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Fondsmarkt Privatanleger werden bei der Fondswahl kritischer

27.12.2004 ·  Für die deutsche Fondsbranche geht ein seltsames Jahr zu Ende. Mit einer Billion Euro verwaltetet sie ein Rekordvermögen, auf der anderen Seite kommt es zu deutlichen Umbrüchen. Anleger lassen sich ungern für dumm verkaufen.

Von Steffen Uttich
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Für die deutsche Fondsbranche geht ein seltsames Jahr dem Ende entgegen. Da wird im November etwa die magische Grenze von einer Billion Euro an verwaltetem Vermögen überwunden - der größte Batzen Geld, über den die Investmentgesellschaften jemals verfügten. Andererseits flossen Milliardenbeträge aus den besonders margenstarken Aktienfonds ab, was die Branche empfindlich auf der Ertragsseite trifft. Da bricht etwa im Jahresverlauf der Absatz von Fondsanteilen im Geschäft mit Privatanlegern um mehr als die Hälfte im Vergleich zum Vorjahr ein.

Anderseits herrscht Aufbruchstimmung, weil wegen des Wegfalls des Steuerprivilegs für Lebensversicherer im kommenden Jahr erstmals ein Wettbewerb auf Augenhöhe um die Altersvorsorgesparer möglich wird. Widersprüchliche Entwicklungen, wohin man schaut. Kein Wunder also, daß in der Branche der große Jubel derzeit genausowenig anzutreffen ist wie die tiefe Verzweiflung. Die Stunde der Wahrheit kommt erst noch, signalisiert eine solche Haltung. Nach dem Blick in den Abgrund im Jahr 2003 ist 2004 somit ein Jahr des Übergangs.

Privatanleger werden kritischer

Das heißt aber nicht, daß im ablaufenden Jahr die große Langeweile über das klassische Fondsgeschäft gekommen ist. Vielmehr verstärkte sich in dieser Zwischenphase der erfreuliche Eindruck, daß Privatanleger kritischer werden und den Gesellschaften nicht mehr alles abkaufen. Eine überdurchschnittliche Wertentwicklung wird zunehmend zum entscheidenden Anlagekriterium, was mittelmäßigen Anbietern das Geschäft erschwert. Schöne Worte aus Marketing und Vertrieb helfen über Schwachstellen an diesem Punkt immer weniger hinweg.

Abzulesen ist diese Entwicklung an den extrem unterschiedlichen Verkaufszahlen einzelner Gesellschaften. So sammelte etwa die Deutsche-Bank-Fondsgesellschaft DWS, die ihren Ruf als bester deutscher Anbieter verteidigen konnte und nun zunehmend auch auf den internationalen Fondsmärkten aktiv wird, auch in diesem Jahr wieder Milliarden an zusätzlichem Geld unter den Anlegern ein. Dagegen brach der zweitgrößten Fondsgesellschaft Deka das Neugeschäft weg, obwohl sie mit dem dichten Netz an Sparkassenfilialen über den schlagkräftigsten Vertrieb im Lande verfügen müßte.

Daß mehr Geld aus Deka-Publikumsfonds abfließen kann, als ihnen gleichzeitig zufließt, galt bis zu diesem Jahr noch als Ding der Unmöglichkeit. Doch die mangelhafte Umsetzung des vor zweieinhalb Jahren eingeführten Investmentprozesses für die Aktienfonds hatte solch verheerende Auswirkungen auf deren Wertentwicklung, daß ein Großteil dieser Anlageprodukte schlicht nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Dies öffnete in den Regionen offensichtlich Fremdanbietern die bisher verschlossenen Türen der Sparkassen-Organisation. In aktuellen Anzeigen der DWS findet sich schon der Hinweis, daß deren Fonds auch in "ausgewählten Sparkassen-Filialen" erhältlich seien. Zudem berichten die beiden größten ausländischen Fondsanbieter Franklin-Templeton und Fidelity von einem Neugeschäft jenseits der Milliarden-Euro-Schwelle in Deutschland. Zumindest Fidelity macht dabei kein Geheimnis daraus, daß die Sparkassen im Mittelpunkt ihrer Vertriebsbemühungen stehen.

Rentenfonds profitieren von der Risikoaversion der Anleger

Gewinner des Jahres sind ohne Zweifel Rentenfonds, die ein eindrucksvolles Comeback feierten. Mit deutlichem Abstand führen sie die vom Branchenverband BVI ermittelte Absatzstatistik der einzelnen Produktkategorien an. Nach den jüngsten zur Verfügung stehenden Zahlen per Ende November flossen ihnen 11 Milliarden Euro neu von Privatanlegern zu. Zurückzuführen ist diese Entwicklung vor allem auf den Zuspruch der Anleger in Total-Return- oder Absolute-Return-Produkte. Diese versprechen zwar einen stetigen Wertzuwachs, der sich um Vergleichsindizes als Erfolgsmaßstab wenig schert. In der Regel aber sind sie lediglich Rentenfonds unter einem anderen Etikett. Auf jeden Fall treffen sie jedoch den Geschmack der Anleger, die kaum noch Risiken eingehen wollen.

Daß die Aktienmärkte nach dem Tiefpunkt der dreijährigen Baisse im März 2003 einen stetigen Wertzuwachs verzeichnen, der sich in diesem Jahr zwar verlangsamt, aber nicht umgekehrt hat, wird von seiten der Privatanleger kaum wahrgenommen. Im Gegenteil hat sich 2004 der Absatz von Aktienfonds noch einmal gegenüber dem Vorjahr verschlechtert. Somit läuft derzeit alles darauf hinaus, daß zum ersten Mal seit 1986 Aktienfonds am Ende eines Kalenderjahres einen Nettomittelabfluß verzeichnen dürften, was sie zu den großen Verlierern dieses Jahres macht. Selbst die wenigen Absatzrenner sind nur ein weiterer Beleg, daß Privatanleger vor allem nach "Rendite mit Absicherung" verlangen. So kommen die beiden DWS-Fonds, deren Anlagestrategie sich an der Dividendenrendite orientiert, auf ein Neugeschäft von zusammen knapp anderthalb Milliarden Euro. In der Liste der absatzstärksten Aktienfonds sichert ihnen dies derzeit den ersten und den dritten Platz.

Immobilienfonds in der Vertrauenskrise

Die in den vorangegangenen drei Jahren überaus beliebten offenen Immobilienfonds fielen mit zuletzt 3,5 Milliarden Euro Nettomittelzuflüssen in der Absatzstatistik wieder deutlich hinter Rentenfonds zurück. In der zweiten Jahreshälfte waren die einstigen Favoriten der Anleger in eine tiefe Vertrauenskrise geraten. So fiel die Jahresrendite von durchschnittlich 5 Prozent zu Beginn des Absatzbooms vor vier Jahren auf inzwischen 2 Prozent zurück. Als ob dies nicht genug wäre, weckten auch noch Liquiditätsnöte des bei Anlegern in Ungnade gefallenen Deka-Immobilienfonds grundsätzliche Zweifel an der Stabilität des Anlagemodells. Nur ein Milliardenzuschuß der Muttergesellschaft Dekabank verhinderte das Debakel - daß ein offener Immobilienfonds keine Anteile mehr zurücknimmt und Anleger vorübergehend nicht mehr an ihr Geld herankommen. Immerhin hat die Branche nach dem Blick in diesen Abgrund gute Vorsätze gefaßt und Besserung gelobt. So sollen künftig Informationen an Anleger und Analysegesellschaften weitergegeben werden, die bislang unter Verschluß gehalten wurden.

Ein Trumpf der Branche hat in diesem Jahr nicht gestochen - die seit dem Frühjahr aufgelegten Hedge Fonds nach deutschem Recht werden kaum nachgefragt. Doch nun soll der zweite Trumpf der Fondsanlage in Deutschland endgültig den großen Durchbruch verschaffen: Die Besteuerung von Kapitalerträgen aus Lebensversicherungen ab dem kommenden Jahr läßt über Nacht einen entscheidenden Nachteil im Wettbewerb mit den Versicherern um das Geld der Altersvorsorgesparer verschwinden. In der Fondsbranche hält man es für realistisch, den Anteil der Haushalte, die Fondsanteile besitzen, von derzeit 25 auf 50 Prozent zu verdoppeln. Ein solch enormes Absatzpotential läßt die Schatten der Gegenwart rasch vergessen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.12.2004, Nr. 303 / Seite 19
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Jahrgang 1970, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Immobilienteil.

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