03.10.2008 · Die Vorfahren lebten im badischen Heidelsheim. Aber erst in der Schweiz wurde Julius Bär zu einer der bedeutendsten Bankiersfamilien. Im Jahr 2005 hat die Familie die Kontrolle über ihre Bank abgegeben - zugunsten größerer Entfaltungsmöglichkeiten.
Von Jürgen DunschFrüher hießen die Bärs auch Berle und im 17. Jahrhundert Dob. Und eigentlich stammt die Bankiersfamilie nicht aus Zürich, wie viele meinen, und auch nicht aus der Schweiz, sondern aus Heidelsheim in der Nähe des badischen Bruchsal. Dort kam am 2. Januar 1857 Isaac Bär als drittes Kind der jüdischen Familie Josef Lehmann und Rosina Therese Bär zur Welt.
Die Familie betrieb einen gutgehenden Handel mit Tierhäuten sowie einen Geldverleih. Im Alter von 40 Jahren änderte Isaac seinen Vornamen in Julius. Zu jenem Zeitpunkt war er schon ein erfolgreicher Bankier, den der Geldverleih von Jugend an viel mehr interessiert hatte als das Handelsgeschäft. Seine Ausbildung hatte Julius Bär im Augsburger Bankhaus von August Gerstle, einem Geschäftspartner seines Vaters, absolviert. Er machte rasch Karriere: Schon 1886, im Alter von 29 Jahren, trat der Heidelsheimer als Partner und Mitinhaber in das Bank- und Geldwechselgeschäft von Samuel Dukas & Co. in Basel ein.
Schon im Gründungsjahr an der Börse
Julius Bär wirkte zehn Jahre in der Stadt am Rheinknie. Dann ergriff er die Möglichkeit eines interessanten Wechsels nach Zürich. Dort hatte 1896 in der Kollektivgesellschaft Hirschhorn & Grob, die sich ebenfalls dem Geldwechsel widmete, Theodor Grob seinem Geschäftspartner Ludwig Hirschhorn eröffnet, dass er zum Jahresende ausscheiden wollte. Hirschhorn gewann als neue Partner den Zürcher Joseph Michael Uhl sowie seinen Schwager Julius Bär.
Am 1. Oktober 1896 löste Hirschhorn, Uhl & Bär die frühere Hirschhorn & Grob ab. Nach dem Tod von Ludwig Hirschhorn wurde daraus 1901 die Kommanditgesellschaft Julius Bär & Co. Als Gründungsjahr bezeichnet die Bank allerdings das Jahr 1890, in dem Hirschhorn & Grob entstand; sie hat daher schon 1990 das hundertjährige Bestehen gefeiert.
Die neuen Partner und nicht zuletzt Julius Bär erarbeiteten sich schnell einen guten Ruf in der Schweizer Bankenlandschaft. Ein Beleg hierfür stellt die Börsenzulassung in Zürich dar, die Julius Bär & Co. schon in ihrem Gründungsjahr erhielt. Der Inhaber und seine Ehefrau Marie hatten drei Söhne: Richard (Geburtsjahr 1892), Walter (1895) und Werner (1899). Walter und Werner sollten später ebenfalls in die Bank eintreten. Richard hingegen wählte die Laufbahn eines Physikprofessors.
Flucht an die Wall Street
Erst der Sohn Hans setzte in diesem Familienstamm die Bankierstradition fort. Dennoch war der Zusammenhalt eng. Im Jubiläumsbuch zum hundertjährigen Bestehen heißt es über die drei Brüder: „Mit ihren Gattinnen trafen sie sich jeden Sonntagabend im Zürcher Bahnhofbuffet zum Abendessen, und jeden Tag saßen die drei Ehepaare zum nachmittäglichen Tee in der Conditorei Chardon (am Paradeplatz) zusammen.“
Nach Erstem Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise führte insbesondere der Zweite Weltkrieg in der Bank Julius Bär zu einem Einschnitt. Die Schweiz fürchtete einen möglichen Einmarsch Hitlers. Richard Bär, der Großvater des heutigen Verwaltungsratspräsidenten Raymond Bär, entschloss sich daher 1940 zur Emigration nach New York. Bestärkt wurde er in dieser Entscheidung nach den Worten von Raymond Bär durch besorgte Kunden, die sich und ihr Vermögen ebenfalls in die Vereinigten Staaten bringen wollten.
Doch der Großvater starb kurz vor der Abreise, nur seine Witwe traf im Mai 1941 mit den vier Kindern in New York ein. Dort wurde sie, obwohl nicht vom Fach, an der Wall Street Präsidentin der wenige Monate zuvor gegründeten Baer Custodian Corporation, der ersten Auslandsgesellschaft des Geldhauses. Sohn Hans und die Geschwister hätten in Amerika die wichtigsten Lehrjahre absolviert, erzählt der Enkel in seinem Büro an der Zürcher Bahnhofstraße.
Nach 90 Jahren an die Börse
Nach Kriegsende kehrte Hans Bär in die Schweiz zurück und trat 1947 in die Bank ein. Später, nämlich 1980, übernahm er mit dem Börsengang der Bär Holding AG das Präsidium des Verwaltungsrats, das er bis 1996 innehatte. Es war das Jahr, in dem die Bär Holding AG in Julius Bär Holding AG umbenannt wurde und damit wieder klar auf den Gründer verwies. Neuer Verwaltungsratspräsident wurde Thomas Bär, der Bruder von Hans Bär, dem wiederum 2003 der gegenwärtige Amtsinhaber Raymond Bär als Vertreter der vierten Generation nachfolgte. Er wird nach seinen eigenen Worten im kommenden Jahr für eine weitere dreijährige Amtsperiode kandidieren.
