11.08.2008 · Die zweitgrößte deutsche inhabergeführte Privatbank M. M. Warburg besteht bereits seit mehr als 200 Jahren. Mit Hamburg ist sie so verwoben wie Alster und Michel. Und hat hier auch Terror und Verfolgung erlebt und überstanden.
Von Hendrik AnkenbrandDie Reederei Hapag-Lloyd ist ein Hamburger Wahrzeichen. „Die gehört zu uns wie der Michel und die Alster“, sagen die Hamburger. Jetzt steht das Schmuckstück zum Verkauf. Die Chancen, dass es der Hansestadt erhalten bleibt, sind nicht schlecht. Denn unter den Bietern ist ein anderes städtisches Original ganz vorn mit dabei: M. M. Warburg, Hamburger Privatbankiers seit 1798.
Michel, Alster, Warburg. So könnte die Reihe auch lauten. Am Rad des Hamburger Wirtschaftslebens dreht das vornehme Geldhaus in der Ferdinandstraße seit jeher mit. Auch die Bewohner der weißen Villen im feinen Blankenese und am noch feineren Alsterufer lassen von Warburg ihre Millionen und Milliarden verwalten. Man schätzt die Diskretion und die Risikoscheu der elitären Banker, deren Geschäft auch der Zusammenbruch des amerikanischen Immobilienmarkts kaum etwas anhaben konnte. Der Überschuss stieg im vergangenen Jahr um ein Viertel auf 63 Millionen Euro, die Bilanzsumme betrug 8,7 Milliarden Euro - ein grundsolides Geschäft.
Aus dem Krieg geboren
In der einzig wirklich existenzbedrohenden Krise war das Bankhaus Opfer der Diktatur. Denn M. M. Warburg, das ist eine sehr deutsche Geschichte. Sie beginnt vor mehr als 200 Jahren. Die Kaufleute in der damals etwa 100.000 Einwohner zählenden Hafenstadt Hamburg haben während des Siebenjährigen Kriegs von 1756 bis 1763 gut verdient. Auch die Wirtschaftskrise nach Kriegsende ist ohne größere Auswirkung an ihnen vorübergezogen. Ein Handelsvertrag mit Frankreich und der neue Handelspartner Amerika, zu dem von Hamburg aus die Warenschiffe in See stechen, spülen den Hanseaten hohe Gewinne in die Kassen.
Es ist die Geburtsstunde der deutschen Banken. Der Hamburger Senat hatte 1619 das erste eigene Geldinstitut gegründet, das den Kaufleuten Unterstützung bei Geldtransfer und Kreditaufnahme geben sollte. Doch die staatliche Bank kann mit dem wachsenden Kapitalbedarf nicht mithalten - privates Engagement ist vonnöten. Der „Merchant Banker“ entsteht: Von Haus aus Im- und Exporteur, Schiffseigner und Seefahrer, betreiben Kaufleute im Nebenberuf das Bankgeschäft, finanzieren eigene und fremde Geschäfte.
Kriselndes Amerika-Geschäft
Die jüdischen Brüder Moses Marcus - nach dessen Initialen das Bankhaus später benannt wurde - und Gerson Warburg haben das Geldwechselgeschäft von ihrem Vater übernommen. 1798 machen sie daraus das Bankhaus M. M. Warburg & Co. Die Wirtschaft lässt ihr Geschäft florieren, und in Hamburg ist der Antisemitismus nicht so stark ausgeprägt wie in anderen Teilen Deutschlands.
Als Juden können sie in der Stadt relativ gut leben. Es gibt hier keine Ghettos wie andernorts, doch wohnen dürfen die etwa 4000 Einwohner jüdischen Glaubens trotzdem nicht überall dort, wo es ihnen gefällt. Zwar gibt es keine offizielle Einteilung, doch die portugiesischen Juden leben am Alten Wall und am Mönckedamm, die deutschen Juden in der Elbstraße und der Marktstraße. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts gestattet der Senat den Juden die Hamburger Staatsbürgerschaft.
