Die Finanzmärkte in Amerika dürften eine ähnliche Entwicklung zeigen wie die Märkte in Japan Anfang der 90er Jahre, mit negativen Realzinsen und geringen Renditeabständen zwischen kurz- und langfristigen Anleihen. Zu diesem Schluß kommen Volkswirte von Goldman Sachs in einer Analyse.
"An den amerikanischen Märkten ist offenbar erneut die Wahrscheinlichkeit einer Entwicklung wie in Japan gestiegen", schrieb Andrew M. Bevan, Leiter internationale Anleiheanalyse bei Goldman in London, in seinem Bericht. Bei niedriger Inflation, wenn erwartet wird, daß die Zentralbank eine expansive Geldpolitik betreibt, "wird die Haltung der Fiskalpolitik ignoriert und langfristige Zinsen tendieren niedriger", führt er aus.
Reale Zinsen unter dem langjährigen Durchschnitt
Japan hat seit 1991 drei Rezessionen erlebt. Am 16. September erklärte Toshihiko Fukui, der Gouverneur der Bank of Japan, die Zentralbank werde die Zinsen weiterhin nahe Null halten, um die Wirtschaft anzukurbeln. Bevan sieht die inflationsbereinigten oder realen Zinsen in Amerika derzeit deutlich unter" dem Durchschnitt der letzten 20 Jahre. Die Graphik zeigt die generischen Zinssätze für dreimonatige amerikanische Treasuries minus den Verbraucherpreisindex auf Jahresbasis.
Die Graphik zeigt eine durchschnittliche reale Rendite von 1,93 Prozent von 1984 bis 2004 (waagrechte Linie) und die nach unten geneigte Regressionsgerade. Negative Realzinsen sind mit Konjunkturflauten verbunden. Zu beachten sind die leicht negativen Sätze Anfang der 90er Jahre und das länger anhaltende und tiefere Absinken seit Anfang des Jahres 2001.
Angesichts der Rally in den vergangenen drei Monaten "argumentieren wir, daß eine optimistische Einstellung bei Anleihen nur gerechtfertigt werden kann, wenn man glaubt, daß das Wirtschaftswachstum in Amerika merklich unter das Potential abfällt", argumentiert Bevan. "Wir sind weiter der Auffassung, daß die Rally übertrieben ist und betrachten Anleihen moderat pessimistisch."
Ausverkauf bei Anleihen denkbar - momentan kein Auslöser erkennbar
Belege dafür, daß die amerikanische Wirtschaft eine Wachstumsdelle hinter sich läßt oder daß die Federal Reserve Bank nichts gegen die Inflation tut, dürften einen Ausverkauf bei Anleihen auslösen, obwohl ein wahrscheinlicher Auslöser in der unmittelbaren Zukunft schwer zu erkennen ist, erläutert Bevan. Seiner Auffassung nach muß der Leitzinssatz in Amerika auf einen "Normalwert" von 3,5 bis vier Prozent ansteigen, um bei den kurzfristigen Realzinsen eine Rückkehr zum 20-Jahres-Durchschnitt von knapp zwei Prozent zu signalisieren.
Am Dienstag hat der Offenmarktausschuß der Fed den Tagesgeldsatz für Banken um einen Viertelprozentpunkt auf 1,75 Prozent angehoben. Auf jeder seiner letzten drei Sitzungen hat der Ausschuß die amerikanischen Leitzinsen angehoben, nachdem sie zuvor ein Jahr lang bei einem Prozent lagen.
Die Kurse zweijähriger amerikanischer Staatsanleihen fielen, nachdem die Fed die Zinsen erhöht und weitere Anhebungen in "maßvollen" Schritten angekündigt hatte. Bei langfristigen Anleihen gab es dagegen Kursgewinne, weil die Bank andeutete, daß die Inflation unter Kontrolle sei. Die im August 2006 fällige amerikanische Anleihe mit einem Kupon von 2,375 Prozent fiel 63 Cent je 1000 Dollar Nominalwert auf 99,8125 Cent je Dollar Nominalwert, zeigen Daten des Brokers Cantor Fitzgerald LP. Die Rendite stieg vier Basispunkte auf 2,47 Prozent. Das mit 4,25 Prozent verzinste Papier mit Fälligkeit 2014 verteuerte sich 0,1875 auf 101,75 Cent je Dollar Nominalwert, die Rendite gab zwei Basispunkte nach auf 4,03 Prozent.