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Finanzdynastien (14): Lazard Der Picasso der Finanzbranche

04.09.2008 ·  Michael David-Weill war ein Bankier, wie man ihn sich vorstellt: Das Bankhaus Lazard beriet Regierungen und war am Aufbau bedeutender Konzerne beteiligt. Lange ungeklärte Nachfolgefragen führten es jedoch in eine schwere Krise.

Von Gerald Braunberger
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Phalsbourg ist eine kleine, hübsche Stadt im Nordosten Frankreichs, etwa an der Grenze zwischen dem Elsass und Lothringen gelegen. Von hier aus zog es Mitte des 19. Jahrhunderts die drei Brüder Alexandre, Elie und Simon Lazard wie damals viele Europäer in die Neue Welt. Die drei Brüder ließen sich 1848 in New Orleans, wo viele Franzosen lebten, nieder und gründeten dort unter dem Namen Lazard Frères ein Handelsgeschäft.

Doch schon ein Jahr später zog es sie nach San Francisco, wo seinerzeit der Goldrausch ausgebrochen war. In Kalifornien begannen die Brüder zusammen mit ihrem Cousin Alexandre Weill, neben dem Warenhandel Finanzgeschäfte zu betreiben. Vor allem im Handel mit Gold und Devisen erwiesen sie sich als Experten, und mit diesen Geschäften brachten sie es im amerikanischen Bürgerkrieg zu Reichtum. Bald darauf gaben sie den Warenhandel auf, um sich auf Finanzgeschäfte zu konzentrieren. Zu dieser Entscheidung passte die Verlegung des Unternehmenssitzes von San Francisco nach New York.

Weill zeigte mehr Entschlossenheit als die Lazards

Der eigentliche Motor des Geschäfts war Alexandre Weill, der mehr Entschlossenheit und Tatkraft an den Tag legte als die Brüder Lazard. Da er zudem als einziges Mitglied des Quartetts männliche Nachkommen besaß, übernahm Weill mit seiner Familie im Laufe der Zeit die Macht, auch wenn das Unternehmen weiterhin den Namen Lazard trug.

Das Bankhaus beschränkte sich nicht auf die Vereinigten Staaten. Es gründete eine Gesellschaft in Paris, die relativ früh betrieb, was man heute Investmentbanking nennt. Vor allem beriet sie den Staat bei Geschäften mit Gold und Devisen sowie Unternehmer bei Fusionen und Übernahmen. Auf diese Weise etablierte sich Lazard im Heimatland seiner Gründer, ohne zunächst die dominierende Stellung des Hauses Rothschild frontal herauszufordern. Außerdem ließ sich Lazard in der führenden Welt-Finanzmetropole London nieder. Die dortige Gesellschaft wurde allerdings in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts mehrheitlich von der Familie Pearson übernommen.

Devisenhandel im Dienste des französischen Staats

Der Name Lazard wurde in den zwanziger Jahren in Frankreich sehr bekannt, als die Bank im Auftrag der Regierung am Devisenmarkt intervenierte, um den Kurs des unter Abwertungsdruck geratenen Franc zu stabilisieren. Die Mobilisierung einer privaten Bank wie Lazard erklärt sich aus der Tatsache, dass die Banque de France als Notenbank damals keine eigene Devisenhandelsabteilung besaß. Das Management der Währungsreserven war eine Angelegenheit der Regierung, die dabei auf die Unterstützung privater Banken zurückgriff.

Für Lazard erwiesen sich die engen Beziehungen zum Staat in den kommenden Jahrzehnten als außerordentlich nützlich. Außerdem beteiligte sich das Bankhaus damals an Unternehmensfinanzierungen; unter anderem besaß es enge Beziehungen zum bekannten Autohersteller Citroën. Die anschließende Weltwirtschaftskrise traf das Bankhaus jedoch schwer; vorübergehend war es nicht weit vom Zusammenbruch entfernt. Nach der Besetzung Frankreichs durch die Wehrmacht musste das Pariser Haus sogar geschlossen werden.

Ortswechsel nach New York

Der damalige Chef Pierre David-Weill (die Weills hatten sich in David-Weill umbenannt) verließ Frankreich mit einem hochtalentierten Mitarbeiter namens André Meyer, um die Bank von New York aus zu führen. Mit diesem Ortswechsel begann der Aufstieg von Lazard zu einer der führenden Investmentbanken der Welt.

Daran hatte Meyer einen nicht geringen Anteil; der Franzose besaß einen derartigen Einfallsreichtum, dass man ihn an der Wall Street bald als den „Picasso der Finanzbranche“ bezeichnete. Lazard war an der Umschuldung der in finanziellen Schwierigkeiten befindlichen Stadt New York beteiligt und profitierte von erstklassigen Beziehungen zu großen amerikanischen Industriekonzernen.

Wiederaufbau des Pariser Geschäfts

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Wiederaufbau des Pariser Geschäfts unter Führung von Pierre David-Weills Sohn Michel, der sich mit geschäftstüchtigen Partnern wie Bruno Roger und Antoine Bernheim (dem späteren Vorstandsvorsitzenden des italienischen Versicherungskonzerns Generali) umgab.

