Manche nennen sie die „Königsfamilie Südafrikas“. In der Tat sind die Oppenheimers seit fast hundert Jahren die reichste Familie des Landes. Gold und Diamanten verdanken sie ihr Milliardenvermögen. Über drei Generationen hinweg beherrschten sie den weltweiten Handel mit den Edelsteinen.
Doch der Einfluss nimmt ab. Das von den Oppenheimers kreierte Diamantenkartell ist zusammengebrochen. Auch aus dem Rohstoffkonzern Anglo-American, einst von einem Oppenheimer gegründet, hat sich die Familie fast vollständig zurückgezogen. Damit neigt sich nicht nur die Geschichte einer der mächtigsten Dynastien der Welt dem Ende zu, sondern auch ein letzter Rest Kolonialgeschichte in Südafrika.
Wie zu Kolonialzeiten
Die Oppenheimer-Familie residiert seit drei Generationen im Johannesburger Vorort Parktown, nicht weit von den Straßen entfernt, die in den Zeiten des Gold- und Diamantenrausches eine ähnliche Rolle spielten wie heute die Wall Street. Ein schmuckloses Tor ohne Namensschild führt zu dem 16 Hektar großen Anwesen. Es wird nur nach Anmeldung für Besucher geöffnet.
Kaum jemand würde hinter dem Tor mehrere im kapholländischen Stil errichtete Herrenhäuser und opulente Gärten vermuten. Eine Bronzestatue von Renoir steht herum, in versteckten Teichen schwimmen Koi-Fische, ein 24 Meter langer Wasserfall rauscht im „japanischen Garten“. Wäre nicht die Autobahn in der Nähe, man würde sich wie auf einem Landgut zu Kolonialzeiten fühlen.
Verdeckte deutsche Wurzel
Ihre Wurzeln haben die Oppenheimers in Deutschland, genauer im hessischen Friedberg. Ernest Oppenheimer wurde 1902 im Alter von 22 Jahren von seinem Arbeitgeber, einem Edelsteinhändler, in das damalige Diamanten-Mekka nach Kimberley geschickt. Viele Abenteurer versuchten in dieser Zeit ihr Glück in Südafrika.
Ernest Oppenheimer bewies besonderes Geschick. Innerhalb von wenigen Jahren schaffte er es nicht nur, Bürgermeister der Stadt zu werden. Viel entscheidender sollte für seine Zukunft der Erwerb mehrerer Goldminenrechte auf dem südafrikanischen East Rand sein. Um diese zu nutzen, gründete er 1917, unterstützt von der amerikanischen Bank JP Morgan, Anglo-American - den lange Zeit größten Rohstoffkonzern der Welt. Der Name sollte die deutschen Wurzeln verdecken, denn Oppenheimer selbst hatte während des Ersten Weltkriegs mit Ressentiments gegen die Deutschen zu kämpfen.
Das Syndikat
Von den Diamanten wollte der junge Deutsche jedoch nicht lassen. Als das Förderunternehmen De Beers, 1880 von Cecil Rhodes gegründet, in Schwierigkeiten geriet, stieg Oppenheimer ein. Drei Jahre später wurde er Chairman. Bis heute wird dieser Posten in der Familie von Generation zu Generation weitergereicht.
Den Grundstein zur Weltmacht jedoch legte der passionierte Unternehmer mit der Gründung der Vertriebsorganisation Central Selling Organisation (CSO), einem Kartell, das jahrzehntelang bis zu 90 Prozent des weltweiten Diamantenmarktes kontrollierte. Kritiker nannten es das „Syndikat“.
Der Verkauf erfolgte nach einem festen, noch heute bestehenden Ritual. De Beers ließ Rohdiamanten aus aller Welt nach London verschiffen. Dort wurden sie in kleine Schächtelchen verpackt und zu bestimmten Terminen an Großhändler und Schleifer weitergereicht. Den Inhalt der Schächtelchen und den Preis diktierte De Beers. Aus dem Kartell auszuscheren schien unmöglich.
