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Finanzdynastien (6): Barings Der Untergang der „sechsten Großmacht Europas“

12.07.2008 ·  Am 17. Januar 1995 macht ein schweres Erdbeben in Japan einen Strich durch die Spekulationen von Nick Leeson. Daraufhin musste sein Arbeitgeber, Englands ältestes Bankhaus Barings, für ein Pfund verkauft werden.

Von Bettina Schulz
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Es war ein kalter Januartag im Jahr 1995 in der Londoner City. Peter Baring, Kopf der Familie und Chairman von Barings plc, wusste, dass es sein letztes Jahr an der Spitze der Bank sein würde. Die Banksatzung schrieb vor, dass sich Familienmitglieder in einem Alter von 60 Jahren aus dem Tagesgeschäft zurückzuziehen hatten.

Aber Baring hatte schon lange aufgehört, sich um die Zahlenkrämerei des Bankgeschäftes im Detail zu kümmern. Im Gespräch wich er konkreten Fragen zum Bankgeschäft aus und hielt sein Gegenüber mit unterkühlter Arroganz auf Distanz. Zwölf Generationen berühmter Bankadel schüchterten ein und geboten zu viel Ehrfurcht, als dass Kritiker genauer nachgefragt hätten - das tat selbst die Bank von England bei Barings nicht.

Langfristig denken im Ruin

„Wir sind unabhängig. Wir müssen nicht jede Mode-Erscheinung mitmachen. Wir können langfristig denken“, sagte Baring in seinem Büro. Der herrschaftliche Blick seiner Vorfahren von den Ölgemälden an der Wand schien ihm recht zu geben. Baring ahnte nicht, dass die Bank genau in diesem Moment bereits ruiniert war. Am 17. Januar 1995 nämlich hatte ein schweres Erdbeben im japanischen Kobe, das der Banker in London lediglich in den Abendnachrichten registrierte, einen katastrophalen Strich durch die Spekulationen von Nick Leeson gemacht.

Der 28 Jahre alte Händler von Barings in Singapur versuchte seit Monaten verzweifelt, verschwiegene Handelsverluste durch Spekulationen an den Terminmärkten auszugleichen, geriet jedoch immer tiefer in die Misere. Unbemerkt von dem Kopf der Bank und der Geschäftsführung in London hatte Leeson zuletzt massiv auf eine Erholung des japanischen Nikkei-Aktienindex spekuliert. Katastrophale Kontrollfehler der Geschäftsführung in London hatten Leeson gewähren lassen.

„Es tut mir leid“

Doch das Erdbeben und der folgende Kursrutsch am japanischen Aktienmarkt katapultierten den Buchverlust von Leeson auf zuletzt 827 Millionen Pfund, damals fast 2,5 Milliarden D-Mark. Leeson kritzelte auf einen Zettel „Es tut mir leid“ und floh. Die Bank war zahlungsunfähig.

Im Februar trat Peter Baring aschfahl in den Kreis der Banker, Wirtschaftsprüfer und Vertreter der Bank von England, die in London um eine Rettung der Traditionsbank kämpften, und sagte: „Es gibt keinen Ausweg mehr. Wir müssen Zwangsverwaltung beantragen.“ Die betroffene Stille, die folgte, signalisierte das Ende einer Dynastie, die mehr als 200 Jahre lang das Bank- und Finanzwesen Londons und des Commonwealth geprägt hatte. Die Bank wurde an die holländische ING für symbolisch 1 Pfund verkauft und in den Folgejahren völlig zerschlagen.

Tradition von Fehlschlägen

So erschütternd das Ende von Barings 1995 war, so folgerichtig passt es in die Geschichte der Bank. Die Bank wurde ursprünglich von gediegenen, konservativen Woll- und Tuchhändlern gegründet, die sich vorsichtig in die Handelsfinanzierung vortasteten. Nachfolgende Generationen stiegen mit der Finanzierung von Regierungen zu einer Weltfinanzmacht auf und nutzten Rohstoffspekulationen, um den Reichtum der Bank und der Familie auszuweiten. Doch immer öfter gingen die Spekulationen schief, bis Barings 1890 von einem Konsortium Londoner Banken und der Bank von England gerettet werden musste.

Dieses Erlebnis zerstörte eine große Portion von Risikobereitschaft und Unternehmergeist in der Familie. Barings stieg nie wieder zu der machtvollen Bank auf, die sie einmal war. Das Tagesgeschäft überließ die Familie zu guter Letzt immer mehr Außenseitern.

Peter Baring war zuletzt so abgerückt vom Bankgeschäft, dass er grundlegende Geschäftsdaten und Zusammenhänge für sich nicht mehr als wichtig erachtete. Die Kontrolle derivativer Termingeschäfte von Händlern an den asiatischen Börsen wäre für ihn ein völlig abwegiges Thema gewesen. Der Zusammenbruch von Barings jagte der City daher einen Schreck ein, erweckte aber wenig Sympathie.

Vom Rohstoffhandel zur Staatsfinanzierung

Die Dynastie der Bank reicht bis John Baring zurück, der aus Bremen nach Exeter zog, um dort das Woll- und Tuchgeschäft zu betreiben, und zu einem der reichsten Händler aufstieg. Sein Sohn Francis handelte in London zunächst Rohstoffe, stieg dann aber in die Handelsfinanzierung ein - daher der altenglische Name der Merchant-Banken.

Francis verspekulierte sich mit Soda und Cochineal, stieg aber zu einem der größten Staatsfinanzierer der damaligen Zeit auf. So finanzierte Barings den Vereinigten Staaten 1802 den Kauf von Louisiana von Frankreich. Barings war die mächtigste Merchant-Bank damaliger Zeit, half Großbritannien bei der Finanzierung seiner Kriege gegen Amerika und Frankreich und war für den globalen Handel als Zwischenfinanzierer unersetzbar.

1817 soll der Duc de Richelieu über Baring Brothers & Co gesagt haben: „Es gibt sechs Großmächte in Europa: England, Frankreich, Preußen, Österreich, Russland - und Baring Brothers.“ Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war Baring Brothers mit Abstand die wichtigste Bank in der Londoner City, und die Familie war tief verwoben mit dem Adel und hatte engen Kontakt zum Königshaus.

Verspekuliert in Argentinien

Unter dem Baring-Nachfolger Lord Revelstoke stieg der Erfolg dem Familienoberhaupt allerdings zunehmend zu Kopf. 1886 stieß die Habgier von Barings in der City erstmals übel auf, als Barings einen Großteil der Erstemission von Guinness-Aktien in der Familie und der Bank aufteilte, und dies mit absehbar massiven Gewinnen.

Barings zeichnete zunehmend Aktienemissionen von Überseegesellschaften, so schließlich auch eine Großemission der Buenos Aires Water Supply and Drainage Company, deren Aktien in Europa aber niemand kaufen wollte. Barings stand vor der Zahlungsunfähigkeit, was in der damaligen Zeit für die Londoner City undenkbar gewesen wäre. Der damalige Gouverneur der Bank von England, William Lidderdale, organisierte ein Rettungskonsortium mit Rothschild an der Spitze, das Barings mit umgerechnet mehr als 1 Milliarde Pfund nach heutiger Rechnung aus der Patsche half.

Eine Zukunft mit glanzvoller Vergangenheit

Aber der Schock für die Familie saß tief. Die Partner der Bank mussten Haus und Hof verkaufen. Sie konnten die Bank zwar als Rumpfgeschäft aus der Konkursmasse wieder übernehmen und als Baring Brothers & Co Ltd weiterführen, aber der Ruf und das Selbstbewusstsein der Bankergeneration hatten gelitten und erholten sich nie wieder zum alten Glanz. Andere Banken mit mehr unternehmerischem Geist und glücklicher Hand stiegen auf. Barings fiel in die zweite Liga der Merchant-Banken zurück, blieb zwar Hausbank des Königshauses, aber führte die Londoner Finanzgeschäfte nicht mehr voran.

Dieses Schicksal wurde nach den beiden Weltkriegen noch verstärkt, als eine gemeinnützige Stiftung gegründet wurde, auf die die Familie 1985 die letzten Teile des stimmrechtslosen Eigenkapitals übertrug. Danach konnte die Bank ihr Kapital nur noch durch einbehaltende Gewinne aufstocken, da ihr eine Kapitalaufnahme über die Börse nicht offenstand. Dies begrenzte die Geschäftsmöglichkeiten von Barings gegenüber Konkurrenzinstituten.

Untergang in moderner Zeit

1985 war das Jahr des „Big Bang“ in der City, der Deregulierung des Bankensektors. Plötzlich war es Banken erlaubt, Broker zu übernehmen und in das Wertpapiergeschäft einzusteigen. Das lockte amerikanische und kontinentaleuropäische Auslandsbanken an, die die alten Londoner Merchant-Banken systematisch aufkauften und als Rumpfgeschäft für die Expansion in das Investmentbanking nutzten. Es kostete nahezu alle traditionellen Merchant-Banken ihre Unabhängigkeit. Alle großen Traditionshäuser wie Baring, Schroder, Kleinwort, Hambros, Flemings und SG Warburg wurden von großen ausländischen Investment-Banken geschluckt und gingen unter.

Anstelle des Altherren-Bankgeschäftes in Clubatmosphäre, wo Beziehungen und altehrwürdiger Ruf der Bank zählten, ergriffen plötzlich mathematisch ausgebildete Fachleute der Wertpapiermärkte die Macht und richteten die Banken auf das moderne Investmentbanking aus. Für Banker der alten Schule wie Peter Baring waren kein Verständnis und keine Sympathie mehr vorhanden. „Ich glaube nicht, dass wir dumm, gierig oder nachlässig waren“, wehrte sich Peter Baring später. Aber die Merchant-Banken waren dem modernen Investmentbanking nicht mehr gewachsen. Dass Barings an den Spekulationsgeschäften von Nick Leeson zerbrach, war nur ein tragisches Symptom dieser Entwicklung.

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Wirtschaftskorrespondentin in London.

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