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Finanzdynastien (15): Castell : Eine Bank wie ein Mischwald

  • -Aktualisiert am

Wohnen im ehemaligen Regierungssitz: Ferdinand Erbgraf zu Castell-Castell im Hof seines Schlosses in Castell Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

Seit 1774 gibt es die Castell-Bank und sie ist noch in Händen der Gründerfamilie. Mit Katastrophen wie der aktuellen Finanzkrise haben die Waldbesitzer zu leben gelernt - im Forst genauso wie mit ihren anderen Unternehmungen.

          Über die Folgen der Finanzkrise, die derzeit die Welt erschüttert, denkt Ferdinand Graf zu Castell-Castell am liebsten in seinem Wald nach. Es ist nicht allein die Ruhe, die er im Steigerwald, 40 Kilometer östlich von Würzburg, sucht. Der Besitzer der Castell-Bank zeigt aus seinem Landrover auf eine kahle Stelle in seinem Wald, die der letzte Sturm hier in seine Fichtenbestände gerissen hat. Der Anblick ist so schrecklich wie der Blick in viele Wertpapierdepots.

          „Im 19. Jahrhundert wurde der traditionelle Mischwald hier zugunsten der Fichte geopfert“, erzählt Castell. Die wuchs schnell - im Gründerzeitboom war sie als billiges Bauholz gefragt - und warf hohe Erträge ab. Die Risiken dieser Monokultur wurden vernachlässigt. Doch die Jagd nach dem schnellen Geld kam die Castells teuer zu stehen. Stürme, Schneebrüche und Ungeziefer setzen den Beständen zu. „Das ist eine Katastrophe, was hier passiert“, sagt Castell.

          Der Graf redet nur scheinbar über Waldbau. Ihm geht es um die Finanzkrise. „Die Banken haben den hohen Erträgen nachgejagt und darüber die Risiken vergessen.“ Castell zieht daraus für die Bank und den Forst dieselben Lehren: Im Wald wendet er sich ab von der Monokultur und setzt auf Artenvielfalt, Naturverjüngung und eine Mischung aus alten und jungen Bäumen, aus Substanz und Wachstumswerten. Eiche, Kirsche, Esche, Elsbeere, Riegelahorn und Speierling bringt er in die Bestände ein. , Eichen und Buchen fördert er zulasten der Fichte. „Wir pflanzen nur, was die Natur ohnehin vorgesehen hat, mindestens sechs Baumarten je Standort.“ Läuft Buche nicht, dann vielleicht Edelkirsche oder Riegelahorn - das ist sein Motto.

          Kundendaten aus fünf Jahrhunderten: Das Archiv der Fürsten Castell hat auch alle Katastrophen überstanden

          „Uns fängt niemand auf“

          Auch in der Bank muss die Familie vorsichtig agieren. „Wenn wir Dummheiten machen, fängt uns niemand auf“, sagt Castell unter Anspielung auf die Rettung des angeschlagenen Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate. „Wir müssen selbst auf uns aufpassen.“

          Die Grafen Castell sind eines der ältesten Adelsgeschlechter Deutschlands. Seit 1057 nachgewiesen, bis 1806 souveräne Herren über die Grafschaft Castell, seit 1905 im Fürstenstand. Aus zwei Linien - Castell-Castell und Castell-Rüdenhausen - besteht die Familie. Mit den Bleistift-Königen, den Grafen von Faber-Castell, sind sie weitläufig verwandt.

          Die Grafen Castell - das sind 5000 Hektar Wald, 400 Hektar Landwirtschaft und 70 Hektar Wein. Hinzu kommt seit 1774 eine Bank, die Fürstlich Castell'sche Bank, eine der ältesten deutschen Privatbanken und immer noch im Besitz der Gründerfamilie.

          Im Vergleich zu anderen Banken plagen derzeit Luxusprobleme den Grafen Castell und Bankvorstandsmitglied Wolf-Christian Maßner: „Wir haben regelmäßig einen Überschuss an Liquidität, den wir am Geldmarkt plazieren“, sagt der Bankmanager. Während viele Banken verzweifelt frisches Geld suchen und wegen des allgemeinen Misstrauens in der Finanzbranche oft nur mit Hilfe der Notenbanken daran kommen, bringen die Kunden der Castell-Bank mehr Geld auf ihre Konten, als sie abheben.

          Gegründet im Kampf gegen den Hunger

          Doch dies ist nicht die einzige Besonderheit der Castell-Bank - Ungewöhnliches zieht sich durch ihre gesamte Geschichte. Allein, dass sich eine Adelsfamilie überhaupt in Geldgeschäfte engagierte, ist selten, war das Finanzgewerbe doch dem Adel lange Zeit vielerorts verboten. Die Castell-Bank wurde nicht aus Profitstreben gegründet. Im 18. Jahrhundert trieb wieder einmal eine Hungersnot viele Menschen in Unterfranken in die Not.

          Daraufhin entschieden die Herren über die Grafschaft, eine Sparkasse zu gründen, die wohltätigen Zwecken verpflichtet war und den Castellschen Untertanen durch die schwere Zeit helfen sollte. „Viele von ihnen tauchen einige Jahre später als Einleger in unseren Büchern auf - die Sanierung war bei vielen gelungen“, sagt Graf Castell mit Genugtuung.

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