24.09.2008 · Der Markt für Unternehmensübernahmen bricht ein: Die Liquiditätsprobleme der Banken zwingen Private-Equity-Gesellschaften in Warteposition. Die Industrie aber nutzt die niedrigen Bewertungen der Konkurrenz und kauft weiter fleißig Wettbewerber auf.
Von Bettina Schulz, LondonDie Finanzmarktkrise hat zu gravierenden Veränderungen am Markt für Unternehmensübernahmen geführt. Im Gegensatz zu der Zeit vor den Liquiditätsschwierigkeiten der Banken sind am Markt deutlich weniger oder zumindest sehr viel kleinere Übernahmen von Private-Equity-Gesellschaften zu verzeichnen.
Die Industrie hingegen nutzt die niedrigen Bewertungen der Konkurrenz, Wettbewerber günstig einzukaufen. Dabei kommt es wegen der niedrigen Übernahmeofferten auch häufiger zu feindlichen Übernahmen als noch vor einem Jahr.
Die Finanzmarktkrise hat allerdings auch eine Konsolidierung im Bankwesen mit nationalen und grenzüberschreitenden Transaktionen ausgelöst, die im vergangenen Jahr noch als spektakuläre Sonderereignisse gefeiert worden wären.
Marktteilnehmer warten ab
Nach Zahlen des dritten Quartals von Thomson Reuters sind die Übernahmen in diesem Jahr in Europa bisher dem Volumen nach um 35 Prozent gegenüber dem Vorjahr eingebrochen. In Deutschland wurden bisher nur Unternehmen oder Banken zu einem Übernahmevolumen von 85,2 Milliarden Dollar aufgekauft. Im Vorjahreszeitraum waren es noch 149,6 Milliarden Dollar.
In Großbritannien ist der Übernahmemarkt von 577,2 Milliarden Dollar in den ersten drei Quartalen 2007 auf nur noch 176 Milliarden Dollar geschrumpft. Dies zeigt, wie sehr die Marktturbulenzen Marktteilnehmer abwarten lassen, wie vorsichtig Unternehmen ihre Übernahmeaktivität planen und wie selektiv Banken Transaktionen finanzieren.
Private-Equity-Gesellschaften bleiben auf Investitionskapital sitzen
Dem Markt fehlen die massiven Übernahmen der Beteiligungsgesellschaften. Die niedrigen Bewertungen von Unternehmen wären für Private-Equity-Gesellschaften zwar eine gute Zeit, ihre Portfolios durch Zukäufe auszuweiten. Noch aber können sie von den Banken nicht die Kredite erhalten, die ihnen die gewünschte Fremdfinanzierung für Transaktionen sicherstellen würde. So sitzt die amerikanische Private-Equity-Gesellschaft Kohlberg Kravis Roberts (KKR) derzeit auf ungenutztem Kapital und Fondsgeldern in Höhe von mehr als 30 Milliarden Dollar, umgerechnet 20,3 Milliarden Euro, die derzeit nicht investiert werden können.
Das Volumen der von Banken an Private-Equity-Gesellschaften ausgegebenen Übernahmekredite ist in diesem Jahr nach Angaben von Thomson Reuters gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 83 Prozent geschrumpft. In Europa ist das Volumen der Übernahmetransaktionen durch Private-Equity-Gesellschaften daher in den ersten drei Quartalen um 61 Prozent auf 70 Milliarden Dollar eingebrochen.
Deutlich weniger Börseneinführungen
Wenn es Übernahmen gibt, dann sind es strategische Transaktionen wie zum Beispiel der Kauf von Ciba durch die BASF, von Union Fenosa durch Gas Natural SDG oder von Endesa durch Eon. Zuletzt machte sich die Welle der Bankübernahmen in den Daten bemerkbar, so der Kauf von HBOS durch Lloyds TSB oder der Dresdner Bank durch die Commerzbank.
Die Finanzmarktkrise und die schweren Turbulenzen an den Börsen wirken sich auf die Kapitalmarkttransaktionen, Börseneinführungen und Kapitalerhöhungen aus: in den ersten drei Monaten dieses Jahres ist das Volumen von Börseneinführungen an europäischen Börsen von 109 Milliarden Dollar im Vorjahr auf nur noch 14 Milliarden Dollar eingebrochen.
Europäische Unternehmen geizen mit Anleihen
Anders verläuft das Geschäft bei Kapitalerhöhungen: Der Druck der Banken, ihre Verluste aufzufangen oder Übernahmen zu finanzieren, hat in diesem Jahr zu einem Rekord von Kapitalerhöhungen an den europäischen Börsen von 73,3 Milliarden Dollar geführt. Darin sind die Großtransaktionen der Royal Bank of Scotland, der UBS und der Société Générale enthalten.
Am Markt für Unternehmensanleihen wurden bisher von europäischen Unternehmen nur 283 Anleihen emittiert, der niedrigste Stand seit zehn Jahren. Hochrentierliche Anleihen werden kaum noch begeben, und selbst die Emissionen von Unternehmen höchster Bonität gaben im dritten Quartal deutlich nach, hatten aber im zweiten Quartal noch einen Rekord erreicht.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |