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Fondsmarkt Rational irrationale Flucht aus Immobilienfonds

23.01.2006 ·  Kein Thema beherrscht die Fondsszene so sehr wie die Mittelabflüsse bei offenen Immobilienfonds, die die Fonds oft erst in die schwierige Lage bringen, in der sie vermutet werden. Verhalten sich die Anleger rational? Nein - und ja.

Von Hanno Beck
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Was leben wir doch in einer aufregenden Zeit: Kaum kommt die Finanzgemeinde einmal ein wenig zur Ruhe, schon brennt es wieder irgendwo, und alles läuft zusammen, um entweder das Feuer zu löschen oder aber um darüber zu sprechen.

In der vergangenen Woche waren es einmal mehr die offenen Immobilienfonds, welche die Ruhe der Fondsgemeinde störten - allmählich fängt man an, sich daran zu gewöhnen, daß in schöner Regelmäßigkeit irgendwo ein Immobilienfondsfeuer lodert.

Das Rationale im Irrationalen

Diesmal waren es die Fonds der Fondsgesellschaft Kan-Am, die Anlaß zur Aufregung boten: Nach einer umstrittenen Verkaufsempfehlung durch das Fondsanalysehaus Scope flohen die Anleger in Scharen aus den beiden Produkten von Kan-Am, obwohl die meisten Experten dazu keine Veranlassung sahen. Das Wort von einer Panik machte die Runde. Da muß man näher hinsehen: Sind Investoren irrationales Herdenvieh, nicht geschaffen, um auf Gottes Immobilienacker zu weiden?

Vielleicht nicht ganz, denn wie so oft trägt das Irrationale auch Züge des Rationalen - was es noch irrationaler macht. Der Sachverhalt ist eigentlich einfach: Indem immer mehr Anleger ihre Gelder aus den Kan-Am-Fonds abzogen, schadeten sie in der Masse sich selbst, denn diese Liquiditätsabflüsse führten zur Schließung der Fonds, die an für sich kerngesund sind. Wer allerdings noch rechtzeitig den Ausgang fand, hatte seine Schäfchen noch rechtzeitig ins Trockene gebracht - der Verkauf der Anteile war also dann rational, wenn man hoffen konnte, rechtzeitig auszusteigen.

Gedrängel am Notausgang

Nur in der Summe wurde dieses rationale Kalkül zur irrationalen Massenflucht. Vor allem für manche institutionelle Anleger war dieser Fluchtinstinkt äußerst rational: Was, wenn der Auftraggeber, dessen Geld man verwaltet, in der Zeitung von Schwierigkeiten des Fonds liest? Ein kurzer Anruf beim Vermögensverwalter mit der Frage, ob man denn davon betroffen sei, löst bei diesem eine Panik aus - niemand möchte seinem Auftraggeber sagen, daß Geld in Gefahr ist, sei die Gefahr auch noch so gering. Also raus aus dem Fonds, aber zackig. Für sich betrachtet recht rational: Man kann den Auftraggebern mitteilen, daß man von „der Sache“ nicht betroffen sei. Individuell betrachtet rational, in der Summe verheerend.

Womit man bei den Anlegern wäre - auch sie unterlagen dem gleichen Kalkül: Schaffe ich es noch, vor den anderen aus der Tür rauszukommen, dann bin ich in Sicherheit. Daß man als Anleger damit zum einen möglicherweise auf die Leistung eines Fonds verzichtet, den man ja gerade wegen dieser Leistung gekauft hat, fällt unter den Immobilienfondstisch. Noch teurer wird die Flucht dadurch, daß man das nun flüssig gewordene Geld wieder investieren muß, was Zeit, Mühen und neue Ausgabeaufschläge kostet, welche sich der freundliche Bankberater liebend gerne auf sein Konto verbucht - möglicherweise der gleiche Bankberater, der dazu geraten hat, aus dem Fonds, den er dem Kunden noch im Sommer angedient hat, auszusteigen.

Von Investmentmücken zu Finanzkrisenelefanten

Auch die Medien unterlagen einer merkwürdigen Art der Rationalität: Je lauter und marktschreierischer diese vor dem Auszug aus den Fonds warnten, um so größer wurde dieser Exodus. Wäre das alles nicht passiert, wenn die Medien geschwiegen hätten? Mag sein, doch auch als Medienschaffender steht man in der Pflicht seinen Kunden gegenüber: Wenn sich da etwas anbahnt, was diese wissen müssen, so muß man es ihnen melden - und damit zur Erfüllung der eigenen Prophezeiung beitragen.

Diesem gleichen Mechanismus unterlag auch die Rating-Agentur Scope, die den ganzen Ärger angezettelt und den Stein ins Rollen gebracht hatte: Hätte sie schweigen und ihren Kunden damit Informationen vorenthalten sollen? Ebensowenig kann man dies wie im Falle der Medien verneinen, aber beiden - den Medien als auch Scope - kann man den Vorwurf machen, daß sie an der ein oder anderen Stelle aus eigennützigen Motiven aus einer Investmentmücke einen Finanzkrisenelefanten gemacht haben.

Es ist ein bitteres Lehrstück, das die Branche da gerade vorgeführt bekommt: Eine Mischung aus individueller Rationalität, eigennützigem Verhalten und dem, was Keynes einmal „animal spirits“, also Urinstinkte, nannte, kann ein Finanzsystem an die Grenzen seiner Belastbarkeit führen. Die einzige Hoffnung dabei ist, daß die Welt nach dieser Krise stabiler aussehen kann, nämlich dann, wenn wir Krisen als einen produktiven Zustand begreifen. Man muß ihnen nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.

Quelle: F.A.Z., 24.01.2006, Nr. 20 / Seite 21
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