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Finanzdynastien (15): Rothschild Finanzdynastie Rothschild: Im 20. Jahrhundert unerwünscht

01.10.2008 ·  Im 19. Jahrhundert waren die Rothschilds die reichste Familie der Welt. Sie finanzierten Kriege und den Eisenbahnbau. Die Nazis beendeten die Erfolgsgeschichte. Vorerst.

Von Judith Lembke
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Es ist das Jahr 1815, bei Waterloo kämpft Napoleon gegen die britisch-niederländisch-preußischen Truppen. Ein deprimiert aussehender Mann steht in London auf dem Börsenparkett und verkauft in großem Stil britische Staatsanleihen.

Die übrigen Börsianer werten diese Verkäufe als Zeichen, dass die englischen Truppen den Franzosen unterlegen sind. Auch sie verkaufen, die Kurse fallen. Der inzwischen gar nicht mehr so traurig wirkende Mann - es handelt sich dabei um Nathan Rothschild - kauft die Papiere jetzt über einen Agenten zu Tiefstkursen.

Der Trick von Waterloo

Im Gegensatz zu den anderen Spekulanten war er nämlich von Kanalschiffern informiert worden, dass die Engländer gegen Napoleon gewonnen hatten. Als am nächsten Tag die Siegesnachricht London erreicht, klettern die Kurse der Staatspapiere wieder steil nach oben. Nathan Rothschild verkauft die Anleihen mit einem riesigen Gewinn.

Diese Geschichte ist in doppelter Hinsicht bezeichnend. Einerseits wirft sie ein Schlaglicht auf die kaufmännische Klugheit Nathan Rothschilds, des Gründers des britischen Familienzweigs. Auf der anderen Seite zeigt sie auch exemplarisch, dass Informationsvorteile damals wie heute im Finanzgeschäft bares Geld wert sind. Ob sie jedoch wahr ist, weiß wohl niemand so genau.

Mythische Geschichte

Um kaum eine Finanzdynastie ranken sich so viele Legenden wie um die Rothschilds. Zu dieser Mythenbildung hat die Familie maßgeblich selbst beigetragen - durch ihre Verschwiegenheit. Bis vor wenigen Jahren erhielt kein Historiker Zutritt zu allen Familienarchiven, die meisten Chroniken sind gegen den Widerstand der Familie entstanden. Dieser enge Zusammenhalt und die Geschlossenheit nach außen bildeten über Generationen die Basis für den geschäftlichen Erfolg der Familie.

Der Aufstieg der jüdischen Bankiers, die ihren Namen wirklich einem roten Schild an der Tür verdanken, beginnt im Frankfurt des 18. Jahrhunderts mit dem Tuchhändler Mayer Amschel. Neben einer großen kaufmännischen Begabung besaß er eine Leidenschaft für Numismatik. Er reiste seltenen Münzen und Medaillen hinterher, die er an vermögende Sammler verkaufte.

Die richtigen Beziehungen

Dabei achtete Mayer Amschel darauf, mit den richtigen Leuten Geschäfte zu machen. Bewusst kümmerte er sich um den Beziehungsaufbau zu den Mächtigen der damaligen Zeit. Wenn es seinem langfristigen Ziel diente, nahm er auch schon einmal einen Verlust in Kauf.

Als Hofbankier des Kurfürsten von Hessen gewann er zunächst an Vermögen und dann auch an Einfluss. Vor allem nahm Mayer Amschel einen ebenso unorthodoxen wie weitsichtigen Schritt vor: Vier seiner Söhne sandte er in die wichtigsten Städte Europas, damit sie dort internationale Geschäftsbeziehungen knüpften. Einen schickte er nach Wien, einen nach Neapel, einen nach Paris und einen nach London. Ein Sohn blieb am Stammplatz Frankfurt zurück.

Unkonventioneller Umgang

Am meisten reüssierte Nathan in England. Zunächst als Tuchhändler und später als Bankier wurde er schnell für seinen Mut und seine Unangepasstheit bekannt. Er gebärdete sich in London als Außenseiter, der gegen die Regeln des Establishments verstieß.

Davon erzählt unter anderem folgende Anekdote: Eines Tages verschaffte sich ein englischer Würdenträger ungebeten Zutritt zu Nathans Büro und wollte mit ihm sprechen. Nathan bat ihn unzeremoniell, Platz zu nehmen, er sei in einer Minute für ihn da. Daraufhin sagte der Würdenträger: „Wissen Sie eigentlich, wer ich bin?“, und zeigte auf seine Wappenborte. Nathan war daraufhin nicht um eine Antwort verlegen und sagte nur kurz: „Na, dann nehmen Sie sich doch zwei Stühle“, und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

Politische Vorbehalte kannte Nathan ebenso wenig wie nationale Dünkel. Zunächst finanzierte er den Krieg der Engländer gegen Napoleon, um nach der Niederlage Frankreichs die französischen Reparationen vorzustrecken.

Der Prophet des Geldes

Als Mayer Amschel 1812 starb, hinterließ er ein Testament, das die Grundsätze des Unternehmens für die Zukunft festschrieb. Ein wichtiger Aspekt bestand darin, dass die Töchter von der Teilhabe ausgeschlossen wurden. Das lag jedoch weniger an der Frauenfeindlichkeit des Patriarchen, sondern an seiner Angst vor einem zu großen Ehrgeiz der Schwiegersöhne.

Spätestens ab Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Rothschilds die Nummer eins in der Bankenwelt, niemand zählte mehr europäische Herrschaftshäuser zu seinen Stammkunden. „Geld ist der Gott unserer Zeit und Rothschild sein Prophet“, schrieb Heinrich Heine.

In ihrer Glanzzeit wurden sie von ihren Zeitgenossen nicht ohne Argwohn als „sechste Großmacht“ neben England, Frankreich, Preußen, Österreich und Russland bezeichnet. Sie finanzierten Kriege und den Eisenbahnbau und beschafften der englischen Regierung 1875 in weniger als einer Stunde die Mittel zum Erwerb des Suezkanals. Als Nathan Rothschild 1836 starb, war er nicht nur der wichtigste Financier der englischen Regierung, sondern wohl auch der reichste Mensch seiner Zeit.

Verfehlte Europa-Fixierung

Doch auch seine Brüder und ihre Nachfolger konnten beachtliche Erfolge vorweisen. Vor allem der französische und der österreichische Zweig des Bankhauses gewannen in ihren Ländern an Macht und Reichtum, wobei vor allem Salomon in Wien gegen ein zutiefst antisemitisches System anzukämpfen hatte.

Trotz der räumlichen Distanz blieb der enge Familienzusammenhalt erhalten. Wirkliches Vertrauen wurde nur den Angehörigen entgegengebracht, und so blieben etwa auch Hochzeiten unter engen Verwandten nicht aus.

Doch selbst die vorausschauenden Rothschilds begingen strategische Fehler: Sie versäumten es, eine Filiale in den aufstrebenden Vereinigten Staaten aufzubauen, und wurden dort nur von einem Agenten repräsentiert. Die Geschäftsabläufe, die sich in der Anfangszeit vor allem durch ihre Schnelligkeit ausgezeichnet hatten, wurden träger, da wichtigen Projekten alle entscheidenden Familienmitglieder zustimmen mussten.

Niedergang

Zudem blies auch den Rothschilds mit dem Aufkommen der großen Aktienbanken im 19. Jahrhundert ein kühlerer Wind ins Gesicht. Zunächst hatten sie die neuen Wettbewerber, die ihnen vor allem bei der Finanzierung des Eisenbahn- und Industrieanlagenbaus Konkurrenz machten, unterschätzt. In ihrem Reichtum und ihrer Macht fühlte sich die Familie unangreifbar. Mit hochherrschaftlichen Häusern versuchten sie ihrem Status Ausdruck zu verleihen und strebten danach, in den Adelsstand erhoben zu werden.

Der Erste Weltkrieg markierte einen Wendepunkt für die Dynastie. In England starben alle drei Brüder, die das Unternehmen führten, kurz hintereinander. Die Londoner Filiale gab zwar weiterhin Staatsanleihen aus, doch das Geschäft lief zäh, und immer wieder kam es zur Zahlungsunfähigkeit von Bankkunden.

Besonders hart trafen jedoch der Aufstieg der Nationalsozialisten in Deutschland und der Zweite Weltkrieg die jüdischen Bankiers: Die Banken und sonstige Vermögenswerte der Familie wurden zuerst in Österreich und später auch in Frankreich enteignet. Die Frankfurter Filiale war ohnehin schon 1901 geschlossen worden. Die Nazidiktatur bedeutete das Ende der Rothschilds in Österreich, das Wiener Bankhaus wurde nach dem Krieg nicht wiederbelebt.

Die zweite Verstaatlichung

Guy de Rothschild, der Vater des jetzigen Vorstandsvorsitzenden David, kehrte hingegen aus dem Exil nach Paris zurück und baute sein Unternehmen wieder auf. Als die Rothschild-Bank 1981 unter der Mitterrand-Regierung jedoch zum zweiten Mal verstaatlicht wurde, zog er sich resigniert zurück. „Ein Jude unter Pétain, ein Paria unter Mitterrand - mir reicht's jetzt“, schrieb er voller Verbitterung in einem Leserbrief.

Sein Sohn David, der damals gerade 40 Jahre alt war, war jedoch nicht bereit, aufzugeben. Gemeinsam mit seinem Halbbruder Edouard und seinem Cousin Eric gründete er mit einem Startkapital von einer Million Dollar eine neue Rothschild-Bank. Aus den kleinen Anfängen ist mittlerweile wieder eine einflussreiche Investmentbank geworden.

Zurück zur Unkonventionalität

Im Gegensatz zu ihren statusbetonten Vorfahren zeichnet sich der Umgang der heutigen Generation mit ihrer Geschichte durch eine gewisse Nonchalance aus. Gegenüber dem Büro von David de Rothschild, dem Platz, wo andere Privatbankiers ihre Ahnengalerien präsentieren, hängt ein Hundebild. Allerdings wurde der stolze Jagdhund nicht nur in Öl verewigt, sondern trägt auf dem Bild auch dunkle Weste und Monokel - die klassischen Insignien eines Bankiers des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Soviel Selbstironie man im Umgang mit der ruhmreichen Vergangenheit auch an den Tag legt, der Grundsatz der familiären Geschlossenheit wird auch heute noch verfolgt. Als dem Londoner Zweig Ende der neunziger Jahre die Nachwuchstalente ausgingen, wandte sich Bankchef Evelyn an David und bat ihn, sein Nachfolger zu werden. Nach 200 Jahren der Trennung soll der Name Rothschild in Zukunft wieder für ein Bankhaus stehen.

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Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft.

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