Das stellte etwa der amerikanische Juwelier Harry Winston in den vierziger Jahren fest. Er wollte Rohdiamanten aus Angola am Handelsarm von De Beers vorbei erwerben. So etwas konnte die mächtige Organisation freilich nicht hinnehmen. Angeblich soll sich sogar die britische Regierung eingeschaltet und das Vorhaben vereitelt haben.
Börsennotierte Familienbetriebe
Auch wenn Anglo-American und De Beers - Letztere bis 2001 - an der Börse gelistet waren, führten die Oppenheimers sie wie Familienbetriebe. So war es eine Selbstverständlichkeit, dass nach Ernests Rückzug sein Sohn Harry die Geschäfte übernahm. Wie sämtliche Söhne der Familie war er zur Ausbildung nach Großbritannien geschickt worden, in die Eliteschmieden Harrow und Oxford. Unter Harrys Ägide wuchs das Imperium weiter. Bis in die achtziger Jahre kontrollierten die Oppenheimers Hunderte Unternehmen und faktisch das gesamte Wirtschaftsleben Südafrikas. Ihr Diamantenreich erstreckte sich von der südlichen Spitze des Kontinents bis in die sibirische Tundra.
Die Marktmacht zu erhalten hatte auch für Harry Oppenheimer oberste Priorität. Mit teils undurchsichtigen milliardenschweren Abkommen schaffte er es, nicht nur die Konkurrenz in afrikanischen Staaten, sondern auch in Israel und Australien an das Kartell zu binden. Sogar die Sowjetunion, die zu den schärfsten Kritikern des Apartheid-Regimes zählte, verbündete sich mit den Erzkapitalisten aus dem offiziell geschmähten Land.
Selbst als die Vereinigten Staaten einen Haftbefehl wegen Verstoßes gegen das amerikanische Kartellrecht ausgaben und jahrzehntelang kein De-Beers-Manager nach Amerika reisen konnte, störte das die Herrscher der Diamantenwelt wenig. Dass Kunden und Geschäftspartner eher zu ihnen kamen als umgekehrt, waren sie ohnehin gewohnt.
Apartheid-Gegner
Auch wenn die Oppenheimers ihren Reichtum nicht zuletzt der Dominanz der Weißen in Südafrika zu verdanken hatten, gingen sie hart mit dem Apartheid-Regime ins Gericht - ob aus moralischer oder aus pragmatischer Sicht, sei dahingestellt. „Wir leiden in Südafrika heute unter der Rassentrennung der vergangenen 30 Jahre“, sagte etwa Harry Oppenheimer, „Wir können nicht für immer isoliert und verdammt von den westlichen Demokratien leben. Die Gefahren, denen wir im Land und von außen ausgesetzt sind, erfordern einen deutlichen und schnellen Politikwechsel.“
Jahrzehnte vor dem Ende der Apartheid setzte sich der Patriarch beispielsweise für gleiche Löhne für schwarze und weiße Arbeiter ein. Nach seinem Tod lobten daher nicht nur weiße Politiker den Wirtschaftsboss, sondern auch der frühere Staatschef Nelson Mandela. Biographen aber nennen ihn einen „Mann mit zwei Gesichtern“.
Langsamer Ausstieg
Für seinen Sohn Nicky war es nicht leicht, in die Fußstapfen des Vaters zu treten. Noch dazu sah er sich mit einer Herausforderung konfrontiert, der sich bis dahin kein Oppenheimer stellen musste: Macht abgeben zu müssen. Bei Anglo-American übernahm in den achtziger Jahren erstmals ein Nichtmitglied der Familie die Führung. So blieb es bis heute. Nicky Oppenheimer ist nicht mehr operativ tätig. Anglo-American wandelte sich zu einem „normalen“, derzeit von einer Amerikanerin geführten Konzern. Jüngst trennte er sich sogar vom Goldgeschäft, das den Beginn der Oppenheimer-Dynastie markierte.
De Beers indes ist weiterhin fest in der Hand der Familie mit Nicky Oppenheimer als Chairman. Doch auch hier waren Zugeständnisse unausweichlich. Nach dem politischen Umsturz in Südafrika musste der Diamantenkonzern schwarze Investoren beteiligen und Managementpositionen mit Schwarzen besetzen. Außerdem forderten andere afrikanische Staaten, endlich an dem Geschäft mit den Schätzen aus ihrer Erde beteiligt zu werden.
De Beers ging Gemeinschaftsunternehmen mit den Regierungen von Namibia und Botswana ein, sowohl auf der Produktions- als auch auf der Vermarktungsseite. Der Staat Botswana hält heute 15 Prozent am Konzernvermögen, Anglo-American 45 Prozent und die Oppenheimer-Familie 40 Prozent. „Hätten wir diesen Weg eingeschlagen? Ja. Hätten wir ihn so schnell eingeschlagen, wenn wir nicht gedrängt worden wären? Vermutlich nicht“, gestand Nicky Oppenheimer ein.
Das Ende des Kartells
Den größten Einschnitt in der Geschichte der Diamantenbarone stellte jedoch der Zusammenbruch ihres Vermarktungsmonopols dar. Seit dem Ende der Sowjetunion gelangten immer mehr Diamanten aus Russland außerhalb des Kartells auf den Markt. Auch wichtige Produzenten in Australien beendeten den Vertrag. Ebenso sträubten sich die Kanadier, die in den neunziger Jahren neue Vorkommen entdeckten, einzusteigen.
Anfangs kaufte De Beers die Diamanten abtrünniger Produzenten zu überhöhten Preisen auf. Langfristig aber war dieses Aufbegehren gegen die Marktkräfte nicht durchzuhalten. Schließlich wurde 2001 das Ende des 112 Jahre langen Monopols verkündet. Statt Angebot und Nachfrage direkt zu steuern, setzt das Unternehmen seitdem auf Marketing und den berühmten Werbespruch „Ein Diamant ist unvergänglich“. Der Marktanteil schrumpfte auf 40 Prozent.
Weniger Macht, aber noch immer genug Geld
Finanzielle Sorgen sind den Oppenheimers freilich immer noch fremd. Laut der Forbes-Liste hat Nicky Oppenheimer ein Vermögen von umgerechnet 3,6 Milliarden Euro. Neben dem Johannesburger Wohnsitz Brenthurst Gardens residieren die Oppenheimers auf der Waltham Place Farm in Großbritannien oder auf ihren Wildfarmen in Südafrika und Zimbabwe.
Nicky Oppenheimer hat zwar den Ruf, bodenständig und eher bescheiden zu sein. Mit seinem Vollbart und oft etwas vernachlässigter Kleidung gleicht der 62 Jahre alte Patriarch auch tatsächlich eher einem emeritierten Professor als einem Milliardär. Hält er sich in London auf, fliegt er jedoch im Hubschrauber zur Arbeit.
Die Zukunft der Oppenheimers wird Nickys einziger Sohn Jonathan bestimmen. Er stellte vor einiger Zeit seine Furchtlosigkeit unter Beweis, als er in Anzug und Krawatte einmal am Bungee-Seil die Victoria-Fälle hinunter sprang. Ob er in geschäftlichen Dingen ebenso waghalsig verfährt, bleibt abzuwarten. Sicher aber ist, dass die Beziehungen der Oppenheimers zu Südafrika entgegen allen Beteuerungen immer schwächer werden. Vor kurzem etwa sorgte die Mitteilung, dass Jonathan mit seiner Familie nach London ziehe, während die drei Kinder dort zur Schule gehen, für einen kleinen Aufruhr in den Medien: Eine „Königssippe“ verlässt nicht ihr Land.
Um ihre Heimatverbundenheit zu beweisen, ließen die sonst so medienscheuen Oppenheimers sogar Journalisten in ihre Villa. Tatsache ist jedoch, dass De Beers schon lange nicht mehr aus Südafrika gesteuert wird. Außerdem verbringt die jetzige Generation mehr Zeit in Europa als ihre Vorfahren. Der Abschied von dem Land, das sie reich gemacht hat, hat längst begonnen.