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Veröffentlicht: 23.08.2007, 13:28 Uhr

Finanzkrise Das Dilemma der Notenbank

Mit allem haben Banken gerechnet - nur nicht damit, dass sie sich selbst nicht mehr trauen können. Ursache ist das Scheitern risikoreicher Spekulationen, die die Zentralbanken angeheizt haben. Jetzt sollen sie den Flächenbrand löschen, den sie selbst gelegt haben.

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© dpa Der volle Umfang der Krise wird erst jetzt sichtbar

Aus der Krise am Markt für amerikanische Hauskredite ist eine Vertrauenskrise unter Banken geworden. Nun wird nach Schuldigen gesucht. Wer nach dem Auslöser der Finanzkrise forscht, erhält eine beunruhigende Antwort: Es könne sein, dass die Feuerwehr den Flächenbrand an den Finanzmärkten selbst gelegt habe.

Holger Steltzner Folgen:

Amerikas Notenbank Fed, die in der Krise zusammen mit Zentralbanken aus Europa und Asien die Geldmärkte mit Liquidität flutet, hat zuvor mit Zinsen fast zum Nulltarif zur Spekulation auf Kredit verführt. Der damalige Chairman der Fed, Greenspan, wiegte Hauskäufer und Banken in trügerische Sicherheit, als er im Februar 2004 sagte: Amerikas Konsumenten profitierten, wenn Kreditgeber mehr Alternativen zu traditionellen festverzinslichen Hypotheken anböten.

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Undurchsichtige Instrumente

Kurz danach begann er, die Zinsen in Trippelschritten von einem auf mehr als fünf Prozent zu erhöhen. Greenspans Werbung für innovative Kreditprodukte spornte die modernen Finanzalchimisten in den Investmentbanken an, noch mehr undurchsichtige Instrumente zu erfinden. Aus Kreditsachbearbeitern sind Risikohändler geworden, die Kredite in Einzelteile zerlegen und an Investoren in der ganzen Welt verteilen. Der Vorteil ist, dass Risiken breit gestreut werden - von Nachteil ist, keiner weiß genau, wer sie trägt.

Die modernen Finanzinstrumente können in ihrer Wirkung mit großen technischen Innovationen verglichen werden. Von ihnen profitierten nicht nur die Erfinder, sondern auch die Allgemeinheit, weil ohne die günstige und reibungslose Finanzierung das enorme Wachstum der Weltwirtschaft in den vergangenen Jahren kaum möglich gewesen wäre. Ähnlich wie bei Technologiesprüngen, wo die Technik oft erst nach Jahren richtig ausgereift ist, beginnen die Akteure an den Finanzmärkten erst jetzt den vollen Umfang der Risiken und Nebenwirkungen des Einsatzes von Kreditderivaten zu begreifen.

Wie ein Wundbrand

Das gilt besonders für einige deutsche Banken mit öffentlich-rechtlichem Hintergrund. Die spekulierten im Vertrauen auf staatliche Auffangnetze mit Finanzprodukten, welche die Akteure und Kontrolleure weder verstanden noch beherrschten. Aber die Investmentbanken wussten, was für Produkte sie mit Hilfe der von ihnen beauftragten und bezahlten Ratingagenturen teils im Stil von Drückerkolonnen auch an naive Investoren verkauften.

In der Gier nach Rendite, im Glauben an Finanzinnovation ähnelt die heutige Finanzkrise dem Börsenkrach von 1987. Auch damals betäubten jahrelange Kursgewinne das Gefühl für das Risiko. Anstelle von Derivaten vertrauten Banken und Großanleger vor zwanzig Jahren den Erkenntnissen der Portfolioversicherung und dem computergestützten Programmhandel. Doch plötzlich drehte sich der Markt, alle wollten gleichzeitig „raus“. Mit einem Kurssturz von 22,8 Prozent für den Dow Jones erlebte die New Yorker Börse den größten Tagesverlust ihrer Geschichte. Am Abend des 19. Oktober 1987 wusste niemand, ob sein Geschäftspartner am nächsten Morgen noch solvent sein würde. Das Vertrauen in das Finanzsystem war ähnlich stark erschüttert wie heute, nur kam seinerzeit die Vertrauenskrise über Nacht, während sie sich heute langsam wie ein Wundbrand von Markt zu Markt frisst.

Vertrauen herstellen

Vor zwanzig Jahren begründete Greenspan seinen legendären Ruf. Er versicherte öffentlich, die Fed werde den Marktteilnehmern beistehen; er öffnete die Geldschleusen und versorgte das Bankensystem reichlich mit Liquidität. Sein Nachfolger an der Spitze der Fed, Ben Bernanke, springt heute ebenfalls den Akteuren bei. Weil Banken einander misstrauen, weil niemand weiß, wo welche Risiken lauern, geben sie sich keinen Kredit mehr, nicht einmal von einem Tag auf den anderen.

In der Not helfen Zentralbanken, sie räumen den Geschäftsbanken kurzfristige Kredite zu guten Konditionen ein, die in den Folgetagen zurückgezahlt werden müssen. So verhindern sie das Austrocknen des Geldmarkts und den Zusammenbruch von Banken wegen Zahlungsunfähigkeit, ohne dass Geldscheine gedruckt und verschenkt werden.

Es ist nicht Aufgabe der Notenbanken, mit Rettungseinsätzen Banken, Hedge-Fonds oder Großanleger vor Spekulationsverlusten zu schützen. Sie müssen wieder Vertrauen herstellen und verhindern, dass die Finanzkrise in eine Rezession führt, dass aus der Kreditklemme zwischen Banken eine allgemeine Kreditverweigerung für Unternehmen wird - mit schädlichen Folgen für Wachstum, Investitionen, Löhne und Arbeitsplätze. Über Jahre hinweg haben steigende Haus- und Aktienpreise die Konsumfreude der Amerikaner angetrieben. Ein Rückgang dieser Preise wird in die Gegenrichtung wirken.

Spekulationen auf Kosten anderer

Auch deshalb hat die Fed eine Zinssenkung in Aussicht gestellt. Damit würde sie aber nicht nur amerikanischen Hauskäufern helfen, sondern auch manchen Hedge-Fonds retten. Damit das nicht als Aufforderung zur Spekulation auf Kosten anderer missverstanden wird, dürfen nicht alle Spekulanten ungeschoren davonkommen. Investoren müssen Verluste fürchten, damit sie den richtigen Preis für Risiko finden.

Die Fed steckt in einem Dilemma. Anders als die Europäische Zentralbank soll sie nicht nur für stabile Preise sorgen, sondern auch die Konjunktur stimulieren. Das ist in Zeiten, in denen die Größe der Weltfinanzmärkte das Volumen der auf der Erde erwirtschafteten Güter und Dienstleistungen um den Faktor drei übersteigt, eine hohe Kunst. Denn wenn die wichtigste Notenbank der Welt die Akteure an den Märkten zu lange mit billigem Geld versorgt, verführt sie zu Sorglosigkeit und lädt zur nächsten Spekulationswelle ein.

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