M. M. Warburg muss in dieser Zeit einige Verluste hinnehmen, besonders das Amerika-Geschäft kriselt, als es nach dem Krimkrieg von 1853 bis 1856 zu einem Anstieg und Absturz der Rohstoffpreise kommt und die Kurse der amerikanischen Eisenbahnaktien in den Keller gehen. Die werden vor allem von Briten gehalten, und die sind wiederum mit Hamburg eng verbunden. 150 Unternehmen gehen in der Stadt pleite, der Senat muss vom österreichischen Staat einen Millionenkredit aufnehmen. In den Verhandlungen mittendrin: die Warburgs.
Kaiserjude
Die Nachfahren der beiden Gründungsbrüder dürfen inzwischen auch in besseren Stadtvierteln wohnen. Und die Geschäfte gehen trotz europäischer Börsenkrisen recht gut für die Warburgs, und das, was man sich durch Fleiß und Geschick erschaffen hat, will man auch zeigen. Siegmund lebt auf einem großen Anwesen an der Außenalster, Moritz nicht weit entfernt im Mittelweg.
Als man Ende des 19. Jahrhunderts die ersten hundert Jahre des Bestehens des Bankhauses feiert, ist das Eigenkapital auf 5,7 Millionen Mark angewachsen.Die Bank hat inzwischen einen neuen Gesellschafter, der die Bank künftig prägen und mit ihr beinahe ins Verderben stürzen wird: Max Warburg. Der gelernte Banker wollte eigentlich seine Laufbahn als Kavallerie-Offizier weiterverfolgen. Doch angesichts der antisemitischen Stimmung in Deutschland muss Max den Traum von einer militärischen Karriere begraben.
Dennoch ist Max Warburg mit Herz und Seele Patriot. Zwar äußert er sich 1907 öffentlich pessimistisch zur Frage, ob Deutschland auf einen möglichen europäischen Krieg finanziell und wirtschaftlich vorbereitet sei. Doch er unterstützt mit Hingabe den Aufbau von deutschen Kolonien in Afrika. Warburg und sein Freund Albert Ballin, Chef der Reederei Hapag, werden als „Kaiserjuden“ betitelt, die trotz aller Anfeindungen fest zur Krone halten.
Sündenbock
Die Treue soll Warburg nicht gedankt werden. Max Warburg hat recht behalten mit seinem Pessimismus gegenüber einem Kriegserfolg der Deutschen. Nach der Niederlage verlangen die siegreichen Alliierten gewaltige Reparationsleistungen. Warburg, Mitglied der deutschen Delegation bei den Friedensverhandlungen in Versailles, verlässt empört den Sitzungsort. Trotzdem macht ihn die antisemitische Propaganda zum Mitschuldigen am deutschen Dilemma, das Jahrzehnte später den Untergang bedeuten sollte.
Hohe Reparationen und die immense Inflation leiten den Niedergang der deutschen Wirtschaft ein. Warburg muss die Zahl der Angestellten wie alle Banken ständig erhöhen, weil die Buchhaltung mit dem Schreiben der Nullen nicht mehr hinterherkommt. Das Gehalt gibt es täglich zum aktuellen Dollarkurs, einen Tag später liegen die Preise ja schon wieder einige Milliarden höher. Der „schwarze Donnerstag“ im Oktober 1929, dem großen Börsenkrach von New York, versetzt der Weltwirtschaft einen weiteren kräftigen Stoß auf dem Weg in die Krise.
Verfolgt und terrorisiert
In den folgenden Jahren bricht sich der Judenhass in Deutschland völlig seine Bahn. Max Warburgs nichtjüdische Geschäftspartner bekommen Fotos von dem Bankier zugeschickt mit der Warnung, sich nicht mit einem Juden einzulassen. An der Börse wird Warburg gemieden, niemand will sich mit ihm mehr sehen lassen. Er empfindet „Scham und Trauer für die anderen“.
