26.08.2008 · Die Finanzkrise wird vielfach mit hohen Verlusten und Abschreibungen der Banken aus begebenen Verbriefungen in Verbindung gebracht. Das ist jedoch nur ein Aspekt. Viel schlimmer ist das Versiegen des Marktes als Finanzierungsquelle.
Es ist noch keine zwei Jahre her, da setzten Analysten auf einen schwachen Emissionsmarkt im Investment-Grade-Bereich, der die Kurse von Anleihen guter Bonität wieder auf Vordermann bringen sollte. Die waren seinerzeit wenig gefragt, weil es in der Welt vor der Finanzkrise nur gute Emittenten gab: Die einen waren gut und langweilig, die anderen gut und interessant, weil sie höhere Zinsen boten.
Heute sind die ersteren diejenigen, die man mit Vorsicht betrachtet, letztere will niemand mehr gerne haben. Demgegenüber ist in den Emissionsmarkt für Investment-Grade-Papiere Leben zurückgekehrt, und das wollten viele vor zwei Jahren nicht für möglich halten.
Interbanken-Kredite werden teurer
Besonders Banken waren in den vergangenen Monaten eifrig vertreten - und zum Jahresende dürften sie auch wieder vermehrt die Hand aufhalten. Denn im Dezember werden hohe Summen refinanziert werden müssen. Stuart Thomson, Vermögensverwalter bei Resolution Investment Management beziffert das Volumen auf 88 Milliarden Dollar.
Und die Finanzierungsbrunnen sind trocken. Der Markt für Zinstermin-Kontrakte signalisiert, dass die Banken die Konditionen bei der Vergabe von Darlehen erneut anziehen werden. Die Renditeaufschläge, die Kreditinstitute untereinander für kurzfristige Kredite verlangen, dürfte sich wieder dem 2007 aufgestellten Rekord annähern.
Aktuell verlangen Banken eine Renditeprämie von 81 Basispunkten auf den Satz der amerikanischen Notenbank Fed. Im Februar lag der Aufschlag noch bei rund 24 Basispunkten, und dem Terminmarkt zufolge dürfte er sich bis Mitte Dezember auf 85 Basispunkte ausweiten.
Die Geldquelle Verbriefungsmarkt ist versiegt
Vielfach wird kolportiert, dass die Banken einander misstrauen und dass sie fürchten, ihr Geld an einen vor dem Zusammenbruch stehenden Wettbewerber zu verlieren. Roger Doig, Kreditanalyst bei der britischen Fondsgesellschaft Schroder sieht die Zusammenhänge simpler: Banken horteten ihr Geld, weil sie befürchten, selbst keinen Zugang zu Finanzierungsquellen mehr zu erhalten.
Das Kernproblem ist, dass Banken die Verbriefung nicht mehr zur Finanzierung nutzen können. Das Marktsegment hatte im laufenden Jahrzehnt immens an Bedeutung gewonnen, so dass es sogar in den Basel-II-Eigenkapitalvorschriften berücksichtigt wurde. Im Jahr 2007 seien laut Doig mehr als 40 Prozent der britischen Hypothekenkredite auf diese Weise refinanziert worden, ebenso viele Kreditkarten-, Handels- oder Autokredite.
Die von den Zentralbanken zur Verfügung gestellte Liquidität sei dagegen nur ein Tropfen auf den heißen Stein, denn durch die strikten Auflagen bei der Finanzierung im großen Stil seien den Geldinstituten die Hände gebunden.In Europa sei der Ausfall des Verbriefungsmarktes ein viel größeres Problem für mittelsuchende Banken als die Anlagenqualität oder die Bonität des Hauses.
Patt am Markt für Bankanleihen
Hinzu kommt, dass das Einlagengeschäft in Ländern wie Spanien oder Großbritannien gleichfalls umkämpft ist, weil daran ein Mangel herrscht. Am Markt für Bankenanleihen herrsche daher eine Pattsituation: die Banken hofften auf niedrigere Zinsen, die Gläubiger warteten auf höhere. Die Folge seien steigende Kreditzinsen und sinkende Kreditsummen.
Das erklärt, warum auch in den Vereinigten Staaten auch Kreditnehmer bester Bonität immer tiefer in die Tasche greifen müssen, um ihre Immobilien zu finanzieren. Die Zinssätze für festverzinsliche Hypotheken mit dreißigjähriger Laufzeit sind mittlerweile auf ein Sechs-Jahres-Hoch von 6,37 Prozent geklettert.
In der Folge sind die Anträge auf Hypothekendarlehen Mitte August im Vorjahresvergleich um 34 Prozent auf den tiefsten Wert seit 2000 gesunken. Die Entwicklung drückt zugleich auf die Verkaufpreise der Häuser.
Es fehlen die unbelasteten Kreditgeber
Damit scheint sich der größte Einbruch am amerikanischen Häusermarkt seit der Weltwirtschaftskrise weiter zu verschärfen. „Was wir wirklich bräuchten, sind Leute, die von all diesen Verlusten unbelastet sind und Kredite vergeben“, sagt Christopher Mayer, Professor für Immobilienwirtschaft an der Columbia University in New York. „Das Problem ist, dass es diese Leute nicht gibt, zumindest heute nicht.“
Derweil nehmen die Zwangsvollstreckungen bei Eigenheimen weiter zu. Im Juli ist die Zahl im Vergleich zum Vormonat 55 Prozent gestiegen, auf Vorjahresbasis waren im Juli knapp drei Mal so viele Zwangsvollstreckungen von Banken durchgesetzt worden.
Während sich also am Markt für Bankenanleihen die Teilnehmer Auge in Auge gegenüber stehen und darauf warten, wer zuerst blinzelt, rechnet Thomson mit einer Rally bei amerikanischen Staatsanleihen.
Nicht die Verluste sind das Problem
Diese Situation umreißt das wahre Problem der Kreditkrise recht deutlich: Es sind nicht die Verluste - wes ist das Fehlen frischen Geldes, das den Banken Schwierigkeiten macht. Der aufblühende Verbriefungsmarkt und niedrige Zinsen ermöglichten eine üppige Aufblähung der Kreditmenge. Jetzt konsolidiert das Volumen - mit entsprechenden Folgen für das Wachstum.
Der ehemalige Fed-Chef Alan Greenspan nannte einen Rückgang des so genannten Libor-OIS-Spread, der die Differenz zwischen dem Interbankensatz und dem indizierten Swapsatz für Tagesgeld misst, auf 25 Basispunkte ein Zeichen für eine Normalisierung. In den zehn Jahren bis August 2007 lag die Renditespanne im Durchschnitt bei 11 Basispunkten. Der Terminmarkt signalisiert derzeit, dass dies nicht vor Juni 2010 geschehen wird. Keine guten Aussichten für 2009.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |