15.09.2008 · Wer verstehen will, warum derzeit reihenweise amerikanische Banken umfallen und die Finanzmärkte so viel Angst davor haben, der sollte sich eine Folge der amerikanischen Zeichentrickserie „Die Simpsons" ansehen.
Von Hanno BeckWer verstehen will, warum derzeit reihenweise amerikanische Banken umfallen und die Finanzmärkte so viel Angst davor haben, der sollte sich eine Folge der amerikanischen Zeichentrickserie "Die Simpsons" ansehen.
Dort geht der zehn Jahre alte Serienheld Bart Simpson in eine Bank und erlaubt sich einen üblen Scherz. Hinter dem Rücken der Kunden sagt er Sätze wie: „Was soll das heißen, mein Geld ist weg?" Oder: „Sie können mich also nicht mehr auszahlen?" Die Folgen dieses Streichs sind verheerend. Als die Kunden fälschlicherweise vermuten, dass die Bank nicht mehr genügend Geld hat, stürzen sie alle zum Schalter, um noch rechtzeitig ihr Geld abzuziehen - und bringen die Bank damit zu Fall.
Bankensturm: Wenn alle Kunden einer Bank gleichzeitig ihr Geld zurück wollen
Genau nach diesem Muster funktioniert ein sogenannter Bank Run. Die Ursache dieses Problems liegt im Geschäftsmodell begründet: Eine Bank nimmt Geld von ihren Kunden entgegen und verleiht dieses an andere Kunden. Deshalb sind nicht alle Einlagen der Kunden zu jedem Zeitpunkt in der Bank. Solange aber nur ein Teil der Kunden einen Teil des Geldes zurückfordert, ist das kein Problem, da die Banken ja nur einen Teil des Kundengeldes verleihen - den anderen Teil halten sie als Liquiditätsreserve vorrätig, um die alltäglichen Abbuchungen leisten zu können.
Sobald aber zu viele Kunden mehr Geld von der Bank abziehen wollen, als die Sicherheitsreserve hergibt, kann die Bank das Geld nicht mehr auszahlen und der Bank Run beginnt. Das Fatale daran ist, dass die individuelle Reaktion des Kunden - "Ich will mein Geld zurück, solange noch etwas davon in der Bank ist" - nachvollziehbar ist. Aber die Summe dieser Einzelentscheidungen führt zu einem Zusammenbruch der Bank. Würden alle Kunden sich gedulden und einen geordneten Rückzug ihrer Gelder akzeptieren, so würde die Bank nicht zusammenbrechen - das Geld der Kunden ist ja nicht weg, es ist eben nur zeitweise an andere Kunden ausgeliehen. Und sobald diese ihren Kredit zurückgezahlt haben, können die anderen Kunden ihre Einlagen wiederbekommen. Eine Bank kann also zusammenbrechen, ohne dass die von ihr vergebenen Kredite platzen.
Faule Kredite sind aber das Problem in der gegenwärtigen Krise. Viele Banken haben das Geld ihrer Kunden in Geschäfte gesteckt, die sich jetzt als unrentabel erweisen - die Rückzahlung der Gelder ist damit gefährdet. Wenn dem aber so ist und die Öffentlichkeit das so wahrnimmt, dann gibt es einen doppelten Grund, sein Geld so rasch wie möglich abzuziehen: Wer zuerst kommt, hat noch eine Chance, sein Geld wiederzubekommen; den Letzten jedoch beißen die Hunde. Und das Wissen um dieses Rennen löst schon fast automatisch den Bank Run aus.
Was kann man gegen einen Dominoeffekt tun? Die erste und wohl wichtigste Maßnahme ist ein System der Einlagensicherung, das den Kunden zumindest einen Teil ihres Geldes garantiert. Ganz unproblematisch ist ein solcher Schutz aber auch nicht, da er finanziert werden muss - das bedeutet, dass die guten Banken für die Risiken der schlechten Banken mitzahlen müssen. Es müssen also Regeln gefunden werden, wer nach welchen Kriterien welchen Beitrag für einen solchen Sicherungsfonds zahlt. Zudem kann die Existenz einer Einlagensicherung dazu führen, dass die Kunden ohne Blick auf das eigene Risiko ihr Geld den Banken mit den größten Risiken - und damit auch den höchsten Zinsen - zuwerfen.
Die unmittelbare Lösung besteht natürlich darin, den Banken ausreichend Liquidität zuzuführen, damit diese eventuelle Abzüge von Kundengeldern verkraften können. In Zeiten, in denen die Kunden ihr Geld wiederhaben wollen, ist Liquidität Trumpf. Genau das ist die Idee zehn internationaler Bankkonzerne, die am Montag einen Fonds mit 70 Milliarden Dollar bereitgestellt haben, um sich gegenseitig bei möglichen Liquiditätsengpässen zu helfen. Doch das kann nur eine vorübergehende Lösung sein.
Letztlich muss die Liquidität an der Quelle beschafft werden - und damit kommt die Notenbank ins Spiel. Sie kann die Banken mit ihren üblichen Instrumenten mit zusätzlicher Liquidität versorgen; so wie beispielsweise die Europäische Zentralbank, die am Montag angekündigt hat, dass sie die Märkte über einen Schnelltender mit Liquidität versorgen will. Das Problem an dieser Lösung ist, dass dies letztlich nur über sinkende Zinsen funktioniert und damit die Inflationsgefahr ansteigen lässt.
Die Lösung: Genügend Liquidität
Der zweite Weg, Banken mit mehr Liquidität zu versorgen, besteht darin, dass sie ihre Vermögenspositionen in Liquidität umwandeln können. In letzter Instanz ist das auch eine Aufgabe der Notenbank. Das geschieht, indem sie von den Geschäftsbanken alle möglichen Arten von Wertpapieren als Sicherheit für die Bereitstellung von Zentralbankgeld akzeptiert - die Wertpapiere wandern dann von der Bilanz der Banken in die Bilanz der Notenbank. Im Gegenzug wird die Bank von der Notenbank mit Liquidität versorgt.
Die Ankündigung der amerikanischen Notenbank (Fed) vom Montag, auch Aktien als Sicherheit für Rettungsdarlehen zu akzeptieren, macht deutlich, wohin das führen kann. Das Problem dieses Ansatzes liegt auf der Hand: Je breiter die Palette der Wertpapiere ist, welche die Notenbank als Sicherheit akzeptiert, um so mehr muss sie damit rechnen, vom "lender of the last resort", der letzten Instanz für Liquidität, zur "litterbin of the last resort", dem letztinstanzlichen Mülleimer, zu werden. Zugespitzt heißt das, dass die Banken sich mit faulen Wertpapieren verheben, diese dann als Sicherheit an die Notenbank weiterreichen und die Notenbank - will heißen: die Allgemeinheit - damit das Verlustrisiko trägt.
An diesem Punkt setzt auch die Kritik an den verschiedenen Rettungsmaßnahmen an, stellen sie doch in der Interpretation der Kritiker eine Sozialisierung der Verluste dar, während die Gewinne privatisiert wurden. Aus dieser Perspektive ist eine Bankenpleite notwendiger und essentieller Bestandteil eines marktwirtschaftlichen Systems. Die Weigerung der amerikanischen Regierung, Lehman Brothers vor diesem Schicksal zu bewahren, dürfte aber weniger dieser ordnungspolitischen Ratio entsprungen sein, sondern der pragmatischen Erkenntnis, dass man nicht das gesamte Bankenwesen am Tropf des Staates halten kann.
Mit Blick auf die Stabilität des Finanzsystems und die mögliche Gefahr eines Dominoeffektes allerdings ist verständlich, warum man eine solche Pleite vermeiden will. Zumindest aber braucht man klare, konsistente Regeln für den Zusammenbruch einer Finanzinstitution - und hierin besteht das eigentliche Problem. Deshalb liegt noch ein weiter Weg vor dem Gesetzgeber.
Den Letzten beißen die Hunde
Jörg Reklies (reklies)
- 16.09.2008, 11:05 Uhr
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