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Veröffentlicht: 01.10.2008, 15:35 Uhr

Finanzdynastien (15): Rothschild Finanzdynastie Rothschild: Im 20. Jahrhundert unerwünscht

Im 19. Jahrhundert waren die Rothschilds die reichste Familie der Welt. Sie finanzierten Kriege und den Eisenbahnbau. Die Nazis beendeten die Erfolgsgeschichte. Vorerst.

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© GDFL Stammhaus der Rothschilds in Frankfurt

Es ist das Jahr 1815, bei Waterloo kämpft Napoleon gegen die britisch-niederländisch-preußischen Truppen. Ein deprimiert aussehender Mann steht in London auf dem Börsenparkett und verkauft in großem Stil britische Staatsanleihen.

Judith Lembke Folgen:

Die übrigen Börsianer werten diese Verkäufe als Zeichen, dass die englischen Truppen den Franzosen unterlegen sind. Auch sie verkaufen, die Kurse fallen. Der inzwischen gar nicht mehr so traurig wirkende Mann - es handelt sich dabei um Nathan Rothschild - kauft die Papiere jetzt über einen Agenten zu Tiefstkursen.

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Im Gegensatz zu den anderen Spekulanten war er nämlich von Kanalschiffern informiert worden, dass die Engländer gegen Napoleon gewonnen hatten. Als am nächsten Tag die Siegesnachricht London erreicht, klettern die Kurse der Staatspapiere wieder steil nach oben. Nathan Rothschild verkauft die Anleihen mit einem riesigen Gewinn.

Rothschild © Vergrößern Baron David de Rothschild, Privatbankier, sprach mit F.A.Z.

Diese Geschichte ist in doppelter Hinsicht bezeichnend. Einerseits wirft sie ein Schlaglicht auf die kaufmännische Klugheit Nathan Rothschilds, des Gründers des britischen Familienzweigs. Auf der anderen Seite zeigt sie auch exemplarisch, dass Informationsvorteile damals wie heute im Finanzgeschäft bares Geld wert sind. Ob sie jedoch wahr ist, weiß wohl niemand so genau.

Mythische Geschichte

Um kaum eine Finanzdynastie ranken sich so viele Legenden wie um die Rothschilds. Zu dieser Mythenbildung hat die Familie maßgeblich selbst beigetragen - durch ihre Verschwiegenheit. Bis vor wenigen Jahren erhielt kein Historiker Zutritt zu allen Familienarchiven, die meisten Chroniken sind gegen den Widerstand der Familie entstanden. Dieser enge Zusammenhalt und die Geschlossenheit nach außen bildeten über Generationen die Basis für den geschäftlichen Erfolg der Familie.

Der Aufstieg der jüdischen Bankiers, die ihren Namen wirklich einem roten Schild an der Tür verdanken, beginnt im Frankfurt des 18. Jahrhunderts mit dem Tuchhändler Mayer Amschel. Neben einer großen kaufmännischen Begabung besaß er eine Leidenschaft für Numismatik. Er reiste seltenen Münzen und Medaillen hinterher, die er an vermögende Sammler verkaufte.

Die richtigen Beziehungen

Dabei achtete Mayer Amschel darauf, mit den richtigen Leuten Geschäfte zu machen. Bewusst kümmerte er sich um den Beziehungsaufbau zu den Mächtigen der damaligen Zeit. Wenn es seinem langfristigen Ziel diente, nahm er auch schon einmal einen Verlust in Kauf.

Als Hofbankier des Kurfürsten von Hessen gewann er zunächst an Vermögen und dann auch an Einfluss. Vor allem nahm Mayer Amschel einen ebenso unorthodoxen wie weitsichtigen Schritt vor: Vier seiner Söhne sandte er in die wichtigsten Städte Europas, damit sie dort internationale Geschäftsbeziehungen knüpften. Einen schickte er nach Wien, einen nach Neapel, einen nach Paris und einen nach London. Ein Sohn blieb am Stammplatz Frankfurt zurück.

Unkonventioneller Umgang

Am meisten reüssierte Nathan in England. Zunächst als Tuchhändler und später als Bankier wurde er schnell für seinen Mut und seine Unangepasstheit bekannt. Er gebärdete sich in London als Außenseiter, der gegen die Regeln des Establishments verstieß.

Davon erzählt unter anderem folgende Anekdote: Eines Tages verschaffte sich ein englischer Würdenträger ungebeten Zutritt zu Nathans Büro und wollte mit ihm sprechen. Nathan bat ihn unzeremoniell, Platz zu nehmen, er sei in einer Minute für ihn da. Daraufhin sagte der Würdenträger: „Wissen Sie eigentlich, wer ich bin?“, und zeigte auf seine Wappenborte. Nathan war daraufhin nicht um eine Antwort verlegen und sagte nur kurz: „Na, dann nehmen Sie sich doch zwei Stühle“, und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

Politische Vorbehalte kannte Nathan ebenso wenig wie nationale Dünkel. Zunächst finanzierte er den Krieg der Engländer gegen Napoleon, um nach der Niederlage Frankreichs die französischen Reparationen vorzustrecken.

Der Prophet des Geldes

Als Mayer Amschel 1812 starb, hinterließ er ein Testament, das die Grundsätze des Unternehmens für die Zukunft festschrieb. Ein wichtiger Aspekt bestand darin, dass die Töchter von der Teilhabe ausgeschlossen wurden. Das lag jedoch weniger an der Frauenfeindlichkeit des Patriarchen, sondern an seiner Angst vor einem zu großen Ehrgeiz der Schwiegersöhne.

Spätestens ab Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Rothschilds die Nummer eins in der Bankenwelt, niemand zählte mehr europäische Herrschaftshäuser zu seinen Stammkunden. „Geld ist der Gott unserer Zeit und Rothschild sein Prophet“, schrieb Heinrich Heine.

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