Trotzdem glaubt er wie so viele deutsche Juden an „sein“ Land. Seine Bank will Warburg „wie eine Festung“ verteidigen. Doch auch wenn die Angestellten nach der Machtergreifung Hitlers noch lange Zeit Solidarität zu ihrem Arbeitgeber zeigen, nehmen Druck und Terror der Nationalsozialisten auf den jüdischen Banker unaufhörlich zu. Die Anzahl der Kunden schrumpft auf ein Drittel, die Auslandsgeschäfte kommen zum Erliegen.
Gemieden und verjagt
Max Warburg verzweifelt. „Allmählich fing ich an zu begreifen, dass alles verloren war“, schreibt er. „Mich hielt nur das Gefühl aufrecht, ich müsse meine Pflichten gegenüber den jüdischen Mitbürgern erfüllen.“ Der Vorsitz des jüdischen Waisenhauses, der Vorstandsposten bei der Talmud-Thora-Schule, der Aufsichtsratssitz der Reichsvertretung deutscher Juden.
Die Bilanzsumme der Bank sinkt und sinkt. „Es wurde still um unseren Betrieb“, erinnert sich Warburg später. „Auf meinem Weg in die Bank traf ich nicht einen einzigen Bekannten, während ich früher dauernd den Hut zum Grüßen hatte ziehen müssen.“ 1938 schließlich wird M. M. Warburg „arisiert“. Max Warburg muss sich dem Druck der Nazis beugen und wandelt die Bank in eine Kommanditgesellschaft unter anderem Namen um.
Persönlich haftende Gesellschafter werden Rudolf Brinckmann und Paul Wirtz, nichtjüdische Vertraute des vormaligen Bankchefs, die den nationalsozialistischen Staat verabscheuen. Doch nach 140 Jahren werden die Warburgs vom Terrorregime aus ihrer eigenen Bank gejagt. In seiner Abschiedsrede vor der Flucht in die Vereinigten Staaten wünscht Max Warburg den verbliebenen Angestellten bei der Arbeit Erfolg, „zum Segen der Hansestadt Hamburg und zum Segen Deutschlands“. Als er die ausgestreckten Hände drückt, kommt es ihm so vor, „als ob ich vor meinem eigenen Sarg stünde“.
Erst spät wieder unter dem wahren Namen
Nach der deutschen Kapitulation gleicht Hamburg einer Trümmerwüste. In der Ferdinandstraße ist nur das Bankhaus intakt geblieben. Max Warburg wird hier keine Geschäfte mehr führen. Ende 1946 stirbt er im Alter von 79 Jahren in New York.
Unter dem Namen „Brinckmann, Wirtz & Co.“ beginnt sich die Bank vom Krieg zu erholen. In den sechziger Jahren hat sie sich bereits zur drittgrößten deutschen Privatbank entwickelt. Jetzt hält auch wieder der Name Warburg Einzug in das Unternehmen.
Die Position unter den deutschen Privatbanken konnten die Hamburger Banker noch steigern. Wieder unter altem Namen, gilt M. M. Warburg nach Sal. Oppenheim heute als die zweitgrößte inhabergeführte Privatbank. Und ist trotz Terror und Verfolgung eine der wenigen Überlebenden jener 2000 Privatbanken, die zur Zeit des Deutschen Reichs zum Anfang des vergangenen Jahrhunderts bestanden haben.
Zurück als Hamburger Institution
Bei M. M. Warburg bilden die vermögenden Privatpersonen die Nische, die dem Institut eine stolze Eigenkapitalrendite von gut 26 Prozent einbringen. Geführt wird die Bank seit Mitte Juli nur noch von zwei Gesellschaftern: dem direkten Gründernachfahren Max Warburg und Christian Olearius, der die Bank in der Öffentlichkeit fast ausschließlich vertritt.
Der Jurist und frühere Landesbanker war es, der Mitte der achtziger Jahre einen Generationswechsel bei M. M. Warburg eingeleitet hatte und das schwächelnde Bankgeschäft kontinuierlich zum Erfolg ausbaute. Nun ist die Bank wieder das, was sie einst war: eine Hamburger Institution. Wie Alster, Michel und Hapag-Lloyd.
Hendrik Ankenbrand Jahrgang 1978, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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