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Finanzkrise „Mit herkömmlichen Methoden nicht zu lösen“

 ·  Für den Unternehmensberater und Autor Fredmund Malik ist die gegenwärtige Krise nur ein oberflächliches Symptom der größten Systemtransformation der Geschichte: von einer Geld- zu einer Wissensgesellschaft. Ein Interview.

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Die aktuelle wirtschafts- und Finanzkrise lässt sich nicht mit den bisher gewohnten Methoden lösen, erklärt Professor Fredmund Malik, Verwaltungsratspräsident des Management Zentrums St. Gallen. Nach Ansicht des Hochschullehrers, Unternehmensberaters und Autors vieler Publikationen ist die Krise nur ein oberflächliches Symptom für die größte Systemtransformation der Geschichte. Hin von einer Geld- zu einer Wissensgesellschaft.

Um die Krise wirklich zu bewältigen, müssen neue Regulierungssysteme entstehen, die komplexitätsgerecht sind und die sich nicht an den kurzfristigen Interessen von Schein-Investoren orientieren. Unter anderem müsse man auch lernen, dass die Welt nicht von Geld regiert werde, wie viele weismachen wollten, sondern weit mehr von elementarer Menschlichkeit, erklärt er weiter.

Die Wirtschafts- und Finanzkrise liegt in aller Munde. Wie würden Sie die aktuelle Lage beschreiben?

Eine Alte Welt geht zugrunde, weil eine Neue Welt entstehen will - bildhaft vergleichbar mit einer Raupe, die stirbt, weil der Schmetterling ans Licht kommt. Was Finanzkrise genannt wird, ist nur ein oberflächliches Symptom. Weltweit gehen Wirtschaft und Gesellschaft durch die größte Transformation der Geschichte, nämlich hin zu einer Gesellschaft, deren wichtigstes Merkmal ihre extreme Komplexität ist. Deshalb nenne ich sie Komplexiätsgesellschaft.

Deren Kapital ist nicht Geld, sondern Wissen. Hier steuert nicht Macht, sondern Information. Die herkömmlichen Organisationen funktionieren nicht unter Komplexitätsbedingungen, denn ihre Entstehung reicht tief in das vorige Jahrhundert, wo völlig andere Bedingungen herrschten. Kein Wunder, herrschen heute Orientierungs- und Ratlosigkeit. Sie führen zu Hilflosigkeit und vielfach blindem Aktionismus. Die meisten sehen im Neuen nur das Alte. Die vertrauten Reflexe sind plötzlich radikal falsch. Wie bei Autofahrern - quasi über Nacht müssen sie links statt rechts fahren.

Wie konnte es soweit kommen?

Die Globalisierung hat einen beschleunigenden Prozess der exponentiellen Komplexifizierung ausgelöst. Die neuen Realitäten sind hyperkomplexe, ultradynamische, vernetzte Systemkonfigurationen. Herkömmliche Denkweisen und Methoden sind gänzlich untauglich um solche Systeme zu verstehen und zu managen. Man kann sie nicht berechnen, wie zum Beispiel der Kollaps des Risikomanagements in den Banken beweist.

Mit den längst überholten Theorien und Methoden heutiger Ökonomie konnte man das Desaster daher auch nicht kommen sehen. Die systemisch-kybernetischen Instrumenten hingegen, die ich in meiner Organisation entwickelt habe, haben den Krisen-Tsunami früh entdeckt und seinen Verlauf unmissverständlich vorausgezeigt. Seit Jahren publiziere ich das regelmäßig. Meine Mitarbeiter wenden diese Instrumente bei unseren Klienten an. Und unsere Klienten haben kein Geld verloren.

Symptome für den sich aufbauenden Sturm waren unter anderem die Häufung falscher Unternehmens-Strategien, wie schon früh der Daimler-Chrysler-Merger, von dem ich den damaligen Vorständen entschieden abriet. Auch die meisten Bankenstrategien gehören dazu, weil diese die wahre Komplexität der Börsen ignorierten. Hier trägt das herkömmliche Consulting eine immense Verantwortung. die wird noch gar nicht thematisiert.
Eine der Hauptursachen des Debakels ist die total fehlgeleitete amerikanisierte Corporate Governance mit ihrer desaströsen Shareholder Value Doktrin, die noch immer vorherrscht. Sie muss radikal und ersatzlos eliminiert werden, denn diese programmierte die systematische und unvermeidbare Fehlsteuerung entscheidender Teile der Wirtschaft.

Der Markt/Kapitalismus ist schuld, heißt es vielfach. Ist das so - oder konnte er einfach seine Kräfte aufgrund falscher Anreizstrukturen, fehlender Transparenz et cetera nicht symmetrisch entfalten?

Märkte brauchen dynamische, kybernetische Regulierungssysteme, damit ihre Selbstorganisation funktionieren kann. Statt dessen entstanden groteske neoliberale Missbildungen. Während rund 15 Jahren sind sich selbst hochschaukelnde, System zerstörende, krebsartige Wirkungseinflüsse in die Märkte gekommen, wie rein pekuniäre, geldgetriebene Denkweisen, die mit Kapital im echten Sinne des Wortes nichts gemeinsam haben. Mit innerer Zwangsläufigkeit musste das zum Kollaps führen. Bei komplexen Systemen ist das eine wohlbekannte und gut erforschte Gesetzmäßigkeit, die man nicht straffrei ignorieren kann.

Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang geld-, steuer- und fiskalpolitische Faktoren?

Durch solche Faktoren wurde das Debakel mit herbeigeführt und verstärkt. Daher sind Maßnahmen dieser Art auch keine Lösungen für die Krise. Schon Einstein wusste, dass man Probleme nicht mit denselben Methoden lösen kann, durch welche sie verursacht wurden. Die bisherigen Maßnahmen beruhen weitgehend auf einer grotesken, eindimensionalen, auf reine Ökonomie reduzierten Vorstellung vom Menschen. Selten zuvor haben ökonomische Theorien deutlicher ihre Untauglichkeit öffentlich bewiesen. Die meisten Menschen sind keine ökonomisch-rationalen Wesen im Sinne der Ökonomie. Die Sozialwissenschaften haben das längst erwiesen. Daher fügen sich Menschen nicht den realitätsfernen ökonomischen Gewinnmaximierungskalkülen. Zwar gibt es den geldgetriebenen, egozentrischen, koordinationsunfähigen Menschen auch, aber er ist eine pathologische Erscheinungsform. An der Spitze von Unternehmen richtet er irreversiblen Schaden an.

Wie kommen wir aus dem Schlamassel wieder heraus?

Bildlich gesprochen ist nicht der Blutkreislauf zusammengebrochen, sondern das Nervensystem. FED-Chef Ben Bernanke hatte einen frühen Anflug von Verstehen, als er im September sinngemäß sagte: We have a total loss of control. Also müssen neue Regulierungssysteme entstehen, die komplexitätsgerecht sind und sich nicht an den kurzfristigen Interessen von Schein-Investoren orientieren.

Unter anderem muss man lernen, dass die Welt nicht von Geld regiert wird, wie viele weismachen wollen, sondern weit mehr von elementarer Menschlichkeit. In den heutigen Gesellschaften liegen enorme Leistungspotentiale brach. Intelligenz, Kreativität, und relevante Information bleiben in unvorstellbarem Ausmaß ungenutzt. Wie ich durch meine täglichen Kontakte mit zahlreichen Führungskräften seit Jahren beobachten kann, haben sich Resignation, Demotivation, Agonie und Bitterkeit in vielen Unternehmen breit gemacht, besonders dort, wo Shareholder-Value und Geldgetriebenheit herrschen. Eine Politik, die diese brachliegenden Potientiale zu mobilisieren versteht, wird Wahlen gewinnen und Lösungen finden. Die Methoden dafür sind verfügbar. Wir haben sie jahrelang getestet und verwenden sie täglich.

Politik muss verstehen, dass Probleme heute nicht mehr links oder rechts, sondern vielmehr komplex sind. Lösungen sind nicht rot, blau oder grün, sondern richtig oder falsch. Aus den heutigen Parteistrukturen, die ihre Wurzeln im frühen vorigen Jahrhundert haben, können kaum Lösungen erwachsen.

Kann der Staat dabei die entscheidende Rolle spielen, ohne die nächsten Verwerfungen implizit gleich heraufzubeschwören?

Die bisherigen Maßnahmen können etwas Zeitgewinn bringen. Nötig ist aber ultraschnelles, hochwirksames Umsetzen der Maßnahmen. Dieses jedoch fehlt auf breiter Front. Meinungs- und Willensbildung sind von Interessengruppen dominiert, sind zähflüssig und holprig. Entscheidungsprozesse dauern zu lange; Ergebnisse sind verwässerte Kompromisse, der kleinste gemeinsame Nenner statt der größte Zähler. Und für die Umsetzung fehlen die nötigen Systeme und Infrastrukturen.

