15.09.2003 · Die Fondsbranche versucht verstärkt, sich der Frau als Kundin zu nähern. Das Thema Geldanlage spielt für sie zumeist eine wichtigere und lebensnotwendigere Rolle als sie denken mögen.
Von Hanno BeckKeine Frage, wir leben in einer aufgeklärten und emanzipierten Gesellschaft - es gilt als konsensfähig, daß Frauen, um was es auch gehe, stets gleichberechtigt sein solle. Vorurteile gegenüber Frauen gelten als politisch unkorrekt. Auch die Fondsbranche hat ihren Sinn für die Gleichberechtigung entdeckt - in Seminaren und speziellen Veranstaltungen, aber auch über die Werbung in Frauenzeitschriften versucht die graue und traditionell eher männerdominierte Zunft nun verstärkt, sich der Frau als Kundin zu nähern.
Grundsätzlich keine so verkehrte Idee, denn bei aller Gleichberechtigung sollten Frauen sich darüber im klaren sein, daß das Thema Geldanlage für sie zumeist eine wichtigere und lebensnotwendigere Rolle spielt als für die meisten Männer. Der Grund liegt in der oftmals unterbrochenen Erwerbsbiographie und der längeren Lebenserwartung von Frauen: Statistisch gesehen, leben sie länger als Männer, weswegen ihr Polster für das Alter größer sein sollte als das eines Mannes. Doch zugleich sind es in der Regel die Frauen, die im Falle einer Familiengründung ihr Erwerbsleben unterbrechen und somit zumeist weniger Berufsjahre haben als ihre männlichen Kollegen - mit den entsprechenden Konsequenzen für ihre Altersversorgung.
Frauen haben im Alter oft kein ausreichendes Einkommen
Wer dem nun entgegenhält, daß es im Falle einer Erwerbsunterbrechung eigentlich die Aufgabe des Gatten oder Lebenspartners sei, dafür zu sorgen, daß in der Renten- und Sparbiographie der Partnerin keine Lücken entstehen, hat natürlich recht, doch oft spricht die Realität eine andere Sprache: Eine Studie, die im Auftrag des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) durchgeführt wurde, hat ergeben, daß rund dreiviertel der 30- bis 59jährigen Frauen in Deutschland im Alter kein ausreichendes Einkommen haben werden. Das DIA schätzt, daß bei Frauen, die alleine auf ihre gesetzliche Rente vertrauen, sich im Alter eine Versorgungslücke von durchschnittlich 500 Euro auftun wird. Die Ursachen für diesen Befund sind nach Einschätzung des DIA wohl eine Fehleinschätzung künftiger Versorgungsansprüche, zu geringes Interesse, schon jetzt für das Alter zu planen, und das Gefühl, mit der Flut der Angebote überfordert zu sein.
Was den letzteren Befund angeht, unterscheiden sich Frauen allerdings nicht so sehr von ihren Männern, warum also Frauen als spezielle Zielgruppe ansprechen? "Vor allem wenn es um einen ersten Einstieg in das Thema Investieren geht, sind Frauen gerne unter sich", sagt Christina Ullrich von Metzler Asset Management, wo man Kurse speziell für weibliche Kunden durchgeführt hat. Bei den ersten Schritten auf unsicherem Terrain möchten Frauen wohl lieber auf weltmännisch-klug-überhebliche Ratschläge und Blicke von Gottes männlichem Ebenbild verzichten. Bei den Fortgeschrittenen sieht es dann schon anders aus, meint sie: So hätten sich in den Kursen auch viele Frauen gefunden, die, was ihre Fachkenntnisse angeht, locker mit Männern mithalten konnten.
Frauen sind die besseren Anleger
So schlimm das für die Krone der Schöpfung klingen mag - glaubt man einschlägigen Studien, so dürften Frauen wohl sogar die besseren Anleger sein. Sie investieren - glaubt man der Empirie - zwar wesentlich defensiver, also eher in Anleihen und Standardwerte, doch zugleich verzichten sie auf ein häufigeres Umschichten ihres Portfolios und reduzieren damit ihre Transaktionskosten. Amerikanische Studien belegen einen Renditevorsprung der Frauen von rund 2,3 Prozentpunkten, eine Untersuchung der Direktanlagebank sieht Frauendepots sogar um fünf Prozentpunkte rentierlicher als die Portfolios der Männerwelt. "Bei Frauen stehen das Vorsorgemotiv und die Sorge um die Familie im Vordergrund - wir beobachten, daß ihre Portfolios deutlich defensiver ausgerichtet sind als die Portfolios von Männern", sagt auch Andrea Erlach von der Marktforschung der Fondsgesellschaft Union Investment.
Im Grunde genommen ist es müßig zu fragen, ob Frauen oder Männer die besseren Anleger sind - diese Spekulationen kann man Stammtischen überlassen oder der vielfältigen, nicht immer sonderlich gelungenen Frauenfinanzliteratur. Die eigentlich wichtige Frage für die Branche ist, was sie dem weiblichen Kunden bieten kann. "Frauen mögen, was die Informationspolitik angeht, eine eigenständige Zielgruppe sein, doch spezielle Frauenprodukte braucht man nicht", sagt Heinrich Durstewitz vom Deutschen Investment Trust, der Investmentgesellschaft der Allianz, und steht mit dieser Meinung beileibe nicht alleine da. So sucht die Branche auch nicht nach speziellen Frauenprodukten, sondern preist den alteingesessenen Fondssparplan als das ideale Vorsorgeschema für Frauen: Die regelmäßigen Zahlungen können bei Bedarf ausgesetzt werden oder in ihrer Höhe verändert werden, und so die Kurse nicht zu tief gefallen sind, ist auch ein Ausstieg aus dem kompletten Sparprogramm jederzeit möglich. Zudem läßt sich auch unter den Sparplanangeboten der Branche ein Produkt für jeden Risikoappetit finden.
Spezielle Produkte für Frauen unnötig
Ein spezielles Fondsprodukt für Frauen, so glaubt man in der Branche, ist unnötig und macht keinen Sinn - aber natürlich gibt es ein solches Produkt. Die Fondsgesellschaft VMR ist bereits vor Jahren auf den Frauentrichter gekommen und bietet mit ihrem "Woman's World" ein Produkt an, das auf Unternehmen setzt, "deren Produkte oder Dienstleistungen Frauen bekannt sind oder die von Frauen geschätzt werden". Ein Blick ins Portfolio dieses Fonds fördert zutage, daß Frauen der Fondsmanagerin zufolge auf Boss, Dior, Escada oder Charles Voegele setzen und offenbar am liebsten mit Siemens telefonieren. Ein Schelm, wer dabei an Vorurteile denkt.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |