29.01.2009 · Der Ökonom John B. Taylor wirft der amerikanischen Notenbank Fed vor, sie hätte schon vor Jahren die Leitzinsen anheben müssen. Außerdem habe sie die Finanzkrise zunächst falsch eingeschätzt und sie dadurch verlängert.
Die amerikanische Politik trägt nach einer Studie des renommierten Stanford-Ökonomen John B. Taylor erhebliche Verantwortung für das Entstehen, die Länge und das Ausmaß der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise. Nach einer zweiten Studie der beiden amerikanischen Ökonomieprofessoren Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff, dem früheren Chefökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF), spricht historische Erfahrung dafür, dass die aktuelle Krise noch lange nicht ausgestanden ist.
John Taylor kommt in seinem Papier, dem Anfang März ein Buch über die Krise folgen wird, zu einem sehr kritischen Urteil der amerikanischen Politik in der aktuellen Krise. Aus Taylors Sicht hat die Notenbank Fed die Hausse am Immobilienmarkt mit einer viel zu laxen Politik herbeigeführt. Taylor zeigt, dass die Anwendung seiner eigenen geldpolitischen Regel („Taylor-Rule“), die auf eine Steuerung des nominalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) durch Zinspolitik abzielt, der Fed schon Mitte des Jahrzehnts eine Erhöhung der Leitzinsen nahegelegt hätte. In der Realität hielt die Fed den Leitzins aber niedrig.
Fehldiagnose der Fed
Taylor wirft der Fed zudem vor, die Krise durch eine Fehldiagnose verlängert zu haben. Anstoß nimmt der Stanford-Ökonom an der Entscheidung der Notenbank, auf die Verspannung an den Geldmärkten mit zusätzlicher Zufuhr von Liquidität reagiert zu haben. Dies wäre eine adäquate Antwort auf ein Liquiditätsproblem innerhalb des Bankensystems gewesen, schreibt der Amerikaner. Allerdings habe das Bankensystem nicht unter einer Liquiditätskrise, sondern unter einer Vertrauenskrise gelitten. Gegen eine Vertrauenskrise hätten sich andere Maßnahmen empfohlen, zum Beispiel Eigenkapitalzuschüsse oder mehr Transparenz in den Bankbilanzen.
Am provozierendsten ist Taylors Ablehnung der allgemein verbreiteten These, wonach an der Verschärfung der Finanzkrise im vergangenen Herbst vor allem der Untergang von Lehman Brothers schuld sei. Taylor zeigt anhand eines Schaubildes, wonach die Unruhe an den Finanzmärkten - ablesbar an der wachsenden Differenz zwischen dem erwarteten Dreimonatszins und dem aktuellen Zins - nach dem Kollaps der Investmentbank kaum gestiegen sei. Die Unruhe sei hingegen erst nach den Auftritten von Notenbankchef Ben Bernanke und des damaligen Finanzministers Hank Paulson vor dem Kongress entstanden, wo diese einen Bankenrettungsplan vorgelegt hätten, der aber offensichtlich nicht überzeugte.
Sechs Jahre Krise
Nach der Studie von Rogoff und Reinhart hat eine Immobilienbaisse in vergleichbaren Krisen im Durchschnitt gut sechs Jahre gedauert und die Preise real um 35 Prozent fallen lassen. Die aktuelle Baisse hat in den Vereinigten Staaten im Juli 2007 begonnen; seither sind dort die Preise, gemessen am Case-Shiller-Immobilienindex, um rund 23 Prozent gefallen. In ihrer Studie haben Reinhart und Rogoff 15 große Krisen in Industrie- und Schwellenländern untersucht, für die bestimmte Datenreihen verfügbar waren.
Besonders herbe Folgen hatten vergleichbare Krisen in der Vergangenheit für die reale Wirtschaft: So dauerte der Abschwung im Durchschnitt zwei Jahre und ließ die reale Wirtschaftsleistung um drastische 9 Prozent schrumpfen. Der Abschwung am Arbeitsmarkt dauerte sogar durchschnittlich vier Jahre und löste einen Anstieg der Arbeitslosenquote von 7 Prozent aus.
Hoffnungsschimmer
Diese herben historischen Erfahrungen erklären, weshalb die Regierungen versuchen, mit milliardenschweren Konjunkturprogrammen und Rettungspaketen für Banken gegenzusteuern. Beispielsweise hat die Bundesregierung die staatlich geförderte Kurzarbeit auf bis zu eineinhalb Jahre verlängert, zudem milliardenschwere Konjunkturpakete geschnürt. In der jüngeren Vergangenheit war das auch schon so: Nach der Studie sind die realen Staatsschulden in der Nachkriegszeit im Zuge der Krisen in den drei Jahren nach Ausbruch der Krise im Durchschnitt um kumuliert 86 Prozent gestiegen. Den größten Teil hätten dazu der krisenbedingte Rückgang der Steuereinnahmen sowie antizyklische Konjunkturprogramme beigetragen, schreiben Reinhart und Rogoff.
Einen Hoffnungsschimmer bietet die Studie beim Blick auf die Aktienmärkte. Nach den Statistiken dauerten die früheren Krisen vom Kurshoch zum Kurstief im Durchschnitt 3,4 Jahre, und der Kurssturz betrug 55,9 Prozent. Seit dem Hoch des deutschen Leitindex Dax im Juli 2007 sind zwar erst rund eineinhalb Jahre vergangen, aber der Dax hat seither bereits rund 45 Prozent verloren - damit hat der Rückgang fast den Durchschnittswert erreicht. Ähnlich hat der amerikanische Leitindex Dow Jones seit seinem Hoch 42 Prozent eingebüßt und der europäische Leitindex Stoxx 50 rund 50 Prozent.
Mehr Staatsbankrotte
Wiederholt sich die Geschichte? Wie die beiden Verfasser selbst einräumen, sind historische Erfahrungen nur von begrenztem Nutzen, um die weitere Entwicklung der aktuellen Krise abzuschätzen. Beispielsweise haben die Notenbanken heutzutage mehr Spielraum, aggressiv gegenzusteuern. Vor allem die amerikanische Notenbank Fed nutzt dies aktuell in Form einer sehr expansiven Geldpolitik. Das zielt darauf, die Krise abzufedern und zu verkürzen.
Auf der anderen Seite waren die in der Studie untersuchten Krisen bis auf die Große Depression in den dreißiger Jahren alle regional begrenzt. Aktuell sei aber die gesamte Weltwirtschaft von der Krise erfasst, schreiben Reinhart und Rogoff. Das erschwere es jedem Land, seine Wirtschaft durch eine Steigerung des Exports wieder in Schwung zu bringen. Nach Ansicht der beiden Ökonomen steht deshalb zu befürchten, dass die Zahl der Staatsbankrotte zunehmen wird.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |