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Finanzmärkte Dilemma für Anleger: Kampf oder Flucht?

24.01.2008 ·  Trotz der deutlichen Zinssenkungen der amerikanischen Zentralbank zur Stützung des Vertrauens ziehen Anleger ihre Gelder aus dem Markt ab, während einige Experten das eine oder andere Nugget im Schlamm sehen.

Von Ben Steverman
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Die Notzinssenkung der amerikanischen Notenbank am 22. Januar kommt zu einer Zeit, in der sich Anleger panikartig aus Aktien zurückziehen und damit ihr zerrüttetes Vertrauen sowohl in die Wirtschaft als auch in den Markt zum Ausdruck bringen.

Nach Angaben des Fondsanalysehauses Morningstar zogen Anleger im vergangenen Monat 27 Milliarden Dollar aus Aktienfonds ab, was dem größten Mittelabfluss seit Juli 2002 entspricht. Bis Mitte Januar wurden nach Statistiken von TrimTabs Investment Research weitere 36 Milliarden Dollar aus Aktienfonds zurückgezogen.

Die Argumente einiger Fondsmanager, dass Aktien mittlerweile zu äußerst attraktiven Kursen zu haben sind, prallt auf die Skepsis der Kleinanleger, was selbst die Aktien der größten Unternehmen zu spüren bekommen. Papiere, die im vergangenen Jahr gewaltige Zuwächse verbuchten, etwa die Anlegerlieblinge Google, Monsanto und First Solar, litten darunter, dass Anleger Gewinne mitnahmen, solange das noch möglich war.

Zu viele Verkäufer treffen auf zu wenige Käufer

„Im Moment gibt es am Markt durchweg mehr Verkäufer als Käufer“, sagt Bob Bacarella, Portfoliomanager des Monetta Fund.
Seit Jahresbeginn hat der S&P-500 beinahe elf Prozent eingebüßt, während der Dow Jones Industrial Average knapp zehn Prozent an Wert verlor. Die Talfahrt der Aktien hat sich unlängst beschleunigt, Kleinanleger ziehen ihre Gelder jedoch bereits seit Monaten aus dem Markt zurück. Nach Schätzungen von TrimTabs wurden seit Mai 2006 Mittel im Volumen von 106 Milliarden Dollar aus amerikanischen Aktienfonds abgezogen, ein Wert, der seit 2002 nicht mehr erreicht wurde, als Anleger innerhalb der ersten neun Monate Gelder in Höhe von insgesamt 102 Milliarden Dollar aus diesen Fonds zurückzogen.

Bei drohender Rezessionsgefahr schichten Anleger häufig in defensive Sektoren wie Verbrauchsgüter um. Sie setzen auf Unternehmen wie Coca-Cola, deren Produkte sich vermutlich in jedem konjunkturellen Umfeld verkaufen lassen. Im bisherigen Jahresverlauf haben diese Unternehmen den Markt zwar geschlagen, doch auch sie haben unter mangelndem Interesse der Käufer zu leiden und an Marktwert verloren. „Die meisten Investoren sitzen am Rand des Spielfelds und beobachten das Geschehen“, sagt Bacarella. „Es trifft alle und jeden“.

Die Angst vor dem Griff ins fallende Messer

Fondsmanager versuchen derweil, die flatternden Nerven ihrer Anleger zu beruhigen. Matthew Kaufler, Manager des Touchstone Value Opportunities Fund, erklärt seinen Kunden, dass es nun zu spät sei, um der Korrektur zu entkommen. „Wenn die Rezession die Schlinge zuzieht, kommen Aktienverkäufe zur Unzeit“, so Kaufler. Die richtige Zeit hierfür wäre der Oktober gewesen, als die Aktienmärkte ihren Höhepunkt erreicht hatten.

Derzeit raten nur wenige zu aggressiven Käufen. Die Angst vor dem Griff ins fallende Messer ist zu groß. Der Aktienmarkt bietet gegenwärtig zwar günstige Kaufgelegenheiten, doch nach einem weiteren Marktrückgang um zehn bis fünfzehn Prozent wären diese Gelegenheiten noch günstiger, also wartet man ab.

Die am 22. Januar von der Fed im Gefolge weltweiter Kursstürze an den Aktienmärkten vorgenommene Notzinssenkung verstärkte die vorherrschenden Rezessionsängste. Nach Meinung von Sam Stewart, Vorsitzender des Fondsverwalters Wasatch Advisors, zeichnen die Konjunkturdaten jedoch ein gemischtes Bild. Viele Volkswirte gehen zwar von einer möglichen Abschwächung der amerikanischen Wirtschaft aus, sehen den Eintritt in eine tiefe Rezession jedoch nur als Wahrscheinlichkeit.

Steht das Schlimmste noch bevor?

Es stellt sich nach wie vor die Frage, in welchem Ausmaß die Probleme des Finanzsystems „auf die Realwirtschaft übergreifen“, so Stewart. Die Äußerungen der amerikanischen Notenbank am 22. Januar trugen indes kaum zur Erleichterung bei. Die Zinssenkung der Fed um 75 Basispunkte erfolgte „angesichts schwächerer Konjunkturaussichten und zunehmender Abwärtsrisiken für das Wachstum“. Beunruhigend auch die Aussage der Fed, dass „die eingehenden Daten auf eine Vertiefung der Korrektur auf dem Häusermarkt sowie auf eine gewisse Abschwächung des Arbeitsmarktes hindeuten“.

Viele Manager tätigen nach eigenen Aussagen derzeit zwar keine aggressiven Käufe, sie hielten jedoch Ausschau nach Aktien mit Potential in der Hoffnung, sie ergattern zu können, bevor der Markt eine Trendumkehr einläutet, wann auch immer dies der Fall sein wird.
Kaufler favorisiert Time Warner und IAC/InteractiveCorp. Don Hodges, Co-Verwalter eines 750 Millionen Dollar schweren Fonds bei Hodges Capital Management, sieht große Chancen für Aktien, die in jüngster Zeit stark unter die Räder kamen. Er verweist auf „großartige Unternehmen“ wie Home Depot, Schlumberger und DryShips, die sich bislang um mindestens 30 Prozent verbilligten.

Auf der Suche nach Nuggets im Schlamm

Erick Maronak, leitender Aktienstratege bei Victory Capital Management, sieht beispielsweise in der CME Group eine gute Kaufgelegenheit. Nach seiner Ansicht gehören Börsenbetreiber wie CME zu jenem Teil des Finanzsektors, der von den ernsten Kreditproblemen des Sektors abgekoppelt ist. „Es tut weh, wenn man mitten drin ist“, sagt Scott Armiger, Portfoliomanager bei Christiana Bank & Trust, „doch es bieten sich auch Chancen“.

Einige wetten gegenintuitiv. Aktien von Unternehmen des Sektors dauerhafte Konsumgüter, etwa Einzelhändler, litten bislang unter Rezessionsängsten und einer schwachen Vorweihnachtssaison. Kaufler lässt sich nicht beirren und „durchsiebt den Schlamm nach Nuggets“. Er sucht nach soliden Unternehmen, die auf der Gewinnerseite stehen könnten, sobald der amerikanische Verbraucher wieder zu alter Spendierlaune zurückfindet, was nach Kauflers Einschätzung in weniger als einem Jahr der Fall sein könnte.
Unterstützung durch Schwellenländer

Bacarella hält derweil Ausschau nach „besseren Namen“ wie Google und First Solar - Unternehmen mit kräftigem Gewinnwachstum und soliden Finanzdaten, von denen einige im vergangenen Jahr phänomenale Erträge erwirtschafteten. „Diese Unternehmen werden bei einer Trendumkehr unter den ersten sein“ so Bacarella. „Ich weiß nur nicht, auf welchen Kursniveaus diese Trendumkehr stattfinden wird.“
Konjunkturoptimisten verweisen auf die von der Fed im Herbst 2007 eingeleiteten Zinssenkungen, die nach ihrer Einschätzung zur Jahresmitte 2008 ihre Wirkung entfalten und der Wirtschaft Auftrieb verleihen werden. Daneben dürfte das Wirtschaftswachstum im Ausland, insbesondere in Schwellenländern, sowohl der amerikanischen Volkswirtschaft als auch den großen multinationalen Unternehmen zugute kommen.

Rezession oder nicht - das ist die Frage

„Wahrscheinlich werden wir vor einer Rezession bewahrt, da zu deren Abwendung bereits zahlreiche Räder in Bewegung gekommen sind, sagt John Derrick von U.S. Global Investors. Allerdings heizte der massive Ausverkauf am 21. und 22. Januar erneut Befürchtungen an, dass die Weltwirtschaft von einer Rezession in den Vereinigten Staaten in Mitleidenschaft gezogen werden könnte. Paul Blankenhagen von Principal Global Investors sieht „täglich Belege, die für eine sich abkühlende amerikanische Wirtschaft sprechen“ und befürchtet, dass sich diese Abkühlung rund um den Globus ausbreitet. Nach eigenen Aussagen hat er bereits Aktien europäischer Einzelhändler verkauft, die sich besorgt über eine nachlassende Kauflaune der europäischen Verbraucher äußerten.
Das richtige Timing entscheidet

John Boich vom internationalen Fondsverwalter Security Global Investors sorgt sich über ein schwächeres Wachstum der Weltwirtschaft und einen weltweiten Dämpfer bei den Unternehmensgewinnen. Er sucht daher nach ungewöhnlichen Anlageideen, die von einer globalen Abkühlung verschont bleiben könnten. Als Beispiele nennt er Immobiliengesellschaften aus Hongkong und japanische Regionalbanken. Stark exportorientierte Länder dürften von einer Abschwächung besonders betroffen sein, weshalb er auf Indien setzt, das „eine inländische Wachstumsstory aufweist... die weitgehend unabhängig von den Geschehnissen im Rest der Welt abläuft“, so Boich

Der Aktienmarkt nimmt zukünftige Entwicklungen vorweg. Eine Erholung der Aktien könnte also bereits zu einem Zeitpunkt eintreten, an dem in den Wirtschaftsdaten noch keine Belebung auszumachen ist, sagt Marc Reinganum von Oppenheimer Main Street Fund. „Wenn die Dinge am schlimmsten erscheinen, sind auch die Chancen am größten“, so Reinganum.

Das richtige Timing wird entscheidend dafür sein, welche Fondsmanager im Jahr 2008 die beste Wertentwicklung erzielen, doch niemand kann sagen, wann sich die beste Kaufgelegenheit bietet. In der Zwischenzeit sehen sich Fondsmanager angesichts von Mittelabflüssen in Milliardenhöhe zum massiven Verkauf von Positionen gezwungen. Es gibt Zeiten, in denen es sich einfach nicht auszahlt, mit einem wütenden Bären zu ringen.

Ben Steverman ist Reporter für den Business Week Investing Channel.

Quelle: Standard & Poor's Equity Research
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