07.03.2008 · Auf den internationalen Finanzmärkten greift die Angst vor einer durch Zusammenbrüche von Hedge-Fonds ausgelösten systemischen Krise um sich. Den Banken drohen weitere Milliardenabschreibungen.
Auf den internationalen Finanzmärkten greift die Angst vor einer durch Zusammenbrüche von Hedge-Fonds ausgelösten systemischen Krise um sich. Die Wahrscheinlichkeit sei groß, dass die Banken im großen Stil von Hedge-Fonds höhere Sicherheiten verlangen werden, sagt Jochen Felsenheimer, Leiter Kreditstrategie der Großbank Unicredit. Dies könnte viele der häufig extrem hoch verschuldeten Anlagegesellschaften in eine Krise stürzen. „Diese Gefahr bewegt die Märkte derzeit - es ist eine systemische Gefahr."
Die Sorgen, welche in den vergangenen Tagen die Aktienmärkte belasteten und die Risikoprämien für diverse Klassen von Kreditprodukten auf Rekordhochs trieben, wurden angeheizt durch die Schieflage einer Tochtergesellschaft des amerikanischen Finanzinvestors Carlyle. Die Aktie der in Amsterdam börsennotierten Carlyle Capital Corporation (CCC) wurde am Freitag vom Handel ausgesetzt. Zuvor hatte die Gesellschaft mitgeteilt, ihre Liquidität sei ernsthaft in Gefahr, weil sie von ihren Banken weitere "Margin Calls" - sprich: die Aufforderung, Wertpapiere als Sicherheit zu hinterlegen - erhalten habe.
„Wir sind mitten in der schlimmsten Bankenkrise seit 1929“
Schon am Donnerstag hatte sich der Aktienkurs von CCC halbiert. Die Gesellschaft investiert in die von Ratingagenturen mit Bestnoten bedachten, bislang als hochqualitativ geltenden „Agency Bonds". Das sind Anleihen, die von den staatlich unterstützten amerikanischen Hypothekenanbietern Fannie Mae und Freddie Mac begeben werden. Doch die Finanzkrise hat die Risikoprämien dieser vermeintlich sicheren Papiere nun auf den höchsten Wert seit mehr als 20 Jahren schießen lassen. „Wir sind mitten in der schlimmsten Bankenkrise seit 1929. Der Preisverfall greift auf immer mehr Marktsegmente über", sagt Felsenheimer.
Der Preisverfall trifft Carlyle Capital mit voller Wucht, weil die Gesellschaft mit einem extremen Schuldenhebel arbeitet. CCC hat mit 670 Millionen Euro Eigenkapital 21,7 Milliarden Dollar in "Agency Bonds" investiert. Die Kreditgeber erlaubten diesen 32-fachen Schuldenhebel, weil die Hypothekenanleihen von Fannie Mae und Freddie Mac als nahezu ausfallsicher galten. Doch die Krise auf dem amerikanischen Hypothekenmarkt hat den beiden Anbietern zuletzt Milliardenverluste beschert und das Vertrauen in deren Stabilität unterminiert. Zu den Gläubigern von CCC zählten noch Ende des Jahres 2007 neben amerikanischen Häusern die Deutsche Bank, Credit Suisse, ING und UBS. Die Deutsche Bank war mit einem durch Wertpapiere besicherten "Repo-Darlehen" von 1,74 Milliarden Dollar engagiert. Ein Deutsche-Bank-Sprecher wollte sich dazu nicht äußern.
Nach Ansicht von Fachleuten droht nun zahlreichen Hedge-Fonds ein ähnliches Schicksal wie der Tochtergesellschaft des Beteiligungsriesen Carlyle. Die Banken hätten lange mit "Margin Calls" gezögert, sagt Felsenheimer. Deshalb seien die Hedge-Fonds im vergangenen Jahr als vermeintliche Gewinner der Finanzmarktkrise überschätzt worden. "Aber wenn der Preisverfall so stark ist wie jetzt, können die Banken nicht mehr abwarten." Der Markt rechne mit weiteren Notverkäufen durch Hedge-Fonds, sagt auch Willem Sels, Leiter Kreditstrategie von Dresdner Kleinwort in London.
„Prime Brokerage“ - die guten Zeiten sind vorbei
Betroffen sind vor allem Fonds, die in festverzinsliche Produkte aller Art investiert haben. Der Kreditmarkt ist eines der größten Betätigungsfelder von Hedge-Fonds. Aktuelle Zahlen über das inklusive Schulden angelegte Volumen gibt es kaum; Roger Merritt von der Ratingagentur Fitch schätzte vor einiger Zeit, dass auf Kredite spezialisierte Hedge-Fonds im Jahr 2005 1,5 bis 1,8 Billionen Dollar auf den Kreditmärkten angelegt hatten. Diese Zahl dürfte bis zum Beginn der Finanzkrise im Juli vergangenen Jahres noch einmal kräftig gestiegen sein.
Die stark im Geschäft mit Hedge-Fonds aktiven Banken sind in einem Dilemma: Lösen sie „Margin Calls" aus - wozu sie ab einem bestimmten Preisverfall gezwungen sind -, müssen sie die von dem jeweiligen Hedge-Fonds als Sicherheit erhaltenen Wertpapiere in die Bücher nehmen. Da die Preise nahezu sämtlicher Kreditprodukte eingebrochen sind, müssten die Banken auf diese Papiere hohe Wertberichtigungen vornehmen.
Ähnliches ist 14 großen Banken bereits im Falle des britischen Hedge-Fonds Peloton Partners widerfahren. Vor einigen Wochen geriet der Fonds in Schieflage, so dass die beteiligten Banken nun auf Hypothekenanleihen im Wert von bis zu 17 Milliarden Dollar sitzenbleiben könnten. Das Geschäft mit Dienstleistungen und Krediten für Hedge-Fonds ("Prime Brokerage") war lange Zeit äußerst einträglich für große Investmentbanken wie die Deutsche Bank, Morgan Stanley oder Goldman Sachs. Diese Zeiten scheinen nun vorbei zu sein.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |