01.09.2008 · Erst Jahrzehnte nach der Gründung 1805 stieß die Familie Pictet zur Privatbank Pictet & Cie. Heute bildet sie das Rückgrat der Bank mit Sitz in Genf - bestimmend, aber nicht beherrschend.
Von Jürgen DunschIm Jahr 1805 stand Genf nicht gut da. Sieben Jahre zuvor war die Stadt an Frankreich gefallen, jetzt stand sie unter Napoleons Herrschaft. Gleichwohl lassen in jenem Jahr die noch nicht 30 Jahre alten Bankiers Jacob-Michel-François de Candolle und Jacques-Henry Mallet zusammen mit drei Kommanditisten handschriftlich die vierseitige Gründungsurkunde für eine Gesellschaft anfertigen, die Kommissions- und Inkassogeschäfte sowie den Handel mit verschiedenen Rohwaren betreiben soll.
Schon bald darauf entdecken die Gründer aber zwei lukrativere Tätigkeitsgebiete: die Vermögensverwaltung und den Devisenhandel. Der Grundstein war gelegt für eine Bank, die zu einer der bekanntesten Privatbanken der Schweiz werden sollte: Pictet & Cie.
Vorläufer
Die Pictets, eine der ältesten Familien der Stadt mit dem Bürger- und Wohnrecht seit 1474, stoßen allerdings erst 1841 zur Bank. Zuvor prägten andere Namen das Haus. Nach dem frühen Tod Mallets, der schon zwei Jahre nach der Gründung des Unternehmens stirbt, werden dessen älterer Bruder Jean-Louis-Étienne Mallet sowie Jean-Louis Falquet und Paul Martin geschäftsführende Teilhaber.
Des Weiteren tritt Charles Turrettini-Necker, ein persönlicher Freund de Candolles, in den Kreis der Partner ein. Sein Name taucht auch in der Firma auf: sie heißt nunmehr De Candolle, Turrettini & Cie. Bei der Vermögensverwaltung, die auch Lotterieanleihen aus Wien oder Neapel und Aktienbeteiligungen an Schiffen und Brücken umfasst, bleibt es nicht. Die Partner der kleinen Bank - selbst 1880 beschäftigt sie erst zwölf Mitarbeiter - interessieren sich zeitweise zum Beispiel für das Versicherungsgeschäft.
Mit den Pictets kam die Wende
Das Jahr 1841 markiert einen Wendepunkt: Der erste Pictet tritt in den Kreis der Teilhaber ein. Seitdem ist die Familie mit der Bank verbunden. Ihr Name ist Teil der Genfer Geschichte: So wollte ein Mitglied der Familie 1815 auf dem Wiener Kongress den neuen Schweizer Kanton ein umfangreiches französisches Gebiet zuschlagen und hatte auch die Zustimmung der Großmächte. Aber die Genfer lehnten ab. Sie fürchteten um Stadt und Kanton als Heimat des Calvinismus, wenn so viele katholische Untertanen hinzugekommen wären.
Der Eintritt der Pictets in die Bank kommt auf einem Umweg zustande. Mitgründer de Candolle hat keinen Sohn, der ihm nachfolgen könnte. Aus diesem Grund wendet er sich kurz vor seinem Tod an einen Neffen seiner Gattin. Sein Name: Édouard Pictet. Mit seinem Eintritt in den Gesellschafterkreis gelangt der Name auf das Firmenschild - und prägt es bis heute, verbunden mit dem Löwen und dem Gründungsjahr.
Kein Familienbetrieb
Bald schon interessiert sich die Bank für die Finanzierung des Eisenbahnbaus in Europa. Turrettini, Pictet & Cie. gehört zu einem Konsortium aus vier Genfer Adressen, die den - dann doch nicht verwirklichten - Bau einer Strecke im Piemont finanzieren wollen. Das Konsortium ist aber einer der Bausteine, aus denen eine eigene Interessenvertretung der Genfer Häuser hervorgeht: die heutige Vereinigung Genfer Privatbankiers (Groupement des Banquiers privés genevois).
Und Pictet bildet die wichtigste Säule - wohlgemerkt als Bank und erst in zweiter Linie als Finanzdynastie. Denn so wichtig die Pictets für die Bank seit ihrem Eintritt sind, bleiben doch andere Familien ebenfalls von großer Bedeutung für die Entwicklung des Hauses - etwa die Gautiers, die Demoles und die de Saussures.
Die Bank an erstere Stelle
Charles Gautier zum Beispiel steuert mit den anderen Teilhabern die Bank durch die schwierigen zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts und durch den Zweiten Weltkrieg. Aufgeschlossen für soziale Fragen, zählt er zu den Pionieren der Errichtung von paritätisch verwalteten Pensionskassen bei den Privatbanken und zu den Förderern des sozialen Wohnungsbaus.
Wenn man so will, leistete er indirekt Vorarbeiten für das Geldhaus als heute namhafter Verwalter von Pensionskassengeldern in der Schweiz. Dessen ungeachtet haben Familienmitglieder von Pictet die Bank in vielfältiger Form geprägt. Daneben hinterlassen sie auch in der Schweizer Politik Spuren: Wie Albert Pictet, der zwischen 1942 und 1947 für den Kanton Genf im Ständerat, der zweiten Kammer des Parlaments in Bern, sitzt.
Aber die Bank steht an erster Stelle. An der Wende zum 20. Jahrhundert geht Guillaume Pictet über Europa hinaus und knüpft mit Reisen in die Vereinigten Staaten und nach Mexiko ein umfassendes Beziehungsnetz in Amerika. In seinem letzten Jahr als Teilhaber, nämlich 1926, erhält die Bank ihren heutigen Namen Pictet & Cie.
Wiederaufstieg in den Fünfzigern
Ihre Namensträger steuern das Haus durch die Weltwirtschaftskrise, die auch in Genf zu einem wirtschaftlichen Niedergang, sozialen Unruhen und 1931 zu dem das Land erschütternden Untergang der Skandalbank Banque de Genève führt. Sie versuchen im Zweiten Weltkrieg, trotz des weitgehenden Zusammenbruchs des internationalen Geschäftsverkehrs die Kundenkontakte zu halten.
Und sie haben entscheidenden Anteil am Aufstieg der Bank nach 1950, als sie ihr Kerngebiet Vermögensverwaltung vorantreibt. Dabei greift Pictet & Cie. neue Strömungen beherzt auf: das Vordringen der großen Kapitalsammelstellen wie Versicherungen, Pensionskassen und Investmentfonds, das Entstehen globaler Depotverwahrungen (Global Custody), die wachsende Bedeutung unabhängiger Vermögensverwalter, das Aufkommen umfassender Vermögensplanung für sehr reiche Privatkunden in „Family Offices“ und die Nutzung der Informationstechnologie.
Im Nachhaltigkeitstrend
Im Geschäft mit Investmentfonds ist Pictet in der Schweiz bevorzugter Partner der Ethos-Stiftung, die sich als Pensionskassenverwalter eine ethisch verantwortungsvolle und nachhaltige Unternehmensentwicklung auf ihre Fahnen geschrieben hat. Aber nirgendwo sticht die Bereitschaft der Teilhaber, alte Zöpfe abzuschneiden und Neues zu wagen, wohl mehr ins Auge als in der Wahl des Firmensitzes.
2006 erstellt Pictet eine neue Zentrale nach modernsten Energiestandards, mit ausgeklügelten Informationstechnologie- und Telekommunikationseinrichtungen sowie nahe gelegen zur Autobahn und zu einem Bahnhof. Das Genfer Traditionshaus zieht in das Entwicklungsgebiet Acacias, direkt neben dem Ortsschild Genf und gegenüber einer Tankstelle und einem Media-Markt.
Lieber ein großer Kleiner als ein kleiner Großer
Dies klingt nach gesichtsloser Bank-Fabrik. Der amtierende Senior-Partner Ivan Pictet, Vertreter der siebten Generation, verneint dies jedoch vehement. Pictet habe sich - im Gegensatz etwa zu den beiden Schweizer Großbanken UBS und Credit Suisse - der Industrialisierung der Finanzbranche nicht angeschlossen, betont er im Gespräch mit dieser Zeitung und ergänzt: „Wir wollen lieber ein Großer unter den kleineren Banken sein als eine kleine Großbank.“
Als Großer unter den Kleineren rechnet sich Pictet & Cie. heute zu den bedeutendsten Vermögensbanken in Europa. 2700 Mitarbeiter an 19 Standorten verwalten und verwahren insgesamt ein Kundenvermögen von rund 260 Milliarden Euro. Das Geldhaus vereinigt rund 40 Prozent aller „Assets“ der 14 Privatbanken in der Schweiz auf sich, schätzt Ivan Pictet.
Zugleich nimmt er eine qualitative Abgrenzung vor: „Von anderen Privatbanken unterscheiden wir uns durch die Breite unseres Geschäfts, unsere Internationalität sowie durch das weltweite Verwahrungsgeschäft von Wertpapieren.“ Zur Breite des Geschäfts gehören die mehr als 90 Investmentfonds, die Pictet aufgelegt hat, sowie die Dienstleistungen für rund 300 unabhängige Vermögensverwalter rund um die Welt.
Geschriebene und ungeschriebene Gesetze
In ihrem 2005 erschienen Buch „Mehr-Generationen-Familienunternehmen“ betonen Fritz Simon, Rudolf Wimmer und Torsten Groth „die geradezu ideale Kombination familiärer und unternehmerischer Strukturprinzipien“ bei Pictet & Cie. Geleitet wird die Bank von derzeit sieben unbeschränkt und solidarisch haftenden Teilhabern.
Etwa dreimal in der Woche beschäftigen sie sich mit den Zu- und Abgängen unter ihren Kunden. Auch sonst bespreche man sich fast täglich in der einen oder anderen Form, sagt Ivan Pictet, der als Senior-Teilhaber die Rolle des „Chef-Koordinators“ ausübt.
Als Namensgeber der Bank müssen die Pictets mindestens einen der Teilhaber stellen. Bevorzugt werden zwei, aber weder Vater und Sohn noch Brüder dürfen gleichzeitig im Führungsgremium sitzen. Dies gehört zu den vielen geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen in der Bank - ebenso wie die Maßgabe, dass allein die Nicht-Familienmitglieder den nächsten Pictet im Teilhaberkreis wählen.
Der Gedanke dahinter ist klar: Familiäre Strukturen sind erlaubt, Erbhöfe nicht. Neue Teilhaber müssen sich zuvor als Banker bewährt haben und in einer schwer fassbaren Weise zu diesem Genfer Kreis der besonderen Art passen. Ivan Pictet drückt dies folgendermaßen aus: „Ein Partner sollte persönlich so beschaffen sein, dass er und seine Familie mit den Kollegen die Ferien verbringen könnten.“
Jürgen Dunsch Jahrgang 1948, Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.
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