In einer Zeit, in der die Rothschilds in Paris an Einfluss verloren, wurde Lazard zum bedeutendsten französischen Privatbankhaus mit erstklassigen Verbindungen zu französischen Industrie- und Handelsunternehmen. Als Berater und Finanzier war Lazard unter anderem am Aufbau von Konzernen wie LVMH (Luxusgüter), Danone (Nahrungsmittel) und Cap Gemini (Software) beteiligt. Gleichzeitig pflegte das Bankhaus seine engen Beziehungen zur Pariser Politik.

Enges Netzwerk

Die eng gesponnenen Netzwerke von David-Weill und seinen Pariser Partnern bewährten sich vor allem während der Privatisierungswelle der Jahre 1986 bis 1988. Damals begann eine bürgerliche Regierung mit dem Wirtschafts- und Finanzminister (und späteren Premierminister) Edouard Balladur zahlreiche zuvor von Sozialisten und Kommunisten verstaatlichte Unternehmen zu verkaufen.

Allerdings wollte die Regierung verhindern, dass wichtige französische Unternehmen bei dieser Gelegenheit in Auslandsbesitz fallen würden. Also schuf man das Konzept der „noyaux durs“, der harten Aktionärskerne: Die privatisierten Unternehmen wurden mit Minderheitsbeteiligungen zuverlässiger französischer Aktionäre ausgestattet.

In der Praxis wurden die Privatisierungen von einem jungen Ministerialbeamten namens Jean-Marie Messier in enger Zusammenarbeit mit der Banque Lazard organisiert. Spätestens seit jener Zeit galt Lazard in Paris als eine im Geheimen wirkende Finanz-Großmacht. Bald darauf holte Lazard den umtriebigen Messier als Partner zu sich, der aber nicht blieb, sondern mit Unterstützung durch Lazard den Medienkonzern Vivendi zuerst aufbaute und später nahezu in den Bankrott führte.

Der „letzte Imperator“ der Wall Street

Nach dem Tode André Meyers setzte Michel David-Weill, den man an der Wall Street als „den letzten Imperator“ bezeichnete, mit der Zusammenführung der drei Häuser Lazard einen alten Traum um. Zuerst übernahm er neben dem Pariser auch die Leitung des New Yorker Hauses; einige Jahre später kaufte er von Pearson die Londoner Lazard-Bank zurück.

Lazard schien sich auf einem neuen Höhepunkt zu befinden, doch in Wirklichkeit hatte längst ein Niedergang eingesetzt. Dafür verantwortlich war die Organisation des Unternehmens als Partnerschaft. Neben der Familie David-Weill, die an der Kontrolle festhalten wollte, waren wichtige und immer wieder einmal untereinander zerstrittene Mitarbeiter an der Bank beteiligt. Auf diese Weise konnte das Bankhaus niemals so viel Eigenkapital mobilisieren wie die als Aktiengesellschaften verfassten großen amerikanischen Investmentbanken.

Lazard blieb zwar eine Referenz im Beratungsgeschäft (für das man kein Eigenkapital braucht), aber umfangreiche Kredit- und Kapitalmarktgeschäfte konnte die Bank nicht stemmen. Damit drohte sie auf den Status einer Nischenbank zurückzufallen.

Kein Nachfolger unter den Kindern

Außerdem besaß Michel David-Weill, der sich wie seine engen Partner dem Rentenalter näherte, ein Nachfolgeproblem: Unter seinen Kindern befand sich kein geeigneter Nachfolger. Ein Versuch mit seinem engagierten, aber eigenwilligen und undisziplinierten Schwiegersohn Edouard Stern ging völlig schief. Stern verließ Lazard bald wieder und wurde später in Genf von einer Geliebten erschossen. „Sie sind alle in einem biblischen Alter“, kommentierte ein Pariser Bankier mit Blick auf das Trio David-Weill, Roger und Bernheim. „Das ist ja wie im Vatikan.“

Die letzten Jahre unter David-Weill waren eine Zeit der Lähmung: Da die Nachfolge lange ungeklärt blieb, verließen ambitionierte Mitarbeiter das Haus. Eine angedachte Fusion mit Lehman Brothers kam nicht zustande. Schließlich holte David-Weill im Jahre 2001 den schillernden New Yorker Investmentbanker Bruce Wasserstein zu Lazard und überließ ihm die Macht.

Wasserstein, der zuvor sein eigenes Finanzhaus an die Dresdner Bank in Frankfurt verkauft hatte, mobilisierte zunächst einmal die Truppen, indem er erfolgreichen Mitarbeitern hohe Boni auszahlte, während Alteigentümer wie die Familie David-Weill geringere Dividenden als früher erhielten.

Schließlich stellte Wasserstein Lazard vom Kopf auf die Füße: Er brachte die Bank an den Aktienmarkt und kaufte mit dem Erlös die Familie David-Weill und einige ihrer Freunde aus. Heute ist Lazard eine mittelgroße, durchaus angesehene Investmentbank, die ihre Verbindungen zu den Gründern des Hauses gekappt hat.

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Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

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