Der Börsengang 1980 bildete den ersten Schritt einer völligen Neuausrichtung der Bank, an deren Ende heute eine Publikumsgesellschaft ohne bestimmenden Aktionär steht. Am 2. Oktober 2000 wurde die Holding in den SMI, den Leitindex der Zürcher Börse, aufgenommen. Im darauf folgenden Jahr tritt Walter Knabenhans die Nachfolge von Rudolf Bär als Vorsitzender der Konzernleitung an. Damit rückt erstmals ein Familienfremder in diese Position.
Ende des Familienbetriebs
2005 kommt es zum entscheidenden Schritt: Julius Bär führt die Einheitsaktie ein, und verbunden damit gibt die Familie ihre Kontrolle der Bank auf. Dies geht nicht ohne Nebengeräusche ab. Michael Bär, ein ausgewiesener Finanzfachmann, verlässt Mitte des Jahres die Bank - wegen „unterschiedlicher Auffassungen hinsichtlich der Umsetzung der Private-Banking-Strategie“, wie es offiziell heißt.
Raymond Bär streicht hingegen die Vorteile der Umsteuerung heraus. „Es eröffneten sich ganz neue Möglichkeiten, zumal sich die Bindung einzelner Familienmitglieder an die Bank gelockert hatte. Sie erleichterte die künftige Kapitalbeschaffung, erlaubte ein Wachstum auch unter Einschluss von Akquisitionen und schuf eine Grundlage für die Gewinnung externer Manager.“
Knabenhans kündigte zum Jahresende 2005 seinen Rücktritt an. Nachfolger sollte der von der Credit Suisse kommende Alex Widmer werden. Nach Ansicht von Raymond Bär ist er einer der besten Bankenkenner für das Ausbaugebiet Asien. Widmer bildet heute als Chef des dominierenden Private Banking die operative Spitze von Julius Bär, die in der Gruppe mit 4300 Beschäftigten ein Kundenvermögen von umgerechnet 230 Milliarden Euro betreut.
Episode UBS
Zunächst jedoch wurde Johannes de Gier Vorstandsvorsitzender. Gleichzeitig baute die Bank ihr Deutschland-Geschäft mit den vier Standorten Frankfurt, Stuttgart, Düsseldorf und Hamburg aus. Vor allem jedoch wurde 2005 zu einem Jahr der Akquisitionen: Von der UBS erwarb Julius Bär die drei Privatbanken Ehinger & Armand von Ernst, Ferrier Lullin & Cie., BDL Banco di Lugano sowie den auf alternative Anlagen spezialisierten Vermögensverwalter GAM.
Da Julius Bär trotz der Öffnung des Aktionärskreises kurzfristig nicht den gesamten Kaufpreis aufbringen konnte, erhielt die UBS eine namhafte Beteiligung an der Bank. Dies nährte zwangsläufig Spekulationen über eine weitergehende Verbindung, obwohl die „Bären-Bank“ ein ums andere Mal ihre Position als nunmehr größter unabhängiger Vermögensverwalter und drittstärkstes Geldhaus des Landes betonte.
„Eine Übernahme durch die UBS stand nie zur Debatte“, sagt rückblickend Raymond Bär. Der damalige Konzernchef Peter Wuffli habe ihm versichert, Julius Bär als eigenständige Kraft zu erhalten. Kurz nach Ende der Festlegungsfrist wurde die Verbindung im Juni 2007 denn auch gelöst: Gut 15 Prozent veräußerte die UBS über die Börse, 5,5 Prozent kaufte Julius Bär selbst.
Rückzug aus Amerika beschlossen
Es sei die letzte bedeutende Entscheidung des am Beginn der Finanzmarktkrise ausscheidenden Wuffli gewesen, merkt Raymond Bär als historische Fußnote an. Heute sind zehn Aktionäre aus der Familie mit weniger als drei Prozent an der Bank-Holding beteiligt. Der 49 Jahre alte Raymond Bär, der einst der Ansicht seines Vaters öffentlich widersprach, das Bankgeheimnis habe die Schweiz „fett und impotent“ gemacht, hat gleichwohl eine Schlüsselposition inne. In der seit September dieses Jahres geltenden Struktur ist der Vorstandsvorsitzende weggefallen. Widmer und der zweite Spartenleiter David Solo berichten seitdem direkt an den Verwaltungsrat.
Es bestehe keine Absicht zur Trennung von GAM, sagt Raymond Bär zu den Aktivitäten außerhalb von Widmers Private Banking. Sie sei „eine stolze Einheit in einem schwierigen Markt“. Weiterhin auf der Tagesordnung steht hingegen der Börsengang des Amerika-Geschäfts, wenngleich er sich wegen der Finanzmarktkrise, die auch Julius Bär sichtbar zusetzt, in die Länge zieht.
Der Rückzug aus diesem Land ist beschlossene Sache: „Für die Vereinigten Staaten sind wir zu klein und ist das juristische System zu komplex“, sagt der Verwaltungsratspräsident und denkt dabei sicher an die Schwierigkeiten der UBS jenseits des Großen Teichs. Die weite Welt lockt ihn durchaus, nur heißen die Regionen Osteuropa, Asien, Lateinamerika. Im Vergleich dazu wirkt die Bärengasse unweit seines Büros ausgesprochen kleinkrämerisch. Aber die hat ja mit der Bank Julius Bär auch nichts zu tun.
Jürgen Dunsch Jahrgang 1948, Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.
Jüngste Beiträge
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |