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Fondsmarkt Was die Abgeltungssteuer für Fondssparer bedeutet

21.11.2006 ·  Der Staat beschließt in kurzsichtiger Gier die Abgeltungssteuer, die auch die Altersvorsorge mit Fonds unattraktiver macht. Das führt zu Ausweichreaktionen und provoziert Investmentideen, die nur einen Zweck haben: Steuern zu sparen.

Von Hanno Beck
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Viele erinnern sich noch an die Sparmacken unserer Großeltern: Aus Mißtrauen gegenüber Banken und Staat haben viele Altvordere ihr Geld unter das Kopfkissen gelegt, in den Marmeladentopf gestopft oder im Keller vergraben - renditetechnisch gesehen eine Katastrophe. Unbegründet waren diese Spartechniken nicht: Wer zwei Weltkriege und eine Hyperinflation erlebt hat, der neigt wohl automatisch zur Sparvorsicht.

Der aufgeklärte Sparer von heute greift zu Finanzprodukten, die renditeträchtiger sind und die Kopfkissen nicht so häßlich ausbeulen. Doch das könnte sich wieder ändern, und verantwortlich dafür ist wieder der Staat - er treibt möglicherweise erneut das Geld seiner Bürger unter die Kopfkissen. So haben die Spitzen der großen Koalition die Abgeltungssteuer gebilligt. In der vergangenen Woche kursierte ein Papier, in dem die Politik ihre neueste Idee zum Pressen der Anlegerzitrone erläutert: Von 2009 an soll eine Abgeltungssteuer von 25 Prozent auf Kapitalerträge eingeführt werden, die auch die Gewinne aus der Veräußerung privater Kapitalanlagen - also deren Wertsteigerung - umfaßt, die derzeit nach einem Jahr steuerfrei sind.

Steuerschonende Auswege

Was das einen Fondssparer kosten kann, zeigt eine kurze Überschlagsrechnung: Wer dreißig Jahre lang jeden Monat 100 Euro in einen Fondssparplan mit deutschen Aktienfonds packt, kann mit Glück nach 30 Jahren rund 170.000 Euro als Marschgepäck ins Alter mitnehmen. Eingezahlt hat der Sparer 36.000 Euro, so daß ein Wertzuwachs von 134.000 Euro zu versteuern ist. Bei 25 Prozent macht das 33.500 Euro Steuern, die auf einen Schlag fällig werden. Zusammen mit handelsüblichen Risiken einer Fondsanlage macht das einen Fondssparplan unattraktiver, abgesehen von der fatalen psychologischen Wirkung beim Steuerzahler, wenn der Staat ihn mit einem fünfstelligen Steuerbescheid in den Ruhestand verabschiedet.

Natürlich wird der Sparer steuerschonende Auswege suchen. Alternative Nummer eins sind Zinspapiere. Viele Anleger haben sie bisher wegen ihrer geringeren Rendite verschmäht. Durch eine Wertzuwachssteuer wird sie abermals sinken, auch wenn Kursgewinne bei Anleihen nicht so wichtig sind wie bei Aktien. Auch die nächste Steuerausweichidee wird wohl von 2009 an ausgedient haben: Zu den Verlierern einer Wertzuwachssteuer zählen alle steueroptimierten Produkte, deren Renditetrick darin besteht, steuerpflichtige Zinsen oder Dividenden in Kursgewinne zu verwandeln. Die Palette der steueroptimierten Rentenfonds und Zertifikate dürfte dann beerdigt werden.

Wie in Großmutters Investmentsteinzeit

Besser ist Ausweichidee Nummer drei: Ein möglicher Gewinner könnte die Versicherungsbranche sein: Bei Kapitallebensversicherungen, die länger als zwölf Jahre laufen und deren Auszahlung frühestens mit dem 60. Lebensjahr beginnt, wird nur der Ertragsanteil besteuert. Viele Sparer dürften dabei günstiger davonkommen als in einem vollwertzuwachsversteuerten Fondssparplan. Warum aber soll eine Lebensversicherung als Altersvorsorge steuerlich besser behandelt werden als ein Fondssparplan, wenn dieser ebenfalls der Altersvorsorge dient?

Wenn die große Steuererhöhungskoalition Chancengleichheit in der Altersvorsorge gelten läßt, wird sie nicht umhinkommen, allen Sparformen, die diese Bedingungen erfüllen, die gleichen Steuerchancen einzuräumen - alles andere wäre mehr als erklärungsbedürftig. Erklärungsbedürftig ist auch die Behandlung von Realvermögen: In Fonds oder Beteiligungen gepackt, werden Veräußerungserträge von Vermögensgegenständen wohl sämtlich versteuert werden müssen. Was aber geschieht mit Veräußerungserträgen auf private Vermögensgegenstände wie die Briefmarkensammlung, die Münzkollektion und mit dem Verkaufserlös der eigenen Immobilie? Man ahnt schon die Lawine der Steuerausweichreaktionen.

Daran dürfte sich auch in Zeiten der großen Koalition nichts ändern: Der Staat beschließt in kurzsichtiger Gier eine Steuer, die zu Ausweichreaktionen führt und Investmentideen provoziert, die nur einen Zweck haben: Steuern zu sparen. Ganze Branchen leben vom Steuerdilettantismus des Staates. Und wenn der Staat das letzte Steuerschlupfloch geschlossen hat und auch der Wertzuwachs der Überraschungsei-Sammlung ein eigener Punkt in der Steuererklärung wird, dann müssen wir befürchten, daß Kopfkissen wieder häßliche Beulen aufweisen - wie in Großmutters Investmentsteinzeit.

Quelle: F.A.Z., 21.11.2006, Nr. 271 / Seite 25
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