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Fondsmarkt China-Fonds bieten nicht nur Chancen

07.10.2003 ·  Immer mehr Fonds investieren im „sozialistischen China. Eigentlich ein Anachronismus. Kursfristig können sie allerdings Erfolge vorweisen. Gewisse Risiken lassen sich jedoch nicht verleugnen.

Von Hanno Beck
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In der Operette "Land des Lächelns" von Franz Lehár erliegt die Wienerin Lisa dem fremdländischen Charme des chinesischen Prinzen Sou-Chong und folgt diesem in seine Heimat. So wie es der Grafen-Tochter in der Operette ergeht, scheint es derzeit auch vielen Fondsgesellschaften und Anlegern zu ergehen: Sie entdecken das Land des Lächelns für ihre Portfolio-Strategie, die Zahl der Produkte zu diesem Thema steigt.

Die Argumente für ein Investment in China sind stark: Das Land sei mit einem jährlichen Wachstum von durchschnittlich 8 Prozent derzeit eine der dynamischsten Volkswirtschaften der Welt, die auch in den kommenden fünf Jahren dieses hohe Wachstumstempo beibehalten werde, und das massive Wirtschaftswachstum sowie eine Bevölkerung von mehr als einer Milliarde Menschen garantieren auch in den kommenden Jahren eine hohe Dynamik des Wachstums und eine starke Nachfrage.

"Sozialismus mit chinesischem Charakter"

Doch auf den zweiten Blick mag es da dem ein oder anderen Anleger mulmig werden: Wie kann man denn kapitalistisch in eine sozialistische Volkswirtschaft investieren? Möglich wird dies durch die zunehmende ideologische Flexibilität der chinesischen Regierung, die ihre derzeitige Politik als "Sozialismus mit chinesischem Charakter" umschreibt. "Wenn es wie Kapitalismus aussieht und wie Kapitalismus klingt, dann ist es möglicherweise auch Kapitalismus", sagt Julian Mayo, Investment Director bei der Fondsgesellschaft Charlemagne Capital, die in dieser Woche mit einem China-Fonds in Deutschland startet. "Viele Chinesen sehen sich nicht mehr als Sozialisten - Sozialismus mag noch als Doktrin existieren, aber zunehmend nicht mehr in den Gesetzen", sagt auch Zachary Karabell, Vizepräsident der amerikanischen Fondsgesellschaft Fred Alger Management, die Ende des Jahres mit ihrem China-Fonds auch auf dem deutschen Markt starten will.

Doch selbst wenn die ideologischen Hürden beseitigt sind, so gibt es doch nicht praktische Hürden: Wie investiert man in eine Gesellschaft, die zumindest noch vorgibt, nicht kapitalistisch zu sein? Hierzu hat die chinesische Regierung mittlerweile drei verschiedene Marktsegmente geschaffen: die A-, B- und H-Aktien. A-Aktien sind vornehmlich chinesischen Anlegern vorbehalten, B-Aktien, die wie die A-Aktien nur an chinesischen Börsen gehandelt werden, können von ausländischen Investoren erworben werden, und H-Aktien sind Aktien chinesischer Unternehmen, die an der Börse Hongkong gehandelt werden. Die Fondsgesellschaften investieren überwiegend in H-Aktien: "A-Aktien sind aufgrund des großen Andranges chinesischer Anleger völlig überteuert, B-Aktien werden von ausländischen Investoren nicht gut angenommen, H-Aktien sind am attraktivsten", sagt Thomas Gerhardt von der Fondsgesellschaft DWS. Für H-Aktien spreche, daß sie die hohen Standards der Börse Hongkong erfüllen müßten, beispielsweise in Sachen Publizität und Transparenz. Zudem seien H-Aktien im Vergleich der drei Segmente am günstigsten bewertet.

Neben Chancen gibt es auch Risiken

Doch neben den Chancen gibt es auch einige Risiken für ein China-Engagement, beispielsweise das marode Bankensystem des Landes. "Man wird zwei oder drei Banken sanieren und ihnen die schlechten Kredite aus der Bilanz nehmen", glaubt Gerhardt. Risiko Nummer zwei könnte die Armut des Landes, die hohe Ungleichheit in der Einkommens- und Vermögensverteilung sowie die drohende Arbeitslosigkeit von Arbeitern aus staatlichen Unternehmen sein. Doch auch hier geben sich die Experten gelassen: "Natürlich ist die Ungleichheit in China immer noch groß, und nicht jeder profitiert von dem enormen Wachstum. Doch solange die Wirtschaft wächst und jeder Chinese, der aus Regierungsunternehmen entlassen wird, rasch eine neue Stelle findet, dürfte sich dieses Problem nicht dramatisch auswachsen", sagt Mayo. Auch müsse man nicht damit rechnen, daß die Regierung eines Tages das Rad der Geschichte wieder zurückdrehen wird: "Die Regierung sieht, daß es die beste Strategie ist, über Wachstum den Lebensstandard zu erhöhen - ökonomische Freiheit ist den Menschen wichtiger als politische Freiheit", sagt Karabell. Auch eine Aufwertung des Yuan sollte die Erfolgsgeschichte nicht stoppen: "Eine Aufwertung des Yuan würde zwar die Kosten in China etwas nach oben treiben, aber der Kostenvorteil der Chinesen ist derartig groß, daß dies kaum ins Gewicht fallen würde", glaubt Karabell.

Immerhin - die bisher auf dem Markt zu findenden China-Fonds, die sich vor allem darin unterscheiden, wie stark sie neben China auch im Rest Asiens investieren, können sich sehen lassen: Auf Jahresfrist haben die meisten Fonds zwischen 20 und fast 40 Prozent eingefahren, auf 5 Jahre waren es zwischen 15 und 20 Prozent; wer allerdings vor drei Jahren auf ein Engagement im Land des Lächelns gesetzt hat, verbucht derzeit ein Minus zwischen 3 bis 5 Prozent. Doch diese Zahlen sollten nicht darüber hinwegtäuschen, daß ein Engagement in China auch mit Risiken verbunden ist. Rasch könnte es den Anlegern wie der Heldin in Lehárs Operette ergehen, die in China immer eine Fremde bleibt und schließlich dem Land und ihrem Mann wieder den Rücken kehrt. Zurück bleibt der chinesische Prinz, dessen Haltung man auch zu einem Motto für enttäuschte Anleger machen könnte: Immer nur lächelnd und immer vergnügt, lächelnd trotz Weh und tausend Schmerzen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.2003, Nr. 232 / Seite 25
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