26.07.2008 · In Genf haben vier bedeutende Privatbanken ihren Sitz. Die älteste ist Lombard Odier Darier Hentsch. Sie versucht seit der Gründung, die Weltoffenheit der Stadt zu spiegeln.
Von Jürgen DunschRund um die Rue de la Corraterie in Genf muss man die Banken nicht lange suchen. Am Beginn der Straße steht rechts das futuristische Gebäude von BNP Paribas, links hat die Credit Suisse eine große Leuchtschrift installiert.
Nach diversen anderen Bankgebäuden steht allerdings auf der linken Straßenseite ein dezent-prachtvoller Bau aus dem Jahr 1923 ohne Signet. Erst beim Näherkommen entdeckt man neben der schmiedeeisernen Tür die kleine Plakette „Lombard Odier Darier Hentsch & Cie.“
Tradition und Weltoffenheit
Im Inneren dominiert die Eleganz eines herrschaftlichen Anwesens aus dem 19. Jahrhundert. Die Moderne der Informationstechnologie und Telekommunikation verberge sich im Hintergrund, sagt der geschäftsführende Teilhaber Patrick Odier lächelnd und klopft gegen eine Wand, die eine zartgrüne Tapete ziert.
Auf diese Verbindung von Tradition und Weltoffenheit ist man stolz bei Lombard Odier Darier Hentsch (LODH). Andere Banken mit einer großen Geschichte sind heute nur noch Vergangenheit, die Genfer sind nach mehreren Mutationen indes immer noch da.
„In den mehr als 200 Jahren unseres Bestehens hoffen wir, ein großes Bündel an Erfahrung angesammelt zu haben“, sagt Patrick Odier mit entspannter Miene. „Eine Familiengesellschaft seit 1796“, ruft die Bank als Werbung ihrer internationalen Kundschaft regelmäßig in Erinnerung.
Mit Genf groß geworden
Genauer gesagt sind es die Familien der vier Namensträger, welche das Grundmuster der Bank bilden. Der Aufstieg der Bank ist mit dem Aufschwung von Genf eng verknüpft. 1796 leidet Frankreich unter den Nachwirkungen der Revolution, zahlreiche Banken gehen in Konkurs. In der Stadt Calvins haben Handel und Gewerbe dagegen eine feste Heimstatt gefunden, getreu der Lehre dieses Reformators, dass persönlicher Wohlstand ein gottgefälliges Werk sei.
Zugleich zeichnet Genf schon damals ein Kosmopolitismus aus, von dem der Publizist Fritz René Allemann meinte, er gehöre „zu seinen vornehmsten Konstanten im Wandel der Jahrhunderte und unterscheidet es von allen anderen schweizerischen Städten und Ständen“. Uhrmacherei und die „Indiennerie“, das heißt das Bedrucken von Baumwollstoffen nach ursprünglich indischem Vorbild, entwickeln sich zu zwei bedeutenden und exportstarken Gewerbezweigen.
Hier sieht Henri Hentsch seine Chance und gründet ein Seidenhandels- und Kommissionshaus. 1798 stößt Jean Gédéon Lombard hinzu. Auch die napoleonische Besetzung ihrer Stadt kann den Vorwärtsdrang der Partner nicht unterbrechen, sondern nur auf einen anderen Weg verweisen: Sie verlagern ihr Geschäft immer mehr von der Handelsfinanzierung auf die Vermögensberatung und Vermögensverwaltung - die heutige Domäne von LODH.
O steht für Internationalität
Napoleon wird vertrieben, der Wiener Kongress ordnet Europa neu, Genf wird ein Teil der Schweiz. Zu der zweiten Generation von Hentsch, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts der Bank verbunden bleiben sollte, und Lombard stößt Charles Odier. Er weitet das Angebotsspektrum auf internationale Finanzierungen aus, in der See- und Binnenschifffahrt ebenso wie im Bahntransport.
Zur selben Zeit entsteht 1830 in Genf eine neue Bank, die eng mit der Familie Darier verbunden ist und fünfzig Jahre später auch deren Namen annimmt. Schon 1809 hatte ein anderer Zweig der Familie Hentsch das Institut Hentsch & Co. gegründet, das Anfang der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts mit Darier & Co. fusionieren wird.
Schwere Zwischenkriegszeit
Bis zum Ersten Weltkrieg blühen Handel und Wandel in der Stadt am Lac Léman. Die Banken betätigen sich zweifach: als Geldgeber und als Vermögensverwalter ihrer Großkunden, die im Zuge der forcierten Industrialisierung einen hohen Kapitalbedarf haben und zugleich bedeutende Vermögen bilden können.
Erster Weltkrieg, Revolution in Russland, Inflation in Deutschland, Börsenkrach in Amerika und danach die Weltwirtschaftskrise verändern auch in der Schweiz die Bankenlandschaft grundlegend, obwohl das Land bei diesen Entwicklungen am Rande steht. Dies spüren nicht zuletzt die Institute in Genf. Lombard Odier, wie die Bank inzwischen heißt, überlebt. 1951 gründet sie in Montreal ihre erste ausländische Niederlassung.
Fusion, Übernahme, Rettungstat?
