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Finanzmärkte Chinas Zinsschock zeigt die Labilität der Hausse

27.04.2006 ·  Die chinesische Notenbank erschreckte die Finanzmärkte am Donnerstag mit einer unerwarteten Zinserhöhung. Doch dank dem amerikanischen Notenbankpräsidenten fingen sie sich wieder. Die China-Story dürfte dennoch weitere Kratzer abbekommen haben.

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Das Reich der Mitte steckt voller Überraschungen. Auch am Donnerstag war dies der Fall. Positiv war diese allerdings nicht. Die chinesische Zentralbank erhöht erstmals seit anderthalb Jahren wieder die Zinsen.

Der Schlüsselzins für einjährige Kredite werde ab Freitag um 0,27 Prozentpunkte auf 5,85 Prozent angehoben, teilte die Zentralbank auf ihrer Internetseite am Donnerstag mit. Die Notenbank reagiert damit offenkundig auf eine drastische Beschleunigung des Wirtschaftswachstums in China auf 10,2 Prozent im ersten Quartal. Die Anlageinvestitionen hatten in dem Zeitraum auch wieder um 29,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zugenommen.

Straffung der Kreditpolitik geplant

Dies hatte Befürchtungen vor einer Überhitzung der Konjunktur aufkommen lassen. Den Leitzinssatz für einjährige Einlagen ließ die Zentralbank, die ihren Schritt damit begründete, daß so ein nachhaltiges, schnelles und gesundes Wachstum der Wirtschaft unterstützt werden soll, unverändert bei 2,25 Prozent.

Angesichts einer begrenzten (offiziellen) Inflation kam der Schritt für Beobachter unerwartet. Eine kleine Vorwarnung hatte es am Vormittag gegeben, als bekannt wurde, daß Xia Bin, Direktor des Finanzforschungsinstituts am Entwicklungsforschungszentrums des chinesischen Staatsrates, eine Straffung der Geldpolitik forderte, die eine Überhitzung der Wirtschaft verhindern solle.

Am Geldmarkt sei überreichlich Liquidität vorhanden, dagegen müsse das starke Wachstum der Bankkredite gebremst und die steigenden Immobilienpreise in städtischen Regionen im Auge behalten werden. Die Regierung müsse auch den Zufluß von ausländischen Mitteln in den Immobilienmarkt beschränken.

Die chinesische Zentralbank kam den Forderungen Bins insofern nach, als sie heute gleichzeitig die Banken aufforderte, zu einer restriktiveren Kreditpolitik überzugehen, um das Wachstum zu dämpfen. Die Ausleihungen stiegen zu schnell.

Rohstoffmärkte vorübergehend tief im Minus

Die Folgen für die Märkte waren deutlich, vor allem an den Rohstoffmärkten. Die Preise für Gold und Silber fielen ebenso wie die für Kupfer, Zink und Öl. Kupfer fiel von einem Preis von 3,13 Dollar je Pfund auf aktuell 2,92 Dollar, Zink von 1,525 Dollar auf 1,4694. Gold verliert 1,68 Prozent auf 630,40 Dollar je Unze und Silber um 4,2 Prozent auf 12,40 Dollar. Öl verlor 0,7 Prozent.

Gerade bei den Metallen ist es die Sorge darüber, daß die chinesische Nachfrage künftig deutlich geringer ausfallen wird. Die chinesische Rohstoffnachfrage ist gerade im Bereich der Industriemetalle immer wieder als fundamentales Argument für die Preissteigerungen ins Feld geführt worden, um allen kritischen Stimmen - auch aus den Reihen der Analysten - zu entgegnen, die vor einer spekulativen Überhitzung warnten.

Unabhängig davon, ob die physische chinesische Nachfrage bislang überschätzt worden ist oder nicht, schwächt die heutige Zinserhöhung die Spekulation auf die Fundamentaldaten, da ja die (gegebenenfalls überschätzte) Nachfragemenge künftig als geringer eingestuft wird.

„Die Zinsänderung wird die physische Nachfrage und die Finanzierungskosten beeinflussen“, sagt Bernard Sin, Chefhändler beim Edelmetallhändler MKS Finance. „Es wird alle Metalle abkühlen.“

Minenaktien „aus dem Bett gefallen“

Julian Jessop, Chefökonom bei Capital Economics geht in seinen Befürchtungen noch weiter: „Es besteht das Risiko, daß der Investitionsboom in China zusammenbricht. Das würde einen Dominoeffekt auf den Rest der Welt haben.“

Was Wunder also, wenn auch die Aktienmärkte am Donnerstag sich deutlich schwächer zeigten. Der Dax lag 1,2 Prozent im Minus, hält sich aber noch über der Marke von 6.000 Punkten. „Die Minenaktien sind aus dem Bett gefallen“, sagt Justin Urquhart Stewart von 7 Investment Management. „Es gibt eine direkte Verbindung zwischen der Stärke der chinesischen Wirtschaft und der Rohstoffnachfrage.“ Rohstoffwerte wie BHP Billiton, Xstrata, Anglo American oder Rio Tinto geben am Donnerstag deutlich nach.

Experten erwarten an den chinesischen Marktplätzen für Freitag deutliche Kursverluste, besonders bei Rohstoffwerten wie Maanshan Iron & Steel oder Jiangxi Copper. „Die Aktienbörse wird morgen Prügel beziehen“, sagt Zhao Zifeng, Reseracher bei China International Fund Management. „Am härtesten wird es Immobilienaktien treffen, weil die Regierung schon lange entschlossen ist, diesen Sektor abzukühlen.“

Yen schwächelt vorübergehend

Am Devisenmarkt wurde die Zinserhöhung indes begrüßt. Sie sei ein stützender Faktor für die chinesische Währung, sagte ein Händler, werde allerdings die Währungspolitik des Landes wohl nicht erheblich beeinflussen. China steht international unter massivem Druck, den Yuan weiter aufzuwerten, da dieser weithin als unterbewertet gilt.

Der Yen zeigte sich recht volatil. Bis zum Mittag hatte er deutlich aufgewertet, nachdem die G7 ein Ende der Weichwährungspolitik in Asien gefordert hatten. Die chinesische Zinserhöhung sorgte für vorübergehende Schwäche, gemeinsam mit der Stellungnahme von Japans stellvertretendem Finanzminister Hiroshi Watanabe, die G7 wünschten keinen schwächeren Dollar, sondern die Forderung habe sich gegen den Yuan gerichtet.

Bernanke sorgt für Beruhigung

Doch vor allem Fed-Präsident Ben Bernanke sorgte für Beruhigung. Der amerikanische Notenbankchef deutete eine Pause im Zinserhöhungszyklus an. Es sei durchaus möglich, daß die Fed bei künftigen Sitzungen die Zinsen nicht ändere und zunächst weitere
Informationen zur Konjunkturlage abwarte, sagte Bernanke bei seiner Anhörung vor dem gemeinsamen Wirtschaftsausschuß des Kongresses am Donnerstag.

Diese Aussicht trieb nicht nur den Euro bis auf 1,2528 Dollar je Euro nach oben und sorgte für erneute Stärke beim Yen, sondern verhalf vor allem den amerikanischen Aktienmärkten zeitweise zu einem Plus. Im Vorfeld hatten Analysten auf einen positiven Konjunkturausblick gehofft. Zwar lassen sich die Worte des Notenbankpräsidenten eher gegenteilig interpretieren, doch im Wunsch nach guten Nachrichten richtete sich der Blick vor allem auf die Aussichten auf ein Ende der Zinserhöhungen.

Die Rohstoffbörsen sogen die Worte am gierigsten auf. Die Preise für Öl, Kupfer und andere Rohstoffe drehten ins Plus. Nach Bernankes Worten seien damit einige der „exzessiven Begleiterscheinungen“ aus dem System genommen und dieses künftig mehr „datengetrieben“. Das reichte offenbar den Rohstoffbullen als Bestätigung.

„Ich denke, die Abwärtsbewegung erscheint angesichts der geringen Zinserhöhung in China übertrieben. Aber wir haben in der Vergangenheit einige Male gesehen, daß diese Art von Nachrichten aus China einen kurzfristigen Einfluß auf die Metallmärkte ausüben, bevor die Käufe nach den Preisrückgängen wieder einsetzen“, sagte Julia Hamblett, Händlerin bei Dresdner Kleinwort Wasserstein.

Trotz aller Beruhigung an den Märkten zeigte sich heute eine immens Nervosität. Vor allem die Rohstoffstory dürfte mehr Kratzer abbekommen haben als die Kursbewegungen signalisieren. Vor allem Kupfer, das Metall in dessen Preis der höchste spekulative Anteil steckt, blieb nachhaltig im Minus.

Schreck steckt in den Gliedern

Sollte sich die chinesische Politik als wirksam erweisen und das Wachstum in China zurückgehen, dürfte dies an den Rohstoffmärkten für eine weitere Konsolidierung sorgen. Das Eis wird offenbar zusehends dünner, auf dem sich die Hausse bewegt.

Nicht viel anders sieht es an den Aktienmärkten aus. Die Wende am Nachmittag, die die amerikanischen Märkte derzeit stark um den Vortagesschluß pendeln läßt, ist vor allem politisch herbeigeführt worden. Es zeigt sich, daß das Vertrauen in die Weltkonjunktur offenbar geringer ist als mithin behauptet wird. Das zeigte sich nicht zuletzt auch an den Anleihemärkten, die sich nach deutlichen Kursverlusten bis zum Mittag nach oben arbeiteten.

Indes zeigt sich auch die chinesische Wirtschaftspolitik inkonsequent. Denn die Zentralbank erhöhte nur die Leihzinsen, nicht aber die Depositenrate. Dadurch erweitert die Notenbank die Margen der Geschäftsbanken. Anscheinend ist Chinas Furcht vor einem Zusammenbruch des Bankensystems, das mit faulen Krediten in Höhe von 1,31 Billionen Yuan belastet ist, recht groß.

Wenngleich der Schock vom Donnerstag also in einigen Tagen verkraftet sein mag, so zeigt sich doch deutlich die Labilität. Es erscheint daher nicht das Schlechteste zu sein, Risiken im eigenen Portfolio zu reduzieren, vor allem auf der Rohstoff- und Währungsseite.

Vor allem aber zeigt sich, daß Chinas Bankensystem, wie von kritischen Beobachtern schon immer vermutet, eine immer größere Belastung für die Entwicklung des Landes darstellen und daß der chinesische Aufschwung auf Füßen steht, die schwächer sind als es die Begeisterung für hohe Wachstumsraten erscheinen lassen mag. Das ist allerdings keine Überraschung - Osteuropa Erfahrungen hinsichtlich ungleichgewichtigen Wachstums und labilen Finanzsystemen haben eigentlich hinreichend gezeigt, daß die Verheerungen aus mehreren Jahrzehnten zentraler Wirtschaftsplanung weit tiefgreifender sind als es den Anschein haben will.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @mho
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