21.08.2008 · Der Name Rockefeller steht für unermesslichen Reichtum. John D. Rockefeller baute mit harten Methoden ein Ölimperium auf. Seine Nachfahren zehren bis heute davon. Ihr Vermögen haben sie wie andere Dynastien längst breit gestreut.
Von Roland LindnerWer wäre nicht gerne „reich wie Rockefeller“? Der Name der amerikanischen Dynastie steht sprichwörtlich für unermesslichen Reichtum - und ist offenbar die perfekte Identität für einen Hochstapler. Seit Wochen sorgt in Amerika ein mysteriöser Mann für Aufregung, der sich als „Clark Rockefeller“ ausgibt und behauptet, er sei ein Nachfahre des legendären Ölbarons John D. Rockefeller.
Der Mann geriet wegen der Entführung seiner Tochter in die Schlagzeilen und wird mittlerweile sogar mit einem Mord in Verbindung gebracht. Nach und nach stellte sich heraus, dass er nichts mit der Öldynastie zu tun hat, sondern in Wirklichkeit aus Oberbayern kommt und im Laufe seines Lebens in Amerika eine ganze Reihe verschiedener Identitäten angenommen hat.
Reicher als Gates und Buffett zusammen
Den Namen Rockefeller trug er besonders lange - und kam viele Jahre damit durch. Nun, da er als Schwindler aufgeflogen ist, ist der öffentliche Rummel um den „falschen Rockefeller“ gewaltig. Das zeigt, dass der Name bis heute einen Ruf wie Donnerhall hat.
John D. Rockefeller ist mit seinem im neunzehnten Jahrhundert geschmiedeten Ölimperium Standard Oil zu einem der schillerndsten Unternehmer aller Zeiten geworden. Er gilt als der reichste Mensch, der jemals gelebt hat. Sein Vermögen auf dem Höhepunkt seines Reichtums würde nach Schätzung der Zeitschrift „Forbes“ heute fast 320 Milliarden Dollar entsprechen, wenn man die Inflation berücksichtigt. Das stellt die Superreichen von heute wie den Investor Warren Buffett oder Microsoft-Mitgründer Bill Gates in den Schatten, die in der aktuellen Forbes-Liste mit 62 Milliarden und 58 Milliarden Dollar geführt werden.
Ruppiger und skrupelloser Wohltäter
Rockefeller wurde nicht nur berühmt für den Reichtum an sich, sondern für die Skrupellosigkeit, mit der er zu Geld kam. Kritiker nannten ihn einen der industriellen Raubritter (“Robber Barons“) aus dem neunzehnten Jahrhundert, die ihr Vermögen auf dem Rücken von anderen gemacht und ihre Wettbewerber mit ruppigen Methoden ausgeschaltet haben.
Daneben gibt es aber auch das ganz andere Bild des Wohltäters: John D. Rockefeller hat einen großen Teil seines Geldes für karitative Zwecke hergegeben, er gilt als einer der Urväter der Philanthropie. Vom gigantischen Vermögen, das John D. Rockefeller geschaffen hat, zehren auch seine Nachfahren noch heute. Keiner seiner Erben hat eine ähnliche unternehmerische Leistung vollbracht, aber viele Mitglieder der Rockefeller-Familie sind zu einflussreichen Figuren in Wirtschaft und Politik geworden.
Von Süßwaren zum Öl
Die Rockefellers haben ihre Wurzeln in Deutschland, der ursprüngliche Name war „Rockenfeller“. Im Jahr 1723 wanderte Johann Peter Rockenfeller aus Neuwied nach Amerika aus, John D. Rockefeller ist sein Urururenkel. John wurde im Jahr 1839 geboren, er wuchs als zweites von sechs Kindern in einfachen Verhältnissen auf.
Seine Geschäftstüchtigkeit hat er schon als Kind unter Beweis gestellt: Er kaufte billig Großpackungen von Süßigkeiten und verkaufte die Ware dann in kleineren Mengen mit Gewinn an seine Geschwister weiter. Mit 16 Jahren arbeitete er als Buchhalter in einem Kommissionshaus, in dem mit Lebensmitteln gehandelt wurde. Ein paar Jahre später machte Rockefeller sein eigenes Handelshaus auf.
Bald aber wechselte er die Branche: In Amerika entstanden die ersten Ölfelder, und Rockefeller ahnte, was für ein lukratives Geschäft hier lauerte. Im Jahr 1863 baute er in Cleveland seine erste Ölraffinerie und expandierte rasch, im Jahr 1870 bündelte er seine Geschäfte im Unternehmen Standard Oil.
Ins Visier der Regierung
Rockefeller griff zu umstrittenen Methoden, um seine Position im Wettbewerb zu stärken. Er handelte hinter den Kulissen Rabatte für den Öltransport mit den Eisenbahnbetreibern aus und sicherte sich so erhebliche Kostenvorteile gegenüber der Konkurrenz. Die geschwächten Wettbewerber sahen sich reihenweise gezwungen, ihr Geschäft an Rockefeller zu verkaufen. So kontrollierte Rockefeller bald 90 Prozent des amerikanischen Marktes und wurde zum größten Ölverarbeiter der Welt. Auch in das Geschäft mit der Förderung von Öl stieg er ein.
Je mächtiger Standard Oil wurde, umso mehr gerieten die Geschäftspraktiken ins Visier der amerikanischen Regierung. Das führte schließlich im Jahr 1911 zu einem der spektakulärsten Kartellurteile aller Zeiten: Der Oberste Gerichtshof entschied, Standard Oil in 34 Teile zu zerschlagen. Alle großen amerikanischen Ölkonzerne von heute können ihre Wurzeln auf diese Zerschlagung zurückführen: So gab es nach der Aufteilung die beiden Unternehmen Standard Oil of New Jersey und Standard Oil of New York, aus denen später Exxon und Mobil wurden und schließlich über die Fusion im Jahr 1999 der heute größte amerikanische Ölkonzern Exxon-Mobil.
Die Wettbewerber Chevron und Conoco-Phillips haben ebenfalls Vorgängergesellschaften in den Abkömmlingen von Standard Oil. Ironischerweise war der Kartellspruch am Ende alles andere als eine finanzielle Bestrafung für die Rockefellers. Denn die Familie hielt auch Anteile an den Nachfolgegesellschaften, und deren Börsenbewertungen stiegen nach der Zerschlagung deutlich an.
Vom Unternehmen zum Investor
John D. Rockefeller hat die Führung von Standard Oil bereits im Jahr 1897 und damit 40 Jahre vor seinem Tod abgegeben, sein Nachfolger wurde der familienfremde John Dustin Archbold. Der Übergang markierte einen dramatischen Rollenwechsel: Die Rockefeller waren nun in erster Linie Aktionäre und nicht mehr Gestalter.
Das Vermögen aus dem Ölgeschäft wurde im Laufe der Jahre in verschiedenen Treuhandfonds gebündelt, und die Familie konzentrierte ihre Aufmerksamkeit vor allem auf wohltätige Zwecke. John D. Rockefeller hatte schon in seiner Jugend damit begonnen, 10 Prozent seines Einkommens zu spenden. Nach seinem Abschied bei Standard Oil begann er mit systematischer Stiftungsarbeit.
Er gab Geld für Universitäten und für Forschung in Medizin und Sozialwissenschaften. Rockefeller gilt als Pionier im modernen Stiftungswesen, weil er nicht einfach nur Geld spendete, sondern einen unternehmerischen Ansatz hatte. Er wählte die Gebiete, auf denen er sich engagierte, mit Hilfe von Experten sorgfältig und nach langwieriger Vorarbeit aus, und er verfolgte die Fortschritte seiner Stiftungsprojekte genau. Auch sein Sohn John D. junior wurde vor allem mit Stiftungsarbeit bekannt. Er war zwar zwischenzeitlich im Management von Standard Oil vertreten, übernahm aber nie die Führung und zog sich im Jahr 1910 aus dem Unternehmen zurück.
Politische und andere Karrieren
Wohltätige Arbeit hat auch in den nachfolgenden Generationen der Rockefellers eine zentrale Rolle gespielt. Einige Kinder von John D. junior kamen aber auch mit ihren eigenen Karrieren zu Prominenz. Nelson Rockefeller war in den siebziger Jahren Vizepräsident der Vereinigten Staaten, zuvor war er Gouverneur des Bundesstaates New York.
Winthrop Rockefeller hat es zum Gouverneur von Arkansas gebracht. David Rockefeller, der einzige heute noch lebende Sohn von John D. junior, ist neben dem Gründer der Einzige aus der Familie, der zu einer Wirtschaftsgröße wurde. Er war viele Jahre Vorstandsvorsitzender der Bank Chase Manhattan (heute JP Morgan Chase).
Nur einer auf der Forbes-Liste
Der 93 Jahre alte David Rockefeller ist heute der Patriarch der Familie und wohl auch deren reichstes Mitglied. Als einziger Rockefeller steht er auf der Forbes-Liste mit einem Vermögen von 2,7 Milliarden Dollar. Die zentrale Organisation der Öldynastie ist die Holdinggesellschaft „Rockefeller Financial Services“, die ihren Sitz im New Yorker Rockefeller Center hat (das allerdings seit einiger Zeit nicht mehr der Familie gehört).
Die Holding hat fünf Sparten, deren Ziel es vor allem ist, das Vermögen der Rockefellers zu erhalten und zu vermehren. Einige der Sparten sind aber auch unternehmerisch aktiv und vermarkten ihre Dienste nach außen: So gibt es eine Wagniskapitalgesellschaft mit dem Namen Venrock und den Finanzdienstleister Rockefeller & Co., der Vermögensverwaltung für Wohlhabende anbietet.
Ungewöhnliche Aktivität für alternative Energien
Der Rockefeller-Clan umfasst heute 78 erwachsene Mitglieder, inklusive deren Nachkommen sind es fast 250. Zweimal im Jahr - jeweils im Juni und im Dezember - treffen sich alle Rockefellers im feudalen Familienanwesen mit dem Namen „Kykuit“ etwas außerhalb von New York. Die Rockefeller sind eine sehr zurückhaltende und skandalfreie Dynastie, ganz in der Tradition ihres Vorfahren John D. senior, der großen Wert auf Bodenständigkeit und Bescheidenheit legte.
In diesem Jahr kam es aber doch zu einem ungewohnten öffentlichen Vorstoß der Familie: Eine Gruppe von Rockefellers hat eine Kampagne gestartet, um Veränderungen beim Ölkonzern Exxon-Mobil durchzusetzen, an dem Familienmitglieder bis heute Aktienpakete halten. Bei der Aktionärsversammlung im Mai setzten sie mehrere Anträge auf die Tagesordnung und wollten damit unter anderem erreichen, dass Exxon-Mobil neue Projekte zu alternativen Energien startet.
Zwei Rockefeller-Erben luden im Vorfeld der Veranstaltung sogar zu einer Pressekonferenz in ein Hotel in Manhattan ein, um für ihre Initiative zu werben. Es war eine seltene Gelegenheit für die Öffentlichkeit, einmal zwei echte Rockefellers zu Gesicht zu bekommen. Der Glamour des Namens Rockefeller hat aber am Ende nichts gebracht: Die Anträge der Familie wurden bei der Aktionärsversammlung abgelehnt.
"Raubritter" ist Polemik
Karsten Krug (kkrug)
- 21.08.2008, 14:04 Uhr
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