um in andere Anlagekategorien wie beispielsweise Anleihen zu wechseln. Wenn das passiert, sagen Analysten, wirft der Markt auch den letzten Rest Überschwang aus der vorherigen Hausse ab und drückt die Aktienkurse unter ihr durchschnittliches Kurs-Gewinn-Verhältnis. Damit ist der Markt bereit für Kursgewinne, die durch Unternehmensgewinne gestützt werden und nicht durch Trends.

Ein Beispiel dafür liefern die 70er Jahre. Der Dow erklomm 1973 mit 1.051,69 Punkten sein Hoch und fiel bis Ende 1974 um 45 Prozent. Fast fünf Jahre später hatte der Leitindex die 900-Punkte-Marke immer noch nicht wieder überschritten. Das Magazin Business Week erklärte in einer Titelgeschichte im August 1979 den "Tod der Aktien". Erst im November 1982 kam das Börsenbarometer wieder über den Höchststand vom Jahr 1973 hinaus.

Bewertungen noch zu hoch

In den 70er Jahren haben Anleger in jedem Jahr Geld aus Aktienfonds abgezogen, berichtet das ICI. Auch 1980 und 1981 verzeichneten die Fonds Kapitalabflüsse. 1988, nach dem Crash von 1987, zogen Investoren acht Prozent des Anlagekapitals aus Aktienfonds ab.

In der laufenden Baisse konnte bisher kein entsprechender Rückzug der Anleger aus Aktien beobachtet werden. "Die Einstellung der Investoren zu Aktien mag sich verändert haben, aber die Kapitulation ist noch nicht da", bekräftigt Kari Bayer Pinkernell, leitende US-Strategin bei Merrill Lynch & Co. in New York. Und Aktien seien im Moment nicht günstig bewertet, fügt sie hinzu. Die Mitglieder des S&P 500-Index notieren im Schnitt beim 29fachen ihres Gewinns der letzten zwölf Monate, verglichen mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis von 17 seit 1960, merkt sie an. Nach Aussagen der Merrill-Strategen dürften sich die Börsenbarometer in den nächsten Jahren nur wenig bewegen.

Verharren in alten Denkmustern

Die Kapitalflüsse der Fonds deuten darauf hin, dass es eine Diskrepanz zwischen dem gibt, was private Investoren sagen und dem, was sie tun. Im November haben Anleger 6,95 Milliarden Dollar in Aktienfonds gepumpt, zeigen Statistiken des ICI. Im Dezember flossen 8,3 Milliarden Dollar ab, im Januar waren es weitere 466 Millionen Dollar.

Die Erholung des Marktes nach dem Crash von 1987 hat die Investoren gelehrt, bei fallenden Kursen zu kaufen, berichtet Steve Lanzendorf, Leiter quantitative Analyse bei Independence Investment LLC in Boston. Damals erreichte der Dow sein Vor-Crash-Niveau in weniger als zwei Jahren. „Die große Botschaft 1987 war, dass Anleger bei Kursverlusten kaufen sollten, und das ist seitdem jedes Mal passiert", konstatiert er.

Analysten gehen davon aus, dass Investoren auf eine einige Wochen oder Monate andauernde Kursrallye setzen, damit sie bei einem Verkauf einen Teil ihrer Verluste ausgleichen können. "Einige Anleger ziehen sich aus Aktien zurück, aber bis jetzt verläuft der Rückzug langsam und im geordneten Rahmen", beschreibt Philip Roth, Leiter technische Analyse bei dem New Yorker Broker Miller Tabak & Co. „Wenn es nicht zu einer großen Verkaufsbewegung kommt, wird es lange dauern, bis wir einen Boden erreicht habe", so Roth. Er rechnet mit einer Entwicklung, die den 70er Jahren vergleichbar ist.

„Wenn wir noch ein Jahr mit schweren Kursverlusten am Aktienmarkt bekommen, dürfte es Abflüsse wie in den 70er Jahren geben", erwartet Lanzendorf. Das würde eine Kapitulation signalisieren - und noch niedrigere Kurse.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Emittenten-News
Anzeige
Für die Inhalte sind die Emittenten verantwortlich
Weitersagen
Name Performance 1 Jahr
 
 
 
 
 
 
Wertpapiersuche