Mitte 2002 erfolgt der letzte große Schritt: Die Häuser Lombard Odier & Cie. und Darier Hentsch & Cie. schließen sich zusammen, um, wie es heißt, „vereint eine offensivere Strategie in der Schweiz und in Europa zu verfolgen“. Genauer betrachtet, übernahm Lombard Odier die Genfer Branchenkollegen.
Thierry Lombard deutet dies im Gespräch mit den Worten an, ein Partner habe den anderen integriert, und Patrick Odier ergänzt: „Darier Hentsch benötigte zusätzliche Ressourcen und eine Management-Plattform.“ Zugleich ist die Fusion von Geburtswehen begleitet, die Thierry Lombard indes nur als „kleine Schwierigkeiten“ verstanden wissen will, bei denen Außenstehende unzulässigerweise Markteinflüsse mit der internen Entwicklung vermengten.
Der Genfer Klub
Nach dem Zusammenschluss bilden nun vier Institute den engen Kreis der Genfer Privatbankiers: Pictet (gegründet 1805), Mirabaud (1819), Bordier (1844) und eben LODH als das Haus mit der längsten Geschichte. Es verfügt heute über fünf Standorte in der Stadt, und die Partner betrachten die Internationalität von Genf als Aushängeschild auch für die Bank.
Die Weltoffenheit mit Vertretungen in 18 Ländern besteht weiter - und die Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Entwicklungen. LODH rühmt sich, ein Spezialist für Hedge-Fonds-Anlagen zu sein. Sichtbar wird das Gespür für Neues auch in der Verbindung mit Familiengesellschaften; sie reicht weit über die reinen Geschäftsbeziehungen hinaus und umfasst zum Beispiel die Förderung ihrer Rolle als Mäzene.
Den sichtbarsten Beleg bildet allerdings das Vertriebsbündnis mit dem ehemaligen amerikanischen Präsidentschaftskandidaten und Friedensnobelpreisträger Al Gore für dessen Fondsgesellschaft für umweltfreundliche und nachhaltige Projekte. Schon länger besteht die Vereinbarung mit den Sparkassen in Deutschland für den Verkauf von LODH-Fonds.
Vier Familien, acht Generationen
Heute dominiert die siebte Generation die Bank. In der Führung sind alle vier Familien vertreten, so verlangt es der Gesetzgeber in der Schweiz. Daneben bilden vier weitere geschäftsführende Teilhaber das Führungsgremium, an dessen Spitze der regelmäßig wechselnde „Senior Partner“ steht. Die Partner haften unbeschränkt und zeichnen sowohl für die strategische Weiterentwicklung der Bank wie auch für ihre speziellen Kundenkontakte verantwortlich.
Die Organisation nach Regionen tritt demgegenüber zurück. Einmal in der Woche behandeln die Partner die wichtigsten Themen im großen Kreis, daneben pflegen sie den kurzen Draht auf informeller Basis. Auch die achte Generation wird schon an die „Ansammlung von Persönlichkeiten“ herangeführt, wie Patrick Odier formuliert. Dies sei ein fortlaufender Prozess. Die Bank verlangt von den Nachfolgekandidaten nicht kategorisch externe Erfahrungen, sie würden aber nachdrücklich ans Herz gelegt.
Bankgeheimnisse
Die Bank mit einem verwalteten Vermögen von rund 100 Milliarden Euro und 1800 Beschäftigten hält große Stücke auf ihre engen Kundenkontakte. Entsprechend streichen die Partner dies immer wieder heraus. Zum Abschneiden in der Finanzmarktkrise äußern sich Lombard und Odier nicht konkret. Aber die Seelenverwandtschaft mit einem konservativen und langfristig orientierten Anleger wie dem Amerikaner Warren Buffett wird ausdrücklich bejaht.
Das Schweizer Bankgeheimnis ist für eine Bank wie Lombard Odier Darier Hentsch ebenfalls ein Baustein der Geschäftsphilosophie. Patrick Odier hält es dem Grundsatz nach für unentbehrlich - gerade in einer Zeit, in der die Privatsphäre durch das Internet und andere Formen der modernen Kommunikationstechniken immer stärker bedroht werde.
Mehr Temperament
Im kommenden Jahr tritt der Mann des Jahrgangs 1955 an die Stelle von Thierry Lombard als „Senior Partner“ des Bankhauses, der eine Art Dirigent im Konzert der geschäftsführenden Teilhaber darstellt. Die Veränderung bedeutet einen Temperamentswechsel vom zurückhaltenden Amtsinhaber mit der Erscheinung eines amerikanischen College-Professors zum extrovertierten Nachfolger, der stets eine gute Portion Zuversicht verströmt.
In der Substanz dürfte sich dagegen wenig ändern. Lombard Odier Darier Hentsch versucht Verlässlichkeit zu verbreiten. Patrick Odier sagt, im Mittelpunkt stünden nicht die Aktienkurse wie bei einem börsennotierten Unternehmen, sondern das Interesse der Kunden.
Und Thierry Lombard vergleicht die geschäftsführenden Teilhaber mit Gärtnern: „Wir sind dazu aufgerufen, die Bäume zu pflegen, neue zu pflanzen und manchmal auch einige zu fällen.“ Bisher scheint diese Einstellung über die Zeitläufte hinweg reiche Früchte getragen zu haben.
Jürgen Dunsch Jahrgang 1948, Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.
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