Umsetzen erfordert zuverlässig funktionierende Organisationen in allen Bereichen. Das heißt richtiges statt falsches Management und es heißt Einsatz von kybernetischen Hochleistungssystemen, wie sie in der Technik längst üblich, aber in der Welt der Organisationen wenig bekannt sind. Würden zum Beispiel die Automobilunternehmen dieselben Funktionsprinzipien auch auf sich selbst anwenden, die sie in ihren intelligenten Autos verwenden, wäre bereits ein Neuanfang gemacht.

Was muss sich ändern, um weitere Krisen dieser Art zu vermeiden?

Einer der Schlüssel ist eine Brachialänderung der bisherigen desaströsen Corporate Governance. Ein anderer ist eine Radikalreform der Aus- und Weiterbildung von heutigen und zukünftigen Führungskräften. Die falsche Art der shareholder-orientierten Unternehmensführung stammt aus Universitäten, aus zahllosen MBA-Programmen und aus der Consulting-Szene. Auch manche Medien haben tatkräftig mitgewirkt. Wer weiterhin desaströse Management-Irrlehren verbreitet, verhindert Lösungen und trägt zur Verschärfung der Krise bei. Wenn sich daran nichts ändert, wird die Folge eine soziale Katastrophe sein.

Wie lassen sich die bisher getroffenen und geplanten Maßnahmen in diesem Rahmen bewerten?

Man gibt dem Alkoholiker Schnaps, damit sein Zittern aufhört.

Wie verhalten sich Unternehmen in diesem Umfeld am geschicktesten?

Je nach Unternehmenstyp ist die Antwort verschieden. Der Typ, den ich UGU nenne, nämlich unternehmerisch geführte Unternehmen, hat die besten Chancen zu überleben. Über diesen Typ ist in MBA-Kursen nichts zu vernehmen. Hier steht das Unternehmen selbst und dessen produktive Kraft und funktionelle Lebensfähigkeit im Zentrum, und nicht die Beutegier von Interessengruppen, wie Shareholder oder Stakeholder. Aber auch diese Unternehmen müssen neue Methoden einführen, damit sie unter den geänderten Bedingungen höchster Komplexität, Vernetzung und Dynamik ihre Zukunft nicht verspielen.

Hingegen sind in den großen, börsennotierten Unternehmen grundlegende Neuerungen nötig. Herkömmliches Consulting treibt diese in den Ruin, wenn nicht verantwortungsvoll , mit dem richtigen Wissen ausgestatte Führungskräfte den Hebel herumlegen. Hier können auch die Gewerkschaften eine entscheidende Kraft sein, wenn sie helfen, die Weichen von falscher zu richtiger Corporate Governance umzustellen, damit die Kräfte sich auf das Funktionieren der Unternehmen selbst fokussieren, und nicht auf Finanzmärkte und frei flottierende sogenannte Investoren, die ihre Aktien ohnehin alle paar Wochen umschichten und an den Unternehmen gar kein echtes Interesse haben. Mit solchen Maßnahmen kann man bereits in der nächsten Aufsichtsratssitzung beginnen, die etwa im März stattfinden. Sie werden auch sofort greifen, weil sich Strategie und Kultur radikal umorientieren werden.

Wie positionieren Sie sich als erfahrener und geschickter Anleger und worauf stellen Sie sich dabei ein?

Die beste Anlage ist seit Jahren Bargeld. Das Rezept lautete: Ertrag vergessen, dafür Substanz erhalten. Nicht Return on Investment, sondern Return of Investment war und ist, wie man nun täglich sieht, das Erfolgsprinzip, und wird es für längere Zeit bleiben. Das Ende dieser Anlagepolitik kommt erst mit einer eventuellen Währungsreform, die wahrscheinlich wird, wenn man in den alten Pfaden weitergewurstelt. Bargeld wird in der anhaltenden Deflation von allein täglich mehr wert, weil mit wenigen Ausnahmen alle Preise sinken, insbesondere Sachwerte, wie Aktien, Immobilien, Rohstoffe und Edelmetalle. Dies zu verstehen, fällt vielen extrem schwer, weil ihnen das nötige Wissen fehlt und weil sie eben im Neuen nur das Alte zu sehen vermögen. Es ist eine kopernikanische Wende fällig.

Das Gespräch führte Christof Leisinger

Quelle: @cri
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