26.06.2007 · Eine Regel unter Pokerspielern besagt, dass man spätestens nach 20 Minuten wissen sollte, wer in der Runde der Dumme ist. Am „Steuerpokertisch“ ist der durchschnittliche Sparere der Dumme.
Von Hanno BeckEine Regel unter Pokerspielern besagt, dass man spätestens nach 20 Minuten wissen sollte, wer in der Runde der Dumme ist. Weiß man es bis dahin nicht, ist man selbst derjenige, der ausgenommen wird. Im großen Steuererhöhungspoker, den die große Koalition spielt, werden vermutlich viele Bürger erst in 20 oder 30 Jahren merken, dass sie die Dummen sind - nämlich dann, wenn sie ihr erspartes Vermögen im Ruhestand zu Geld machen wollen und dann via Abgeltungssteuer zur Ader gelassen werden.
Jahrelang predigte die Finanzbranche, dass man durch Geduld und Ausdauer mit kleinen Beträgen ein großes Vermögen ansparen kann, und hat damit offenbar mehr steuerhungrige Politiker als sparwillige Bürger angelockt.
Ersparnisse im Vorfeld der Abgeltungssteuer in Sicherheit bringen
Doch manche Anleger erinnern sich an obige Pokerregel und versuchen im Vorfeld der Abgeltungssteuer, ihre Ersparnisse in Sicherheit zu bringen. Das sorgt in Berlin für Unruhe. Zunächst spuckte der Gesetzgeber der Zertifikatebranche in die Suppe: Nachdem man dort laut darüber nachgedacht hatte, vermögensverwaltende Zertifikate aufzulegen, die - bei Kauf vor dem 1. Januar 2009 - eine dauerhaft steuerfreie Anlage gewesen wären, schob der Staat dieser Idee einen Riegel vor.
Nun stellen Anleger Gedankenspiele an, wie man wenigstens eine Runde im Poker um die Altersvorsorge gewinnen kann. Anders als bei Zertifikaten können Fonds keine dauerhaft steuerfreie Anlage schaffen, indem sie Zinsen und Dividenden in Kursgewinne umwandeln. Die einzige Möglichkeit, via Fonds zumindest etwas Geld vor der Abgeltungssteuer auf Kursgewinne in Sicherheit zu bringen, besteht darin, noch vor dem Steuertermin Geld in eine Anlage zu packen und dann dort bis zum Ruhestand liegen zu lassen. Dann entgeht man wenigstens mit diesem Teil des Vermögens der Abgeltungssteuer auf Kursgewinne - wenn auch nicht den Steuern auf Zinsen und Dividenden.
Es ist also kein Steuerschlupfloch, sondern der Versuch, eine Übergangsregelung zu nutzen, bevor der Fiskus von 2009 an zugreift. Den Versicherern ist dieses Kunststück gut gelungen und bekommen: Vor der Abschaffung der Steuervorteile für Versicherungen gab es eine Bonanza, für die der Vertrieb noch heute der Politik dankt. Wer damals rechtzeitig eine Police unterzeichnete, zahlt seine Beiträge heute noch steuerbegünstigt. Den Besitzern von Fondssparplänen bleibt dieses Privileg versagt: Sie müssen alle Sparraten, die sie nach dem 1. Januar 2009 einzahlen, versteuern - eine ökonomische Begründung für diese Ungleichbehandlung von Fonds und Lebensversicherungen gibt es wie meistens in der Steuerpolitik nicht.
Der durchschnittliche Sparer ist am „Steuerpokertisch“ der Dumme
Also bleibt nur ein Ausweg: Man nimmt all sein Geld und seinen Mut und packt ersteres in ein Produkt, wo es dann als Altersvorsorge bleibt. "Das hätte zur Folge, dass Anleger ihre Aktienfonds langfristiger halten - wie wir es empfehlen", sagt Wolfgang Mansfeld, Präsident des Branchenverbandes BVI. Investmenttheoretisch ist das allerdings ein Problem: Welchen Fonds wählt man, in dem man sein Geld 20 oder 30 Jahre parken kann, ohne dass man zwischendrin korrigierend eingreifen muss? Hier gilt: Je flexibler der Fonds, um so besser, weil der Fondsmanager Umschichtungen im Fonds vornehmen kann, ohne Steuer auf Kursgewinne zu zahlen - Privatanleger, die das machen, müssen zahlen.
Standardprodukte kommen für diese Strategie um so eher in Frage, je größer ihr Universum und je flexibler ihre Anlagestrategie ist, denn um so eher kann sich der Fonds an wandelnde Investmentwelten anpassen, die bei einem Sparprozess von 20 oder 30 Jahren nicht ausbleiben. Dachfonds werden aufgrund ihrer Flexibilität vor dem Steuertermin viele neue Freunde finden, ebenso wie Laufzeitfonds, die sich mit fortschreitender Zeit den geänderten Bedürfnissen des Anlegers im Alter anpassen - beides geeignete Produkte für die lange Frist. Wichtig ist aber die Wahl der Gesellschaft: Wird es sie noch in 30 Jahren geben, wenn man sein Investment auflösen will? Vermutlich werden die Gewinner des großen Schlussverkaufs vor der Abgeltungssteuer die großen bekannten Gesellschaften sein - ihnen traut man dieses Überleben zu.
Doch wie auch in der Versicherungsbranche wird 2009 Tristesse einkehren, und diejenigen, die bis dahin nichts beiseite legen wollten oder - schlimmer - konnten, werden merken, wer am Steuerpokertisch der Dumme ist: Es ist nicht die Finanzbranche, die an jeder Steuereskapade verdient, es ist - wie so oft - der durchschnittliche Sparer.
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- 26.06.2007, 13:27 Uhr
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Marcus Raykowski (huder)
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Marc Heirbaut (marcheirbaut)
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richard lausser (superlooser)
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